El Cantor oder Der andere 11. September
September 11, 2008 at 11:45 | In 2008, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, So Momente halt..., Uncategorized | Leave a CommentTags: 9/11, Chile, Dichter, Folk, Musik, Sänger, Victor Jara
Wie schwer ist das Singen,
wenn ich den Schrecken singen muß.
Den Schrecken, den ich lebe,
den Schrecken, den ich sterbe.
Mich selbst unter so vielen sehen
und so viele Augenblicke der Unendlichkeit,
in denen Schweigen und Schreie
das Ende meines Gesanges sind.
Was ich sehe, habe ich nie gesehen.
Was ich gefühlt habe und was ich fühle,
wird den Augenblick erschaffen…
Victor Jara. Aus seinem letzten Gedicht, geschrieben
kurz vor seiner Ermordung im Estadio de Chile.)
in heller Spätsommermorgen. Die Sonne hat nicht mehr die Kraft wie vor ein paar Wochen. Sie ist sanft und ein bisschen müde geworden, aber sie gießt uns noch Wärme auf die Haut, weiches Licht in jeden Winkel und eine Stimmung in uns, die sich nach Abschied anfühlt. Solche Tage nennen wir Altweibersommer, goldenen Herbst, Indian Summer oder wer weiß wie sonst noch. Ich liebe ihre melancholische Schönheit.
Jener 11. September war so ein Tag, glaube ich mich zu erinnern. —
Bis die Flugzeuge durch den Himmel donnerten, die… nein, nicht in zwei Türme rasten,
sondern Bomben auf die Moneda, den Sitz ihrer demokratischen Regierung, warfen;
bis faschistische Militärs, unterstützt vom Geheimdienst einer Weltmacht, die den Verlust ihres Einflusses und ein neues Kuba fürchtete, ein Land und seine junge Demokratie in Blut und Terror ertränkten;
bis die Putschisten den vom Volk gewählten Präsidenten Salvador Allende und tausende unschuldiger Landsleute ermordeten;
bis sie eine grausame Diktatur errichteten, die Hoffnung von Millionen Menschen dieses Volkes auf ein besseres und friedliches Leben für Jahre erstickten – erschossen, erschlugen;
bis sie Bücher verbrannten und die Stimme ihrer Poeten zum Schweigen brachten.
In diesem Land, das uns näher war als je zuvor, näher als der ferne Kontinent, auf dem es liegt. An diesem 11. September 1973. Heute vor 35 Jahren. In Chile.
Vor ein paar Tagen wurde ich auf besondere Weise an dieses Datum erinnert, dessen Bilder sich ins Hirn eingebrannt haben: ich erhielt per E-Mail eine Einladung zu einem Konzert für Victor Jara. Leider kann ich sie nicht wahrnehmen. Doch es war Grund genug, wieder einmal seine Lieder zu hören.
Victor Jara, der große Dichter und Volkssänger und glühende Kämpfer für ein freies Chile, Mitbegründer der Bewegung Nueva Canción Chilena. Er setzte seine Gabe bewusst für seine Überzeugungen ein. Seine Waffe war die Gitarre. Sein Porträt schaute gemeinsam mit dem Salvador Allendes von den Plakaten der linken Unidad Popular. Keiner sang in seinen Liedern so wie er die Sprache des einfachen Volkes. Es liebte ihn für all das und verehrte ihn so sehr wie seine Gegner ihn dafür hassten und fürchteten.
Die erkannten und ergriffen ihn am 12. September in der Universität von Santiago, wo er sich mit einigen seiner Studenten versteckt hielt, trieben ihn mit Schlägen und zusammen mit 5000 anderen Gefangenen in das “Estadio de Chile”. Um den Gefährten gegen die tagelangen Grausamkeiten Mut zu machen, begann er zu singen. Die Soldaten brachen und zerschlugen ihm die Hände, damit er nicht mehr spielen konnte. Sie verhöhnten ihn, er solle doch singen, wenn er ein Sänger sei. Und Victor – sang: die Hymne der Unidad Popular (“Venceremos”). Da prügelten sie ihn wütend zusammen und erschossen ihn
zuletzt mit einer Maschinengewehrsalve, wahrscheinlich am 16. September 1973 – sein genauer Todestag ist nicht bekannt.
“Seine Mörder haben die Macht seiner Lieder unterschätzt”, sagte seine Frau Joan einmal. Das Chile, für das er gekämpft und gesungen hat, wird ihn und diese Lieder nie vergessen, singt sie bis auf den heutigen Tag. Wie die bekannten Folkgruppen Inti Illmani und Quilapayún beispielsweise, deren Profilierung Victor in ihrer Anfangszeit noch selbst unterstützte.
Viele internationale Künstler und namhafte Sängerkollegen haben Victor Jara, seinem Leben und Sterben in ihren Liedern ein Denkmal gesetzt, so die russische Chansonette
Shanna Bitschewskaja, die deutsche Folkband Zupfgeigenhansel und der Liedermacher Hannes Wader. Besonders anrührend finde ich die englischsprachige Ballade nach einem Text von Arlo Guthrie, selbst Sänger und Sohn der Folk-Legende Woody Guthrie, in der Interpretation des Australoschotten Alistair Hulett:
(Die Zupfgeigenhansel-Version scheint mir übrigens an den Guthrie-Text angelehnt zu sein.)
Victor Jaras Stimme selbst trifft dich auch heute noch mitten ins Herz, treibt mir – immer noch – manchmal Tränen in die Augen.
Wer seine Lieder nicht kennt und/oder einmal echte südamerikanische Folkmusik hören will, die nichts, aber auch gar nichts mit den allbekannten Fußgängerzonen-Verschnitten zu tun hat, der stöbere mal in diesem Beitrag oder den Youtublichkeiten oder – viel besser – tue sich die Victor-Jara-Complete an. Glaubt mir, ihr werdet es nicht bereuen; der Viertelhunni für 4(!) CDs mit seinen wichtigsten Liedern ist ein wahres Schnäppchen und jeder der 92 Songs das Anhören wert. Umso mehr, als seine Texte und Übersetzungen davon schwer zu finden sind und der Box ein umfängliches Booklet mit wundervollen solchen beiliegt. Ihr findet in der Edition nicht nur seine Revolutionssongs, sondern auch so bezaubernde Liebeslieder wie das “Te recuerdo, Amanda” (An dich denke ich, Amanda) für seine Frau, das vertonte Poem 15 des großen Pablo Neruda (der auch wenige Tage nach dem Militärputsch von 1973 gestorben ist) oder Volksliedgut, von dem man manchmal gar nicht wusste, dass es chilenisches ist.
Das ebenfalls enthaltene “Manifiesto” (wunderbar poetisch) kann man als eine Art Credo oder auch Vermächtnis des Sängers verstehen:
Manifiesto (1973)
Ich singe nicht, um zu singen,
weil ich eine schöne Stimme habe,
ich singe, weil die Gitarre
tiefen Sinn und Verstand hat.Sie hat das Herz von Erde
und Flügel eines Täubchens.
Sie ist wie geweihtes Wasser,
ist Segnung, Glorie und Leid:Hier stimme ich mein Lied an,
wie Violeta es sagen würde.
Die Arbeiterin Gitarre
hat einen Duft nach Frühling.Sie ist nicht Gitarre der Reichen,
dazu gibt sie sich nicht her.
Mein Lied steigt auf die Baugerüste,
um hoch zu den Sternen zu fliegen.Der Gesang hat einen Sinn,
tönt er in den Adern des Sängers,
der auch noch beim Sterben
die Wahrheit offen heraussingt.
Weder flüchtigen Schmeichel
noch fremden Lobgesang,
sondern den Gesang einer Lerche
bis tief auf den Grund der Erde,wohin alles gelangt
und wo alles beginnt.
Hat der Gesang Mut bewiesen,
wird er immer neues Leben haben.
Und für den Fall, dass jemand mehr über diesen charismatischen Barden und Menschen erfahren will: Joan Jara, Victors Witwe, hat ein Buch über ihn geschrieben, das 1986 unter dem Titel “Victor. Ein unvollendetes Lied” bei Volk und Welt erschienen ist. (Ich hab natürlich d i e s e Ausgabe, doch wenn ich mich nicht total irre, ist es der selbe Inhalt, den btb anderthalb Jahrzehnte später als “Das letzte Lied” herausgebracht hat.) Sie ist keine professionelle Autorin, doch niemand kannte ihn so gut wie sie – vielleicht macht gerade diese Kombination das Bändchen so wertvoll.
P.S. Im September 2003, lange 30 Jahre nach dem Militärputsch, erhielt das Estadio de Chile den Namen Victor Jara. Gegen nur einen einzigen der Verantwortlichen für seine Ermordung wurde (erst 2004) Anklage erhoben. Der Verräter an seinem Präsidenten Salvador Allende, Putschistenführer und spätere Diktator, General Augusto Pinochet, wurde nie zur Verantwortung gezogen und starb als alter Mann 2006 friedlich und offenbar ruhigen Gewissens dahin. Dem chilenischen Volk gelang es erst 1988, das Militärregime per Volksabstimmung zu beseitigen. Und hat sich von den Folgen der grausamen Diktatur bis heute nicht erholt.
Bilder: Hände. Coverfoto der Audio-CD Pongo en Tus Manos Abiertas. Requiem für Victor Jara – Wolfgang Mattheuer, 1973. Der Rest: creative commons Lizenz. Musik-Videos: sparky2086 und yekolennon, youtube.
Licht an, Licht aus oder was?
Dezember 8, 2007 at 7:45 | In 2007, Alles platti, Hexen-Gedanken, Hexentanz, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, Uncategorized | 3 CommentsTags: Blogosphäre, Gesellschaft, Leben, Sex, Umwelt
Ich hatte mich schon gewundert, warum heut plötzlich die Zugriffe auf meinen schon etwas angestaubten „Licht-aus!“-Blog in für meine Verhältnisse schwindelerregende Höhen schießen. Vorher taten sie das nur gelegentlich exzessiv – bevorzugt nachts – wegen eines leicht anzüglichen Comic-Bildchens sexuellen Inhalts, das dort leihweise Verwendung fand.
Die stromlose Erleuchtung fiel mir wie ein Betrunkener im Dunkeln vor die Füße: Ich bin Hellseherin, Vordenkerin!! – was auch immer. Meine private und einsame Initiative zum Energiesparen zielte seinerzeit zwar eher gegen Strompreiswucherer sowie auf die Verbesserung der zwischenmenschlichen Kontakte und gute Nachbarschaft. Und sämtliche erhellenden Gedanken dazu waren fern von eventuellen Folgen für länderumspannende Stromnetze – lassen sie die Leut’ doch problemlos auch dezentral für einen guten Zweck enger aneinander rücken.
Doch die Idee dahinter ist, wie man sieht, auch auf die den Menschen, Zwischenmenschen und Nachbarn verbindende Sorge um unsere Umwelt transformierbar.
Was die heutige 5-Minuten-Licht-aus-Aktion angeht, bin ich allerdings etwas verwirrt. Und nicht nur ich, dem Frederic zum Bleistift geht es ähnlich. Denn augenscheinlich gibt’s zum Plan auch einen Gegenplan… und Rufer in der Wüste Warner und Spötter und so. Und mit dem eigenen Halbwissen über zu erwartende Effekte – über das anderer maßt man sich ja kein Urteil an – weiß unsereins nicht so recht, was tun, und neigt dann vielleicht doch mehr zum… Vermeiden und Abwarten?
Samanta hingegen weiß ganz genau, was sie will, egal, obs dunkel oder hell ist:

Jawollja, es lebe die Energie des Zwischenmenschlichen!
Bild: (sicherheitshalber) Creative commons
Aaallä Jahre wiedaaa… Frust oder Lust?
Dezember 2, 2007 at 10:04 | In Alles platti, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Geschichtsbuch, Kultur, Real-Poetisches, Spielwiese, Uncategorized | 4 CommentsTags: Adventskalender, Bücher, Weihnachten
Türchenöffnen ins alte Berlin mit E. T. A. Hoffmann, Wilhelm Raabe, Vadda Zille und Co.
Heutzutage ist es ja sowas von IN, sich seinem Umfeld aus- und nachdrücklich als Weihnachtsmuffel zu outen. Ihr wisst schon, diese Mit-der-ganzen-O-du-seligen-nichts-am-Hut- haben-Masche. Nur Eltern mit noch nicht vollends ausgewachsenen Nachkömmlingen kriegen mildernde Umstände – die müssen ja. Damit was am Hut haben. Also mehr ja noch an der Mütze, na diesem rot-weißen Verkleidungsrequisit mit der Wattebommel – und dem stressig geschenkewütigen Drum und Dran. (Deshalb poste ich heut auch keinen Lagebericht vom Weihnachtsmarkt – der käme ja eh so ähnlich wie der vom letzten Jahr.)
Als umso aufschlussreicher, ja geradezu als Aha-Erlebnis mussten sich mir die Geständnisse kürzlicher Pausengespräche unter Kollegen erhellen: bis auf eine Ausnahme besteht jeder von ihnen auf seinem höchsteigenen Advendskalender. Die Inhalte – oder sagt man Füllungen? – variieren dabei durchaus: von ausgeklügelten Partnerüberraschungen in mit Hingabe selbst bestickten Weihnachtssäckchen über die üblichen Schokoladenfigürchen als Kalorienbombardement bis hin zu Hochprozentigem in handlichem Taschenformat. Und ich steh ja immer noch auf die alten Miniaturbildchen, wie man sie in der Kinderzeit hinter den Zahlentürchen fand. Allen gemeinsam ist wohl die Neugier, die in jedem von uns wohnt, ein um den anderen Tag eine kleine Aufmerksamkeit zu entdecken. Ich finde es schön, dass wir da ein bisschen Kind geblieben sind.
Für diejenigen unter euch, die auch gern in unbekannte Fenster schaun, häng ich hier mal den Berliner Adventskalender über alte Zeiten an die Bloghauswand, rechtzeitig zum 1. Advent, zu spät fürs erste Türle (na, dann macht halt gleich zwei auf). Den vom Zentrum für Berlin-Studien der Zentral- und Landesbibliothek Berlin nämlch, und man darf ihn getrost einen literarischen nennen. (Um ehrlich zu sein, ich hatte ihn im vorigen Jahr hier schon mal verlinkt, aber welcher faule Blogleser klickt heute schon noch auf Textlinks? Also: neuer Versuch. Warm zu empfehlen vielleicht auch mal als Horizonterweiterung für die pädophilen Typen mit etwas abseitigen Neigungen, die mir immer die Stats mit ihren perversen Suchbegriffen vollspammen oder für die, die hier auf Grund eines einst geposteten Sexspielzeug-Comics die Funktions- und Schreibweise dieses überaus beliebten HaushaltsGerätes zu ergründen suchen. Pssst, wenn ich in meine Visitor Locations schau, hab ich ja manchmal den Verdacht, dass letztere die Ranger-Jungs im Nahen Osten und Umgebung sind.
) Romantische und deftige Geschichten berühmter Landsleute, von Adolf Glaßbrenner, E.T.A. Hoffmanns oder Ludwig Tiecks Weihnacht(s)-Abend bis hin zu Wilhelm Raabes selbigem in der Sperlingsgasse legen uns nahe, dass die Licht-und-Schattenseiten-Weihnacht – wenn auch andersartig – durchaus schon im 19. Jahrhundert grassierte und keine Erfindung von uns dekadentignoranten Neuzeitlern ist. Und bescheren uns längst vergessene Begegnungen. Illustriert sind sie vom ollen Papa Zille u. a. Und auch für die Bastelblogger, Volksbräuchler und Küchenwunder ist was dabei. Aber ich will ja nicht zuviel verraten…
Und mal sehen, vielleicht öffnen wir ja das eine oder andere Fensterle hier gemeinsam….
Wem das noch nicht LeseStoff genug ist, der kann ja mal wieder – zünftig, weihnachtlich und sogar online – in „A Christmas Carol“ vom guten Charles Dickens reinschmökern.
Fröhliches Türchen-Klicken allerseits! Schaltet mal einen Gang zurück, zündet ein Lichtlein an und den Räuchermann und machts euch ein wenig ruhig und besinnlich, so oft es geht…
rät (wenn sies nur mal selber tät’)
die Hex’.
*
P.S: Aaach, fast hätt’ ichs vergessen – hier noch was für die Besinnlichkeit. Mit heißem Dank an den Wolf für die Vor-Ausgrabung. Obwohl seine ja eigentlich die hier mit Verstärkung war. Auf dass die nächsten Wochen für euch nicht tote Hose sein mögen… ![]()

Bilder: Geklaut Creative commons, soweit nicht vom Zentrum für Berlin-Studien
Luftschiffe überm Lustschloss?
November 26, 2007 at 12:56 | In Alles platti, Berlin, BildungsLückenbauten, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Unnützes Wissen, Zuhaus-Hexe | 4 CommentsTags: Geschichte
Ein vergessenes Kapitel Berliner Geschichte
ls ich jüngstens unversehens in die Träumereien zweier ausgewachsener Blogger-Kerle von der Wiederkehr der Luftschifffahrt surfte, fingen meine kleinen grauen Zellen an zu rotieren: da war doch was…
Die Himmelszigarren faszinieren mich ja schon, seitdem ich als kleine Zopfliese mit den abenteuerlichen Erfindungen eines Jules Verne in 80 Tagen um die Welt gereist bin. Und wenn heute gelegentlich so ein gasgefülltes Riesenteil mit gedämpftem Brummen – meist mit einem Monster-Werbebanner geschmückt – über die Stadt schwebt, wer legt da nicht den Kopf in den Nacken und hält ehrfürchtig inne? Und wünscht sich, dort oben zu sein – oder?
Aber wer weiß heute schon noch, dass in Berlin, im heutigen Marzahn-Hellersdorf, ein Kapitel deutscher Luftfahrtgeschichte geschrieben wurde? Vom einstigen Herrn des Biesdorfer Schlosses nämlich.
Für Ortsunkundige sei erwähnt, dass Biesdorf eines der fünf Dörfer ist, über die ich schon längst mal was schreiben wollte aus denen der Bezirk Marzahn Hellersdorf heute besteht. Und das Biesdorfer Schloss… sorry, es war nie ein Lustschloss, genau genommen war es sogar niemals ein Schloss (obwohl jeder es so nennt), sondern eher ein hochherrschaftlicher Landsitz im Stil der italienischen Renaissance. Es liegt an der B1 in Richtung Frankfurt/Oder. Und wenn ihr stadtauswärts fahrt, kommt ihr ein paar Kilometer vor der östlichen Stadtgrenze daran vorbei, also an dem, was nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges davon übrig geblieben ist. Aber davon später einmal.
Vom Ende des 19. bis in das 20. Jahrhundert hinein gehörte Schloss Biesdorf der Familie von Siemens. Der Begründer des allbekannten Imperiums, Werner von Siemens, hatte es 1889 als Sommersitz für seinen Sohn Wilhelm erworben. Und eben jener Wilhelm von Siemens ließ auf dem Gelände des heutigen Verschiebebahnhofs Wuhlheide – das damals noch gar nicht zu Berlin gehörte – eine Luftschiffhalle bauen. 1909 fertiggestellt, war sie eine Weltneuheit: sie konnte nach wechselnder Windrichtung für die anfliegenden Luftschiffe um 360 Grad gedreht werden. Von Siemens beteiligte sich damals an einer… hm, heute würde man sagen, Ausschreibung zum Bau militärisch nutzbarer Luftschiffe. Die Tests der zwei gebauten Typen des Siemens-Schuckardt-Luftschiffes waren nicht erfolgreich genug und das Kriegsministerium entschied sich für den bewährten Zeppelin-Typ. Von den Erprobungs- und (zivilen) Rundfahrten der Siemens-Modelle sind vor allem die um das kaiserliche Schloß und nach Potsdam sowie eine Wasserlandung auf dem Müggelsee in die Annalen eingegangen.
Die Halle, die während des ersten Weltkrieges für andere Luftschiffe genutzt wurde, musste nach den Bestimmungen des Versailler Vertrages nach Kriegsende abgetragen werden. Und dieses durchaus bemerkenswerte Intermezzo in der Berliner Geschichte ist heute fast ganz in Vergessenheit geraten.
Im Marzahn-Hellersdorfer Heimatmuseum gibt es eine kleine Austellung zu den „Luftschiffen über Biesdorf“ Und wen das Thema interessiert, der kann hier fast geschenkt eine Broschüre darüber erwerben. 75% günstiger gibts die allerdings für einen schlappen Euro im Museum selbst. Vielleicht kommt ihr ja mal vorbei…
Mal in einem Luftschiff zwischen Himmel und Erde schwimmen – doch, das wäre bestimmt der Wahnsinn. Diese bestaunten Wunder der Technik – ob sie wohl wiederkommen?
P.S. Ach ja, an dieser Stelle herzlichen Dank an die beiden luftschiffaffinen Herren für die Idee zum Blog.
P.P.S. Öhm, und wer nicht so der Luftschiffer ist, der nehme halt die Treppe zum Himmel. Aber dann wenigstens zünftig mit den Zeppelinen…
Bilder: Creative Commons
Rennpappe die Zweite. Heute: Trabi-Online-Klau
November 7, 2007 at 11:05 | In 2007, BlogMist, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Hexentanz, Real-Politisches, Uncategorized | 9 Comments…und dann noch der 90. Geburtstag einer älteren Dame
enn du morgens noch im Halbschlaf deinen Computer anwirfst,
wenn du in der Zeit, die er zum Hochfahren braucht, in die Küche tappst,
wenn du dort erst mal ‘nen Wachmacher durch die Kaffeemaschine jagst,
wenn du – immer noch dösend – mit dem Kaffeepott in der Hand barfuß zurück zum Monitor wankst,
wenn du nur noch mal schnell deine Emails checken willst,
wenn du weißt, dass es Zeit wird, sich warm angezogen und beschuht in die Tageshatz und den Berufsverkehr zu stürzen,
wenn du dann auf der Startseite im Aktuellen die Überschrift (okay, die halbe) und Sätze deiner eigenen einst geposteten Trabi-Laudatio liest,
dann fragst du dich doch:
Träum ich noch?
Klaut da wer?
Dürfen die das?
So geschehen heute morgen – mir.
Ich hab (soviel Zeit muss sein!) zwecks Beweissicherung extra einen Screenshot gemacht – auch wenn ich erstmal suchen musste, wie das geht.
Meine Version war die hier. Und wohooow, heute zum echten trabantenen Geburtstag kamen vielevieleviele Trabifreunde gucken. Danke.
***
Dass der Trabant am 7. November 1957, zum 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, das Licht dieser Welt erblickte, war übrigens damals kein Zufall, sondern mit voller Absicht von entscheidungstragendem Platze so hingedreht. Dieselbe hat somit heute per Addition und nach Adam Ries ihr 90. Jubiläum. Nur, damit es keiner vergisst und für den Fall, dass es jemand begehen, begießen oder gebührend würdigen mag.


Bilder: Creative Commons.
Free Burma!
Oktober 4, 2007 at 12:02 | In 2007, Drumherum und anderswo, Real-Politisches, Uncategorized | 2 CommentsTags: Free Burma
Free Burma

Grafik: napoji
Über die aktuellen Entwicklungen: der Burma-Ticker beim Spiegelfechter.
Wer lernt mir Deutsch?
August 19, 2007 at 6:28 | In BildungsLückenbauten, Fremd-Worte, Hexen-Gedanken, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, Uncategorized | 3 CommentsIch hab Angst vor dem Alter, wir werden umgeben sein von
lauter sprachlosen Faustkämpfern, Pantomimen und Buchflüchtern.
(Frederic Hormuth)
Der Herr Kabarettist mit dem lecker Honigbrot-Blog sorgte sich jüngstens um dem guten Deutsch der Vater- und Mutterpflanzen einer frühkindlichen Zielgruppe der Sprachförderung. Zu Recht, kann ihm eine, die ihren Honig aufs Brot zu einem erklecklichen Teil zwischen Sprachgetesteten, -geförderten und -geprüften verdient, nur heftigst kopfnickend beipflichten.
„Ich gebe zu , daß mein Verhältnis zur deutschen Sprache
wie mein Verhältnis zu meiner Frau ist:
Ich liebe sie, ich bewundere sie, ich verstehe sie meistens,
aber ich beherrsche sie nicht.“ (Hans Blix)
Gut, und ich gebe zu: der Mann, der das gesagt hat, ist Ausländer. Was nichts daran ändert, dass er (vielleicht gerade deshalb?) über Einsichten verfügt, an denen es nicht wenigen unserer eigenen Landsleute mangelt – aber sowas von.
Wo einbürgerungswillige Migranten sich einem Sprachtest zu unterziehen haben, der sich gewaschen hat, und die die reformierte Reformierung uns’ aller Zuwanderungsgesetzes in nochmals schärferer Gangart diesen auch von nachziehenden EhegattInnen Aufenthaltsberechtigter fordert, hätte so mancher Inländer wohl seine liebe Not, da heil durchzukommen. Und liefe im angenommenen Testfall doch glatt Gefahr, mutter- und vaterlandslos zu werden.
Vom Aussterben Ausweisen bedroht wären u. a. Exemplare der Gattung deutschestesteste Deutschländer Würstchen, deren gefühlter Dünnpfiff Durchfall sich uns so mancherorten schwarz auf Wand offenbart.
Aber auch diverse normale Mutterzüngler mit allgemeiner Sprach-, Sprech-, Lese- und Schreibverunsicherung sähen, auf Deutsch gesagt, ganz schön alt und verstoßen aus. Erwartet man doch von Einlassbewerbern in bundesdeutsche Lande, dass sie
in der Lage sind, sich in der deutschen Sprache auszudrücken, mit der deutschen Bevölkerung zu kommunizieren und deutschsprachige Medien zu verstehen. Ausreichende Sprachkenntnisse liegen vor, wenn sich die Einbürgerungsbewerber/innen im täglichen Leben einschließlich der üblichen Kontakte mit den Behörden in ihrer deutschen Umgebung sprachlich zurecht finden und ein ihrem Alter und Bildungsstand entsprechendes Gespräch führen können. Dazu gehört ausdrücklich, dass die Einbürgerungsbewerber/innen z.B. einen deutschen Text des alltäglichen Lebens lesen, verstehen und den wesentlichen Inhalt mündlich wiedergeben können…
(So nachzulesen zum Bleistift hier.)
Auweia! Um verfrühte Panikanfälle zu vermeiden, schlage ich vor, wir ignorieren einstweilen einfach mal die „üblichen Kontakte mit den Behörden in [unserer] deutschen Umgebung“. Die Anforderung diesbezüglichen Zurechtfindens brächte uns aller Wahrscheinlichkeit nach an den Rand der Entvölkerung. Allerdings müsste spätestens jetzt neben den bereits erwähnten Betroffenen auch dem arg- und ahnungslosen Noch- oder Nichtmehr-Konsumenten von Presseerzeugnissen mit dem gewissen Etwas Leseranspruch schwanen: es könnte eng werden.
Doch zum Glück und zu satirischen Zwecken – heißen Dank an dieser Stelle nach Augsburg! – steht uns ein Trainingsparcours zur Verfügung, der präventiv durchlaufen werden kann. Was durch die von mir soeben ins Leben gerufene Initiative „Deutsch für und wider alle Fälle“ wärmstens empfohlen wird. (Hinweis: Die leicht überholte Aktualität einiger Inhalte – so jeder Text einen haben sollte – ist ausnahmsweise mal nicht dem Sommerloch geschuldet und muss Sie auch nicht irritieren.)
Freiwillige Testkandidaten bitte hier lang!
Was die Urheber der in ihrer Sprachkunst bemerkenswerten Basistexte für die Testfragen angeht, muss deren einschlägige Vorgänger bereits ein Herr Schopenhauer gekannt haben, als er mit Nachdruck spruch:
Schreibt ihr Plattheiten und Unsinn in die Welt, so viel es euch beliebt,
das schadet nicht, denn es wird mit euch zu Grabe getragen; ja, schon vorher. Aber die Sprache laßt ungehudelt und unbesudelt:
denn die bleibt.
Sollte jemand bis hierher durchgehalten haben und trotzdem (noch) sprachlich fit sein, so halte er/sie sich ‘praktizierend’ bitte gern an Friedrich von Logau, einen echten Sprachmusikanten:
Kann die deutsche Sprache schnauben,
schnarren, poltern, donnern, krachen,
kann sie doch auch spielen, scherzen,
lieben, kosen, tändeln, lachen.
Oder, so es noch einen Hauch poetischer und mindestens ebenso sinnlich sein darf (und wer wollte dagegen etwas haben?
), an die Schillernde Ermunterung:
Lass die Sprach dir sein, was der Körper den Liebenden.
Er nur ist’s, der die Wesen trennt und der die Wesen vereint.
Sowas ist, finde ich jedenfalls, schon fast wert, ein Credo zu werden. Nun ja – oder wenigstens effektvoll eingesetzt…
P.S. Wer sich seines Deutsches jetzt immer noch nicht (oder erst recht nicht mehr) sicher ist, sollte ruhig noch ein paar Zusatzlektionen bei einem verdienten und ehrwürdigen Sprachhüter absolvieren, der zeit seines Lebens Strauchler und Katastrophen des deutschen Sprachgebrauchs gesammelt und – keineswegs spaßfrei – öffentlich gemacht hat. Dies würde ihn gewisslich freuen, den Hansgeorg Stengel auf seiner Wolke, wie vielleicht auch die Wahl des Titels für diesen Beitrag.
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Hochhaushex'

