Neulich in Neukölln…

Januar 13, 2007 um 4:41 am | Veröffentlicht in Alles platti, Berlin, Hexengeschichten | 4 Kommentare

Vater Zilles Urenkel

– Matze?

– Mmh…

– Du, Matzeee!?

– Wat haste denn, meene Kleene?

– Icke fahr morjen nach Marzahn – kommste mit?

– ……… .

– MATZZZE!

– Hä? Wat haste jesacht? Achso… ja, Marzahn – kenn ick… een oller grauer Betongschuhkartong am andern, Risse inne Wände, dreckich un öde… allet Asis da. Jipste mir noch ’n Bier rüber? Mahlzahn rosé

– Hmmm… Mein Bruder wohnt jetz da mit seiner Familje. In ’n schicket Penthouse sind se jezogen, mit richtjen Ateljehfenstan un so. Da will ick morjen hin.

– Sach ick doch, allet Asis da…. Sin alle arbeitslos da un liegen Vadder Staat uffe Tasche. Die janze Hartz IV-Kohle jeht daaa hin. Meine juten Steuerjelder, für die icke schwer malochen jehe, un damit schieben die ’n Lenz da…

– Naja, meene Atze is ja bei de Bank da. Und vadient jarnich ma so schlecht. Und was seine Moni is – die macht Kunst, uffn Kompjuta.

– Siehste, brotlose Künstla. Wenn ick dat schon höre! So vakrachte Essenzn… oooch Asis, die passn da hin. Die sind oooch alle arbeitslos…

– E-x-i-s-t-e-n-z-e-n heeßt det, Matze. Nene, die macht det für ’ne richtje Firma, freihändich oda wie man det nennt. Und im Radio hab ick neulich jehört, dass Mitte ville mehr Arbeitslose hat, die höchste Quote in Berlin.

– Hähää, im Raaadio. Dir könnse aber och allet erzähln, meen kleenet Jänseliesl. Mitte is Rejierungsviertel, die Beamtenärsche da sitzn wie anjeleimt uff ihrm Arbeitssessel. Die Witzbolde vonne Presse ham bestimmt nur jemeint, det von die kaum eena arbeetn tut, hähähähä… Wo issn nu det Bier?

– Hier… eeeh, langsam könntste aba och uffhörn zu saufen.

– Jenau – saufen tun se da och alle, inne Platte. Weilse keene Zukunft ham un Plattewohnen uffs Jemüt schlagen tut… det Triste halt… Vadda steht schon mittachs nachm Uffstehn an’n Imbiss un jibt sich de Kante. Un wenn dann ahmds det Jeld alle is, kommta heem un vermöbelt seine Olle un de Kinder. So lehm die da… keene Bildung un Kultur nich…

– Also so eener is mein Nachbar im Parterr‘ och, ständig besoffen un Zoff zu Hause. Dazu musste nich in Marzahn wohn‘. Und mein Bruder nu wieder, der ja nu da wohnt, der is nich so eener. Die ham een jeregeltet Lehm. Un Kultur is bei die och janz jroß jeschriem, die ham sogar Bücher. Un die kleene Süße, was meene Nichte is, die hamse jetze in sone bilinguale Kita unterjebracht.

– Billiche Kita? Meensch, wenn die son Schotter ham, könnse sich da für ihre Jöre nich wat Bessret leisten? Aba da jibs wohl nüscht Bessret. Sindse blöde dran, so als weiße Krähen… sach ick ja, keene Kultur da.

– B-i-l-i-n-g-u-a-l, Matze. Det heeßt zweesprachich. Denen ihre Kleene lernt da Deutsch un Russisch in eenem Ruck. Du, die is jetze schon schlauer als wir beede zusamm‘, wo du immer Probleme mit die Fremdwörters hast, Matze. Und so janz einsame weiße Raben – R-a-b-e-n, Matze! – also det sindse da och nich, sein Nachbar is sogar Dokta. Der hat ihn neulich zu seine Promotionsfeier einjeladen.

– Hä? Schtümmt, voll von Russen isset da och, proppenvoll. Die saufen och alle, is anjeborn bei die. Siehste, deswegn wohn‘ die och alle da, arbeetn och nich, allet eene Sorte da. Und der Dokta is doch och bloß sowat wie’n Schoten-Akademika. Ob ick den ma anhaun kann wejen meene nächste Montachskrankheit? Krankenschein macht sich immer jut beim Meesta. Schmeiß ma nochn Bier rüber, Netti…Och allet Russen…

– Det sind Russlanddeutsche, keene Russen, Matze. Hams halt och schwer, Arbeet zu finden – und een Zuhause. Ick hab een‘ Kollegen, der IS Russlanddeutscher… kluger, fleißja Mann. Der arbeetet sich in unsern Supermarkt jrade zum Filjalleita hoch, und saufen tut der och nich. Ach, und det heeßt Quoten-Akademika, Matze. Außadem is der Dokta der Physik, also nischt mit Krankenschein. Haste nich langsam jenuch?

– Ha‘ ick doch jesacht, Knoten-Akademika. Maaann, nich ma sein kulturvollet Feierahmdbier wird eem jegönnt. Ausnahm‘ jibs ehm überall, Kleene. Aba ick weeß Bescheid, weeß, wie det Lehm is…

– Naaa, ick weeß ja nich, hast ’ne janz schöne Schema-F-Perschpektive, Matze. Ziemlich ville Vorurteile. Wird Zeit, dass de dich da ma wieder umkiekst. Kommste nu mit morgen?

– Wat heeßt hier wieda? Biste plemplem? Keene zehn Pferde bringen mich jemals in die Schlamms da, det vasaut unsaeem ja ’n janzn Horizont…

***

Hm, wo wohne ich da bloß? Muss man sich jetzt eigentlich schämen, dass man nicht ins Klitschje… öh, Klischee passt? Sollte man nicht wenigstens anfangen zu saufen, wo man auch bloß ’n Quoten-Akademiker ist? Und schon sein halbes Leben in der Platte zubringt, nicht mal genötigt. Schade, dass ich nicht gut zeichnen kann – so wie Urjroßvadder Zille -, liegt ja vielleicht auch an diesem kulturbanausigen Umfeld. Sonst hätt‘ ick ’n Comic draus jemacht… ;o)

4 Kommentare »

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  1. Sowas heißt in Nürnberg Gostenhof, in München Hasenbergl und Ramersdorf gleichzeitig, in New York Brooklyn und auf der ganzen Welt China oder Kalkutta. Gesoffen, die übergeordneten Instanzen behumst und unter der Dusche gewixt wird überall.

  2. Öh – wo kamma hier die Lesenswertpunkte verteilen, wollt ich fragen .ò)

  3. :o))) Uiii, vielleicht mal Mr. WordPress fragen?
    Und: Danke!

    Dachte ich’s mir doch: jedem sein Klein-Marzahn, da fühlt man sich doch gleich besser. ;o)

  4. […] einmal in den unendlichen Weiten des Internets unterwegs war, stieß ich zufällig auf den Blog der Hochhaushex’, die folgenden Artikel gepostet hat. Ich wär beinahe vor Lachen vom Stuhl gefallen…dat is […]


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