In Schlucken – einem Specht

März 27, 2007 um 3:06 am | Veröffentlicht in Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 8 Kommentare

Einen Whiskey auf kein Jubiläum

schausaufen-mit-betonung.jpgEr war schon als Ungeborener was Besonderes, zu einer Zeit, als es keinen sichereren Ort gab als in Mutters Bauch. Und er in einem Hamburger Luftschutzkeller in Anbetracht der Umstände beschloss, ein Zehnmonatskind zu werden.

Allerdings würde ihm wohl gegen das „Besondere“ bestimmt ein launiger Spruch einfallen, wo er doch nicht müde wird zu behaupten, dass andere Leute ein viel interessanteres Leben hätten als er. Deshalb hat er sich „jetzt auch ausbedungen, dass in Kurzviten nicht mehr irgendetwas Kreatives steht. Da steht nur noch […] geboren 1945 in Hamburg 13, lebt in Hamburg Eppendorf. Für Kenner ist das ein leichter Abstieg, aber noch nicht die schiefe Bahn, man braucht sich also noch keine Sorgen zu machen.“

Na gut, ist er halt ein ganz gewöhnlicher Mensch. Und woran erkennt man einen solchen? Daran, dass er reihenweise überall Übersetzerpreise abräumt. Dass seine legendären und exzessiven Lesungen voll absurden Humors, geistiger Getränke, Abschweifungen, hintersinniger Dialoge mit dem Publikum und sprachlicher Perlen Stunden dauern und meist lange im Voraus ausverkauft sind. – Er selbst hat sie mal ‚Schausaufen mit Betonung‘ genannt. Daran, dass andere über ihn sagen, er „gehört zu den großen Tieren, was Herz und Witz und Verstand und Trinkvolumen anbetrifft“.

So einer ist sich auch nicht zu schade, als Penner unter seinem echten Vornamen in einer Endlos-Seifenoper des Fernsehens sein (Un)Wesen zu treiben. Und begnügt sich natürlich nicht damit, anderer Leute Bücher aufs Exzellenteste ins muttersprachliche Idiom zu übertragen.

Nein, er schmeißt nämlich Briefe nicht weg, sondern macht eigene Drucksachen unter guerillierenden Losungen draus. Und – welche Freude! – er lässt sich auch gelegentlich wieder in Pooh’s Corner sehen, um den geneigten Leser mit Seinungen Meinungen und Deinungen eines Bären von geringem Verstand zu beglücken. In seiner Blockhütte im Wilden Westen kocht er für die Liebhaber des leckeren sprachlichen Nonsens‘ seinen berühmten Schlichtglibber „Shaolin“. Er kennt sogar wahre Engel und das Innenleben meines Roboters. Und längst ist es auch kein Geheimnis mehr, dass er – mit einem anderen Kerl – einen Kater gezeugt hat, der seinen Taufnamen ignoriert und sich selber ICH nennt. Neben allem, was dieses putzige Vieh sonst so treibt, philosophiert es vor sich hin und lehrt Kinder, wie man sich groß und respektiert fühlen kann:

„Ratten sind ja eigentlich so was Ähnliches wie Mäuse, denkt Ich.
Nur eben leider größer. Und Löwen sind so was Ähnliches wie Katzen,
denkt Ich. Nur eben leider größer. Und ich bin leider kein Löwe.
Jedenfalls heute nicht. Aber, denkt Ich, aber
…ich könnte ja einfach mal so tun.“

Von dessen geistigem Vater weiß man, dass er prädestiniert ist, Gebrauchsanweisungen für Irland zu geben. Na, und zum Ambassador of Irish Whiskey ist der mit Sicherheit auch aus Gründen ernannt worden.

Von einem seiner Live-Auftritte ist sein Lieblingsausländerwitz überliefert:

Ali klopft im Hinterhof seinen Teppich; ein Nachbar kommt vorbei, sieht Ali gegen den Teppich schlagen und fragt: „Hallo, Ali, springt er mal wieder nicht an?“

Jeder, der ihn fragt, ob er etwas mit dem gleichnamigen Verlag zu tun hat, muss einen Fünfer an eine Wohltätigkeitsorganisation spenden.

Für eine gute Pointe würde er seine Großmutter verkaufen, wenn er noch eine hätte. Also eine Großmutter jetzt. Und das grandiose Vergnügen, sein Leben von der Wiege bis zur Biege in einem Anlauf zu inhalieren, ist jedem, der es bisher versäumt hat, nur wärmstens zu empfehlen.
Der Paganini der Abschweifung. Ein Realer Poet vor dem Herrn.

Heute hat er Geburtstag.

Happy 62, Harry Rowohlt!
Der Kampf geht weiter

8 Kommentare »

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  1. 62 schon wieder, der Sack? Lasst mich lieber nicht anfangen, über meinen größeren Kollegen zu kommentieren, sonst wird’s so lang wie der Eintrag selber.

    Nur so als Tipp: Die Lektrice vom Luchterhand Verlag, für den Herr Rowohlt „Angela’s Ashes“ übersetzt hat, berichtet, der Gute kann nicht nur ein begnadeter Übersetzer, sondern auch ein begnadetes Rindviech sein – und wir wissen, dass sie den Folgeband bei Rudolf Hermstein in Auftrag gegeben haben, der ja dann auch recht sauber geliefert hat. Ja, und deswegen sollte man Herrn Rowohlt, wie er selbst empfiehlt, nicht begrüßen mit: „Sind Sie nicht der Penner aus der Lindenstraße?“

    Selber hab ich anscheinend seinen Ton getroffen: Unter meinen eigenen nicht weggeschmissenen Briefen finden sich ein Poststück und ein Fax von ihm. Uah, ich hätte fast mal mit Harry Rowohlt telefoniert…

    Glückwunsch, wollt ich sagen.

  2. Grrm. Wenn mal bitte jemand bei Linkanfang das Wort „Folgeband“ einfügen und den Link abschließen könnte? Bitte?

    Schullichung for spamming… Schäm.

  3. Stimmt, guter Mann, ich wollte immer mal wieder in diese beiden Poohs-Corner-Bücher reinschauen, die ich im Regal stehen und vor Jahren mit Genuss gelesen habe. Danke für die Erinnerung!

  4. Wow! Wolf, was hattest du denn – beinahe *g* – mit dem Rowohltschen zu bereden? Wenn du mich schon neugierig machst, kannst du auch ruhig ein bissl mehr verraten.😉

    Soho, alles oki-doki mitm Folgeband. Und: Ach quack, nix Grund for schäming. Im Gegentum: Dankeschön für Anreicherung!🙂

    @Frederic: Sach ich doch. Btw: ICH danke.
    Die zwei Schluckspechte sind das Reingucken wie schon gesagt auch wert.

    Ah, und sorry, dein Stöckchen hatte ich gar nicht gleich gefunden. Zu meiner Schande muss ich gestehen, es modert irgendwo inner Ecke vor sich hin. Seufz… es ist so wenig Zeit. Aber ich klick mal wieder auf ein Honigbrot vorbei.😉

  5. Das erste Mal hat Herr Rowohlt freundlich auf meine Frage geantwortet, von welchem „Basis-Überbau-Gedicht“ von angeblich Robert Gernhardt er da in einem alten Raben redet. Soll ich’s sagen? – :

    Die Basis sprach zum Überbau:
    „Du bist ja heut schon wieder blau!“
    Da sprach der Überbau zur Basis:
    „Was is?“

    Dazu war tatsächlich ein Briefwechsel notwendig; da wusste ja noch nicht mal Google, was Google ist.

    Das zweite Mal wollte ich ein Zitat von dem Herrn (Rowohlt, nicht Gernhardt) für meine Geschäftsseite verwenden („Die Leute klingen ja heute alle wie schlecht aus dem Englischen übersetzt“) und hab ihn um Erlaubnis gefragt. Dieweil er als nicht sehr internetaffin einzuschätzen ist, ham wir halt kurz gefaxt.

    Daraus erhellte ferner, dass Harry Rowohlt als Übersetzer nicht vereidigt, ja noch nicht mal zugelassen ist. „Schon bitter, sowas.“

  6. Da sieht mans mal wieder: Titel sind Schall und Rauch… wenns ums Können geht – *hüstel* leider nicht bei der Bezahlung desselben. – Auch da frage man Herrn Rowohlt. *g*

    Mönsch, und wieso hab ich wegen dem alten Raben jetzt einen Ohrwurm vom Ringswandl? – :*träller* „Sechse in der Früh‘. So früh aufstehst du nie…“😉

  7. Wenn ich mein Leben damit verbringen muss, mir die Nachfragen nach meiner geldadligen Provenienz unwillig zu verbitten („Ham Sie was mittem Rohwolltverlach zu tun?“), brauch ich auch keine Zulassung mehr…

  8. Was noch nicht unbedingt höhere Scheffelungen garantiert… Aber schaden tuts wohl nicht. Und schließlich hatter ja noch ’n paar Nebenjobs.😉


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