Das Floyd in Pink Floyd

September 2, 2009 at 11:32 | In BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 7 Comments
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…wäre heute 98 Jahre alt geworden.

Hinter dem ersten der zwei Vornamen, aus denen Syd Barrett dereinst den Namen seiner Band zusammenschraubte, verbirgt sich nämlich der Sänger und Klampfer Floyd Council. Er galt seit den späten 30er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Musikerkollegen als einer der exzellentesten Gitarristen des amerikanischen Ostküsten-Blues. [Das Pink in Pink Floyd gehört übrigens dem hier, Pink Anderson, im gleichen Job unterwegs, der sich auf den gepressten Scheiben mit der langen Rille meist in trauter Nähe zum Ersteren fand, obwohl die beiden sich wahrscheinlich nie begegnet sind.]

Dieser countryfarbene Blues-Stil, auch Piedmont Blues genannt, fällt durch eine besondere Fingertechnik auf der Gitarre auf, bei der eine mit dem Daumen gespielte Basslinie die auf den höheren Saiten gespielte Melodie unterstützt. Er wurde meist im Duo gespielt, oft begleitet von Klavier, Geige, Banjo oder Mundharmonika als zweites Instrument.

Floyd Council begann als Straßenmusikant in seiner Heimatstadt Chapel Hill, North Carolina, spielte für Freunde und in Country-Clubs. Und etwas über ihn zu finden ist gar nicht so leicht. Es gibt offenbar keine Platten nur mit seinen eigenen Songs. Nur ein Album, Carolina Blues (1994), enthält sechs von ihm aufgenommene Titel. Das mag daran liegen, dass er die meiste Zeit seiner musikalischen Karriere als Wasserträger und zweite Geige… äh, Gitarre zugebracht hat. Zum Beispiel im Schatten hinter dem Star des Piedmont Blues Blind Boy Fuller, der inzwischen in der Blues Hall of Fame wohnt. Sogar mit seinen genialen New Yorker Solotracks wurde er als „Blind Boy Fuller’s buddy“ promotet. Andere Aufnahmen erschienen unter den Namen „Dipper Boy Council“ und „The Devil’s Daddy-in-Law“. ...Blues in den FingerspitzenEr selbst bekannte sich in einem Interview 1969 zu 27 eigenen aufgenommenen Songs, darunter sieben in Fullers Dunstkreis.

Gestorben ist er mit 64 an einem Herzinfarkt und wurde hier bestattet. Sein Grab trägt keinen Namen.

Danken wir also Syd Barrett, der ihn unsterblich gemacht hat, mehr als er es sich vielleicht erträumte. Oder auch The Floyd Council – das ist ‘ne ösische Coverband, die unter seinem Namen sogar ganz zurechnungsfähig durch die Lande pinkfloydtet, wie ich finde. (Auch wenn’s die richtigen Pink Floyds eben nur einmal gibt.)

Denn Floyd Councils Musik hat es nicht verdient, vergessen zu werden. Ich würd’ heute gern mit ihm unter dem Vordach eines alten Country-Clubs irgendwo in North Carolina sitzen, den Straßenstaub auf der Zunge schmecken, den Mummys beim Hüftenwiegen und ihren Kindern beim Spielen zuschaun, seiner Stimme lauschen und die Augen kaum von diesen Fingern lassen, die seinen Blues über die Saiten zaubern…

Happy Birthday, Floyd.

Bilder: Oben: Blues Who’s Who, p. 133 photographer: Kip Lornell. Mitte: Bruce Bastin: Crying For The Carolinas, p. 21; photographer: Pete Lowry. Beide via wirz.de.
Videos: Via randomandrare and galaxyrock on youtube.

Die Lieb, die Lieb

August 29, 2009 at 11:50 | In 2009, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Hexenlieder, Kalenderblätter, Real-Poetisches | Leave a Comment
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Kleiner Nachtrab… äh, Nachtrag zum Goethe-Jahr 2009, mit dessen Ausrufung inzwischen kaum ein Goethe-Freund&Erbe noch ernsthaft rechnet

buchstabe_w
ir waren ja mal eine Zeitlang Nachbarn, der Herr Geheime Rat und ich.
Nun ja, wenigstens wären wir es beinahe gewesen. Haben uns, grob geschätzt, nur um ein schlappes knappes Vierteljahrtausend verpasst – um das meine paar Semester philologischer Studien an der Alma Mater Jenensis später anfingen nämlich.

Gleich nebenan hatte er kurz zuvor, um genau zu sein 1784, während seiner Betreibungen der Naturwissenschaften im Anatomieturm zu Jene den Zwischenkieferknochen des Menschen entdeckt. Außerdem in seiner Eigenschaft als Minister des Herzogs Carl August den Straßenbau durch das Mühltal befehligt sowie die höfischen Sammlungen und Bibliotheken vor Ort. Aber pssst, sagt’s keinem weiter – eigentlich kam er ja immer nur wegen der geselligen Abende im Frommannschen und im Griesbachschen Hause oder wegen der anregenden Dispute mit Schiller in dessen lauschigem Garten. In dem ich beiläufig einmal, nachdem der ihn in dieser Welt aufgeben musste, einen Studenten-Subbotnik lang das seither wuchernde Unkraut gerupft und gezupft hab.

Wenn ich es nicht schon vorher war, dann gehöre ich spätestens seit dem Stückchen Lebenszeit in dieser Ecke, wo man auf Schritt und Tritt Goethens Atem spürt, zu seinen ungezählten Verehrerinnen. Ich hab die Dornburger Schlösser hoch über der Saale für mich erobert, in denen er sich vom Ableben seines Landesvaters erholte und deren eines heute seinen Namen trägt. Hab dort oben mit einer Studentenliebe und ohne Publikum in einem heißen Sommer mein eigenes Rosenfest gefeiert, das es wohl zu Goethes Zeiten noch nicht gab, dafür aber bestimmt die eine oder andere Muse, die das Zeug zur Rosenkönigin gehabt hätte.

Ich bin glühender Weimar-Fan: hab meine kargen Stipendien-Taler in den “Elephant” getragen, in dem der Meister einst erkleckliche Zeit zubrachte; ja den, in welchem Thomas Mann in “Lotte in Weimar” Goethens und Werthers Lotte einquartierte – ich tat’s mit ehrfürchtiger Gänsehaut im Nacken, auch wenn der Dichterfürst schon längst nicht mehr dort tafelte. Ich war im Ilmpark, weilte in des Herrn Geheimrats Gartenhaus, in dem und um das es zwar nicht mehr ganz so aussieht, wie der gute Eckermann es 1824 in seinem Bericht beschrieben, das mich aber in seiner romantischen und fast spartanischen Schlichtheit immer wieder bezaubert hat. Ich bin in der da noch nicht vom Feuer verheerten Bibliothek gesessen, bin auf müden Füßen und am Ende ohne Schuhe zum Schloss und Park Belvedere hinaus gewandert und durch die Stadt gestrolcht. Ach, und wohin dort nicht noch überall…
Ich war ewig schon nicht mehr da… muss mal wieder hin.

Aber ich kann viel erzählen, wenn der Tag lang ist, wer glaubt einem heut schon noch was aus zweiter Hand. Dann schon eher Goethen selber:

Woher sind wir geboren?

Woher sind wir geboren?
Aus Lieb.
Wie wären wir verloren?
Ohn Lieb.
Was hilft uns überwinden?
Die Lieb.
Kann man auch Liebe finden?
Durch Lieb.
Was läßt nicht lange weinen?
Die Lieb.
Was soll uns stets vereinen?
Die Lieb.
(Aus den Briefen an Frau von Stein)

Und weil ihr es seid und zur Feier des gestrigen Tages: Tadaaa, mein Fundstück der Woche! Extra für euch – und den alten Schwerenöter, nebst dem Allerherzlichsten ihm nachträglich zum 260sten. Dieses kleine Gedicht voller Seele und Weisheit (wer wenn nicht der wusste, wie das geht) wird umso glaubwürdiger auf eine Melodie – tanzen oder sterben wir bei dem Thema nicht alle eher mehr als weniger in Dur oder Moll? Die glockenhelle Stimme von Bobo alias Christiane Hebold trifft ins Herz – wen wundert’s. Eine Absolventin von ‘Franz Liszt’ – in Weimar! – wird doch wohl noch ihren Goethe kennen. Und zusammen mit dem Video von Jarek Raczek erst! Führt es uns doch so recht romantelig barfüßig an einen Originalschauplatz – ihr ahnt WOhin? Wohlan, ihr Jünglinge und Mädchen: Gaffet und lauschet! Auf nach… na, ihr wisst schon. — Achtung, Ohrwurmverdacht!:

Song: Die Lieb. Sängerin: Bobo. Komponist: Sebastian Herzfeld. Texter: Johann Wolfgang Goethe. Aus: Lieder von Liebe und Tod, 2007. Auch bei amazon. Via youtube.
Als Ergänzung: Neben dem obigen Dichterfürstlichen und einem weiteren (Wanderers Nachtlied) finden sich auf dem Album auch Versträllereyen von Eichendorff und Zuccalmaglio und überraschendes, wunderbar neuvertontes altvertrautes Volksliedgut.

Ach ja, als Belohnung fürs Reinschaun noch ein Lesetipp: Der Wolf hat sogar pünktlich gratuliert. Und hey, der ist einer, der’s kann.

Bildquellen: Anatomieturm in Jena – via thueringenweb.de. Schillers Garten in Jena – via jenakolleg.de. Postkarte mit Motiv Goethes Gartenhaus, 1929. Via Goethezeitportal.
Gedicht: Johann Wolfgang Goethe: Woher sind wir geboren? – Via Zeno.org. Dort angegebene Quelle: Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 2, Berlin 1960 ff, S. 82, gemeinfrei.

Spätsommergewitter

August 25, 2009 at 11:54 | In Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Bloghexe, Hexenblabla, Hexenlieder, Hexentanz, Real-Poetisches, Spielwiese, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | 5 Comments
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Hmm… das soll Urlaubswetter werden? Na, ich weiß ja nicht.

gewitterhimmel ohne rb häuser
regen an der Fensterscheibe
Regenbogen kla Karreeregenbogen mit hochhäusern vk

Der Sommer atmet aus

buchstabe b 1öen pfeifen um die Eckeregenschirm marg vkl
und ein Windstoß – so ein Schuft! -
zerrt mich dreist dort in die Hecke,
zaust mein Haar, nimmt mir die Luft.

Ein Hut und Nachbars Abendzeitung
spielen Haschmich übern Platz,
Mutter Nachbar voll Verzweiflung
hinterher, doch – für die Katz’.

Im Blitz-Licht posen Sturmwindsbräute,
Donner grollt, was uns gleich blüht,
Nass klatscht auf versprengte Häute,
Alles rennet, rettet, flieht.

Vor dem Fenster dräut das Wetter -regenflugobjekt5_2
Dieser Sommer atmet aus.
Schirme zu Rhabarberblättern
formt verschmitzt er außer Haus.

Doch noch hat er sich nicht verzogen,
weiß, was sich schickt so hintennach:
malt tröstend einen Brückenbogen
zum Drüber-GSehn uns übers Dach…

Ist’s das wirklich schon gewesen -
Sommerbarfußmädchenglück?
Gut. Von heut an bis zum nächsten
lieb ich mich dahin zurück.

Jaah… der gute alte Regenschirm; wollte wer so einer sein?: in einem richtigen Wolkenbruch, der von allen Seiten regnet (manchmal sogar von unten), der so vieles davonweht und -schwemmt, ist er zu nichts nütze. Und wenn’s dann wieder sommert und die Pfützen fußwarm sind, wird er in der Ecke oder an einem einsamen Haken vergessen. So richtig was wert ist so einer einem vielleicht doch nur bei einem laaangen langweiligen Landregen……?

Der musikalische Sommerschlussverkauf hat heute was Einschlägiges für Ostrock-Fans, von einer, die es konnte, wie ihre Jungs auch – Tamara Danz. Unvergessen und unvergesslich… groß…

Hmjah… das lürüsche Gewitter oben ist Hexenwerk. Hobby-Poesie – nur ein Spaß. Seid also nachsichtig mit mir, Gereimtes hab ich seit Jaaahren nicht mehr öffentlich gemacht.

Quellen: Die Bilder sind noch regenfeucht, von von eben und vom Samstagswolkenbruch über Berlin. Selber gemacht, bis auf die Regenschirme – dort nur das mausgezitterte fliegende Kritzelmädchen. ;)
Video: Silly: Bye Bye my Love. Aus: Bye Bye… – Best of Silly Vol. 1 (1996). Via youtube.

Leben mit Puschkin

Juni 21, 2009 at 4:53 | In 2009, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Bücherhexe, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 3 Comments
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Französisch war ihm ganz zu eigen,
Er sprach und schrieb es tadellos,
War als Masurkatänzer groß
Und konnte sich scharmant verbeugen:
Braucht’s mehr, damit die liebe Welt
Uns für gescheit und reizend hält?

Gelernt hat jeder von uns allen
Sein Pröbchen, minder oder mehr:
Drum ist, durch Bildung aufzufallen,
Bei uns, gottlob, nicht eben schwer.

(Alexander Puschkin. Aus: Eugen Onegin. 1823-1830,. Erstes Buch, 4./5.)

selbstporträt anfIch war noch ein blondzöpfiges Schulmädchen, kurz nach Dreikäsehoch, da fing es an. Da schlich er sich zum ersten Mal in mein Leben, mehr so aus Versehen und fast unbemerkt. Nur einer merkte es doch – mein alter Deutschlehrer. In einem Klassenaufsatz, fünftes Schuljahr – als vage memoriertes Thema galt es irgendwie, dem aufbegehrenden Jüngling in Ilja Repins „Wolgatreidlern“ ein Leben zu erfinden – hatte ich mich mit glühenden Wangen im Geschichtenschreiben verloren. Meinen spannenden Beinahe-Roman nannte der weißhaarige Pädagoge ein Beinahe-Plagiat, der Puschkinschen Dubrowskij-Novelle nämlich. Wo ich den damals noch nicht mal kannte. Was sich daraufhin freilich umgehend änderte. Von da an war er eigentlich immer latent anwesend, also der Puschkin jetzt.

Jahre danach: den Erstsemestern der Alma Mater Jenensis war ein Kulturpraktikum verordnet (sorry, so hieß das meinerzeit und es war sogar ganz lustig). Aus dem erinnere ich vor allem ein paar wilde Tage in einer Jugendherberge mit ‘ner munteren Studi-Truppe ‘von Drüben’ aus den heute alten Bundesländern, zu unserer Überraschung kollektiv heiße Puhdys-Fans. Ach ja, und dann noch die verklärten Augen und das leise bebende Pathos in der Stimme der muttersprachigen Russischdozentinnen, die uns das richtige Timbre beim Deklamieren der „Zygany“ oder von Versen aus dem „Onegin“ beizubiegen suchten. Das wir Frischlinge zuerst noch mit ungläubigem Grinsen, am Ende der Veranstaltung ergeben als Erwerb kultureller Kompetenz quittierten.

Später bin ich einen kalten Winter lang durch sein Zarskoje Selo und sein Sankt Petersburg gestromert, zu einer Zeit, als jenes gerade Puschkin, dieses gerade Leningrad hieß. Hab einen heißen Sommer lang zu erleben gelernt, warum er nicht anders konnte als georgische Berge und Mädchen und das Schwarze Meer besingen. Ich habe in russischen Bücherstübchen und -palästen gekramt und mir meinen Alexander Puschkin in Originalsprache erkrautert. Mir die Rauf- und Runterverfilmungen seiner Erzählungen reingezogen, auch den 1940er Postmeister Heinrich George. Und kann euch heute die Bjessy (Teufel), die Märchenpoeme oder die Liebesverse an diverse Angebetete halbwegs aus dem Gedächtnis hersagen.
Leben und sterben mit Puschkin, immer mal wieder.

Über den Genius des Dichterfürsten der Russen scheint man sich ja auch hierzulande einig zu zu sein. Doch versuche mal, eine deutschsprachige Ausgabe seiner sämtlichen Werke zu erstehen. Funktioniert nur unvollständig und nur antiquarisch und beim Stöbern in amazon kommen dir die Tränen. Die vollständigste, die ich je in Händen hatte, eine in der Sowjetunion auf Deutsch verlegte vierbändige Jubiläumsausgabe von 1949, hab ich mal mit Herzblut hergeschenkt an einen, von dem ich denk, dass sie es bei ihm schön warm hat. Ist heute nirgendwo mehr zu kriegen, das Schätzlein. Höchstens noch die Schwester, übersetzt von Johannes von Guenther, im selben Jahr bei Aufbau erschienen.
grafi duell aus film_koms_prawda
Puschkins so abrupt und zu früh an einem Pistolenschuss geendetes Dichterleben war voller Leidenschaft und nicht ohne Geheimnis. “Ich war mehr oder weniger in alle schönen Frauen verliebt, die ich kannte”, schrieb er einmal in seinen Tagebüchern. Er war ein heißer Patriot, ein scharfzüngiger Kritiker und ein Spötter vor dem Herrn, was ihm neben einer Verbannung in den Süden und anderen Unannnehmlichkeiten die zweifelhafte Ehre einbrachte, dass seine Werke vom Zaren höchstpersönlich zensiert wurden. Seine eigene Grabinschrift schrieb er mit zarten 16 Jahren. Der ungeklärten Herkunft seines Urgroßvaters mütterlicherseits, dem Mohren des Zaren, spürte er selber mit mäßigem Erfolg und spüren die Leut’ noch heute hinterher. Manche seiner Gedichte klingen für mich wie Vorahnungen seines gewaltsamen Todes. Und ein Schreiberling der so wundersam zum Boulevardblatt mutierten Komsomolskaja Prawda orakelt gar mystisch, minutiös belegt an einem Vergleich von Gänsehaut-Parallelitäten des (literarischen) Lebens Onegins und des (realen) Lebens Puschkins, dass letzterer sich mit dem Onegin-Roman in Versen seine eigene Vorbestimmung herbeigeschrieben und der arme (literarische) Graf Lenski sich aus dem Grab für seinen Dramentod am Dichter gerächt habe. Dabei ist es schon mystisch genug, dass es die Komsomolskaja Prawda noch gibt – meinte man nicht immer, dass die Zahl der Komsomolzy seit Jahren rückläufig wäre? Jedenfalls vorübergehend.

zeichnungen seiner frau auf verschiedenen manuskriptenmanuskript eugen onegin
onegin - p am fensterteufelskopfSchiff am Gedichtmanuskript Wospominanije _Erinnerung
duell spanischer grandenSkizzen zu Werken der französischen RomantikPeter der eherne Reiter ohne Peter ;o) 1829
Weiß eigentlich hierzulande jemand von den Gelegenheitspuschkinisten, dass der Meister auch ein ganz passabler Zeichner war? Mit Hang zum Karikaturisten. Seine Originalmanuskripte sind eine Augenweide, vollgekritzelt mit Porträts und angedeuteten Szenen aus dem Inhalt. Es gibt Titelblattentwürfe von ihm und sogar eine Art grafisches Tagebuch. Eine Unzahl von Abhandlungen und Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit diesen Zeichnungen und Illustrationen. 1977, noch zu Sowjetzeiten wurden sie unter der Regie von Andrei Khrzhanovsky zu einem poetischen Sojusmultfilm (einer Art bewegtem Comic) animiert – einem Kleinödchen, das sich als Dreiteiler auf Youtube findet. Auch für die Texte, Auszüge aus Puschkins Werken (allerdings auf Russisch), ließ man sich nicht lumpen und sie von keinen Geringeren als den russischen Kultmimen Smoktunowskij und Jurskij einsprechen.

Teile 1 und 3 – hier und hier.
Na , das wäre auch ein Geburtstagsgeschenk für ihn so recht nach seinem Sinne gewesen. Vor ein paar Tagen erst – am 6. Juni – ist er jugendliche 210 geworden, fast Anlass genug für ein kleines Puschkin-Jahr, oder?

Zum Schluss noch ein bissel Puschkin selber?
Na gut, dann die Lieblings-Russalka, die auch schon als Exotin in die Mermaid-Szene aufm Moby-Dick-Blog eingegangen ist und den Meister als Thema über Jahre beschäftigt hat. Und weil ihr es seid, sogar auf Deutsch:

[Außerdem kann der Wolf dann gleich mal den Link im Moby-Blog auswechseln, nachdem die Ganoven einfach die Site gekickt haben. ;) ]

Die Russalka

Im Waldesgrund, am Seegestade,
Erflehte ein Anachoret
Für seine Sünden Gottes Gnade
In Arbeit, Fasten und Gebet.
Schon grub sich eine Grabesstätte
Der greise Mönch mit müder Hand,
Voll Sehnsucht, daß die Seele rette
Sich bald in Edens Friedensland.

Einst sprach vor der vermorschten Hütte
Der Mönch bei Sonnenniedergang
Zum Himmel seine fromme Bitte.
Stumm stand der Wald, der Nebel sank
Und wallte ob den düstern Wogen.
Nun strahlte lichte Mondesglut
Von dem umwölkten Sternenbogen,
Und silbern schauerte die Flut.

Da faßt ein unerklärlich Grausen
Des Mönches Brust, er atmet schwer …
Urplötzlich wogt der See im Brausen,
Und grabstill wieder wird’s ringsher.
Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten,
Weiß wie der Schnee auf Bergesgrat,
Entsteigt ein nacktes Weib den Fluten
Und setzt sich schweigend ans Gestad.

Sie strählt die thaubeperlten Locken
Und blickt ihn heimlich seltsam an.
Den Schlag des Herzens fühlt er stocken
Bei ihrer Reize Zauberbann.
Er sieht sie mit der Hand ihm winken;
Sie senkt das Haupt, harrt regungslos -
Und schimmernd, wie ein Stern im Sinken,
Verschwindet sie im Wellenschoß.

Die Nacht wich schlummerlos von hinnen,
Gebetlos strich der Tag vorbei -
Vor des verstörten Greises Sinnen
Stand traumhaft schön die Wasserfei.
Und wieder ruht der Wald im Dunkel,
Und wieder aus dem Flutenreich
Taucht in des Mondenlichts Gefunkel
Die Maid berauschend schön und bleich.

Sie nickt ihm zu, sie lacht so helle,
Sie schickt ihm Küsse, lockt und minnt,
Sie spritzt nach ihm die Silberwelle,
Sie schmollt und weint, ein loses Kind,
Sie seufzt und blickt zum Sternenbogen,
Sie flüstert: „Mönch, zu mir, zu mir!“
Und jach verschlingen sie die Wogen
Und Schweigen herrscht im Waldrevier.

Am dritten Tag saß liebentglommen
Der Eremit am öden Strand
Und harrt auf der Russalka Kommen;
In Dunkel hüllte sich das Land …
Und als der Sonne Purpurgluten
Die Nacht verscheucht, da ward die Schar
Der Fischerkinder in den Fluten
Nur einen greisen Bart gewahr …
(Übersetzung: Friedrich Fiedler 1895)

Ha, noch ein Grund für die Slawenmermaid: für eher visuelle Typen das Ganze nochmal als schhnuckeliger, so recht und echt russischer Animationsfilm, der zwar nicht lautlos, doch fast vollends ohne Sprache auskommt. Weil ihr es seid! -
Сегодня день мультфильмов. ;)

Bilder: „Initiale“: Puschkin: Selbstporträt. Gemeinfrei. Duell – Szene aus dem Film: Puschkin – das letzte Duell. Russland 2006. Via. Puschkin-Zeichnungen – verschiedene, gemeinfrei. (Nach den Quellen könnt ihr mich fragen, wenn ihr wollt, die Verlinkerei war mir zu aufwändig. ;) )

Must be the season of the witch

April 30, 2009 at 11:04 | In 2009, Berlin, Bloghexe, Hexenritte, Hexenseele, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 1 Comment
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Faust:
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen.
Ich denke doch, das war recht klug gemacht:
Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isolieren.

Mephistopheles:
Da sieh nur, welche bunten Flammen!
Es ist ein muntrer Klub beisammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.

Faust:
Doch droben möcht ich lieber sein!
Schon seh ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muss sich manches Rätsel lösen.

Mephistopheles:
Doch manches Rätsel knüpft sich auch.
Lass du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Dass in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muss sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt
Nun sage mir, wo es was Bessers gibt?

(J. W. Goethe: Faust I. Walpurgisnacht.)

bchstabe-i
rgendwas (f)liegt in der Luft. Hoffentlich nur die Mitmädels auf den Reisigbesen.

Wenn nicht die ordnungshütenden Sixpacks schon tagsüber im Schwarm durch Friedrichshain patroullierten und mir den gewohnten Dienstweg durch die Straßen (ver)sperrten, statt – wie in den letzten Wochen so gerne – den neuen völkischen Klamottenshop gleich neben unsrer multikulturellen Toreinfahrt zu bewachen, dann hätten mich spätestens die wilden Horden der Hexenjäger im Wohnzimmer der heimeligen Bloghütte daran erinnert:

ES IST WALPURGISNACHT! Eine Nacht voll wilder Ausgelassenheit, voll Tanz und Zauber und Magie.

Liebe Mithexen, Molotowcocktailbastler und Maikäfersammler! Tanzt friedlich in den Mai – ums Hexenfeuer, auf dem Blocksberg oder einfach so – und lasst die Leute ihre Autos selber abwracken.

Vielleicht zu Donvan oder den frech grölenden Cover-Mädels:

Macht heut vielleicht ausnahmsweise einen kleinen Bogen um Get Well Soon ;)

…und bewegt die Barfüßchen lieber noch zu was Irischem – nur echt mit schottischer Landschaft und kanadischen Hexen *g*. Und wer schön lieb ist, der darf nochmal – zum in Hexis verschwenderischer Großzügigigkeit auserwählten Bonustrack von ASP mit den süßen Geistern:

ASP? Ja, das sind die Zauberbrüder mit der wirklich wunderfeinen Krabat-Scheibe.

Genug Hexentanz?
Nun dann: have fun!
(Man weiß ja schließlich, was Hex’ sich heut schuldig ist. ;) )

Walpurgisnacht auf Postkarten

Bild: Walpurgisnacht. Verlag J. Miesler, Berlin. Via Zeno.org: 5000 Bildpostkarten aus der Zeit um 1900
Songs: Hole: Season Of The Witch. Aus: My Body The Hand Grenade (1997). Video via youtube. Get Well Soon: Witches! Witches! Rest Now In The Fire. Aus: Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon (2008). Video via youtube. ASP: Und Wir Tanzten – Ungeschickte Liebesbriefe. Aus: Horror Vacui (Doppel-CD, 2008). Video via youtube.
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Vor dem Mast und unter Segeln

April 2, 2009 at 12:05 | In BildungsLückenbauten, Bloghexe, Blogroll, Bücherhexe, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Werbehexe | 4 Comments
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Kartoffel-Content und ein bisschen SchleichWerbetrommeln in eigener Sache für einen großen alten Wal

buchstabe_wenn ich hier nix blogge, heißt das nicht i m m e r, dass ich überhaupt nix blogge. Manchmal blogg ich dann ja doch was – woanders. Und eine Handvoll treuer Plattenbaustammtischleser weiß es vielleicht: dass die Hex’ auch noch eine
Wa(h)lheimat hat bei WordPressens. Auf einer Art Fliegendem Holländer namens “Pequod”, hoch in den Wanten und auf schwankenden Planken. Auf denen sie gemeinsam mit ein paar gar nicht so ungehobelten Kerlen, virtuellen Seebären mit Herz und Seele, M+M (Moby Dick + Melville) und allerhand anderem maritimem und literarisch-musi(kali)schem Zeug über alle Meere hinterherjagt.

KartoffelnIhr jüngster Fang, vor einer halben Handvoll Tage mit emsigen Fingern im SchleppInternetz aufgebracht und zurechtgetippt, war nun zwar kein Wal, vielmehr… öhm… Kartoffeln. Doch lassen sich die hier ganz gut verhökern. Wurde doch nicht nur hart am Wind vor der irischen Küste und zu Lande auf der Grünen Insel gefischt, sondern auch in preußischer Historie. Und wenn das nicht genauso gut ins Berliner Hexenbloghaus passt, soll mich auf der Stelle der Klabautermann holen.

Wohlan also, Freunde der Kartoffel, der Seefahrt und nerdigen Bildungs(lücken)bloggens! Wen zum Beispiel interessiert, was der Alte Fritz ausnahmsweise mal auf dem Sektor ziviler Wohltaten statt militärischen Drills gerissen hat oder in einem tragischen Kapitel aus der Geschichte der Iren und ihren westwärts segelnden Coffin Ships zu suchen hat, der lese Hexens

nebenan Gebloggtes.

Wer an unserm ganzen Schiff mal längsseits gehen mag und keine Angst vor hohem Wellengang hat – bitte hier lang schwimmen. Den Käpt’n und die Mannschaft täts freuen.

Nebenbei und vorab sei schon mal verraten, dass hier für irgendwann demnächst eine Extra-Seite mit Empfehlungslinks zu Lesens-, Hörens- und Sehenswertem ausm Moby-Dick-Blog geplant ist. -

Weil ich eben dort a u c h ein Zuhause hab.
Weil die Mannschaft tipp-topp ist. (Hallo Jungs! :) )
Weil sie mit Hingabe schreibt, es kann und es verdient hat.
Weil Herman Melville und die Weltliteratur es auch verdient haben.
Weil ein fetter Fisch kein dicker Wal, ein dicker Wal noch lange nicht
Moby Dick und Moby-Dick zwar Weltwal, doch niemals ein Babel Fish ist.
Weil Seefahrerromantik die Mutter aller Piratenfilme, aller Fern- und Sehnsucht
und die große schöne Schwester jeder noch so naseweisen Plattenbauromantik bleibt.

hochseehex-disn-zuschnWorauf wartet ihr? Husch, Segel setzen und mit schäumender Bugwelle ab in den Frühling! Und dann vielleicht zu ‘nem gepflegten kleinen Gam bei der Pequod vorbeischippern? ;)
Gerne auch öfter.

Eure Hochseehex’

Song: Richard Thompson: Mingulay Boat Song, Aus: Rogues Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006. – Video von wolfgpunkt auf youtube. Und natürlich hier aufm Schiff.

Pierrots, Pin-ups, Puzzleteile

März 22, 2009 at 10:10 | In Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Sexy Hexi | 4 Comments
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Heute ist mein Computer nach einem akuten Infarkt und etlichen Tagen aus dem Koma erwacht. Er lebt jetzt mit einem Spendernetzteil – wie’s mir grad vorkommt, etwas langsamer – und bittet, alle zwischenzeitlichen Verspätungen und Versäumnisse mit Nachsicht zu behandeln. So hätte nämlich in der verflossenen Woche neben und vor Sonstigem zwei Bildermenschen und Meistern ihrer Linie gedacht werden sollen…

aubreybeardsley-portrat-von-frederick-evans 1894buchstabeder erste war ein schmächtiges, schwindsüchtiges Kerlchen von Kindheit an. Mit einer ärztlicherseits prophezeiten Lebenserwartung, die ihn zunehmend in schöpferische Unrast trieb und ihn tatsächlich im Alter von nur 25 Jahren das Zeitliche segnen ließ – letzten Montag (16. März) vor 111 Jahren.

Zeichnerisches und karikaturistisches Talent hingegen besaß er für ein ganzes Künstlerseminar. Aubrey Beardsley, 1872 im britischen Brighton geboren, machte sich schon in der Grundschule bei seinen Lehrern mit Spottkritzeleien beliebt, deren Objekt vor allem sie selber waren. Seine recht frühe Erwerbslaufbahn begann dann zunächst weniger künstlerisch, als Schreiber in einem Londoner Architekturbüro und bei einer Versicherung. Was ihn ebenso wenig wie sein Siechtum davon abhielt, nebenher autodidaktische Studien der Literatur und Kunst zu betreiben. Ein Initiativbesuch des offenbar mit einer weit robusteren p s y c h i s c h e n Konstitution ausgestatteten Jünglings bei Sir Edward Burne-Jones, exponiertem Vertreter der Präraffaelitischen Bruderschaft, brachten ihm dessen Förderung und zum ersten Mal professionelle Kurse an der Westminster School of Art ein.

Ge(un)dankt hat er es den Brüdern, denen er anfangs durchaus in seiner Art zugehörte, dadurch, dass er mit seinem Genie den Präraffaelismus totzeichnete, wie es der Österreicher Franz Blei später in seinem Nachruf nannte. Er eilte von Stil zu Stil und stellte aus denen seine eigenen Mischungen her. Zeichnete immer unter dem Einfluss dessen, was er sich selbst gierig aneignete, sei es die Musik, die antike oder französische Literatur oder der japanische Holzschnitt. Und sich stets bewusst, dass ihm zum Weben an ehrwürdiger Berühmtheit keine Zeit blieb. Er wollte ‘in’ sein, spektakulär, wollte schnellen Ruhm und Ruch. Und bekam beides.

Beardsley_MaloryDie Illustrationen zur prachtvollen 1894er Edition von Thomas Malorys „Le Morte d’Arthur“ waren 1892 die erste Auftragsarbeit eines Verlegers an den knapp Zwanzigjährigen. Für die zweite, die Bebilderung der “Salome” Oscar Wildes als englische Erstausgabe, engagierte ihn selbiger höchstpersönlich vom Fleck weg, nachdem er eine Zeichnung Beardsleys zum Salome-Motiv in einer Kunstzeitschrift gesehen hatte. Der Strich in manchen der Salome-Zeichnungen lässt mich manchmal an den moderner Modedesigner denken. Zwischen den beiden so eigenwilligen wie eigensinnigen Künstlern führten sie allerdings zu einem Zerwürfnis. Denn Wilde fand sie zu ‘japanisch’. Woraufhin der gekränkte Beardsley, dem jeder Kritiker ein Feind war, ihn mehrfach bissig und höhnisch karikierte.salomes-tanz Wilde-_savoy

Bekannt sein sollten auch seine Zeichnungen zu den Short Stories von Edgar Allan Poe, wie alles andere lediglich ein Mosaiksteinchen unter mehr als 1000 Illustrationen, Karikaturen, Buchvignetten, Ex Libris, Titelseiten und Plakaten, die in nur sechs Jahren exzessiven Schöpfertums entstanden.

Ein weniger jugendfreies Feld seines Schaffens bestellte Beardsley als Mitherausgeber und Illustrator der Literaturzeitschrift “The Yellow Book”, deren Titel sich an das unsittliche Yellow Book aus dem Oscar-Wilde-Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” (1890) anlehnte, das in Wildes späterem Unzucht-Prozess (1895) ein Rolle spielte. Die erotischen, bisweilen nahezu pornografischen Inhalte seiner Zeichnungen im federführenden Journal des britischen Ästhetizismus bescherten ihm begeisterte Fans ebenso wie empörten, steinewerfenden Mob und zementierten seinen Ruch und Ruhm. Gleiches widerfuhr ihm mit dem als Konkurrent zum Yellow Book aufgestellten “Savoy”, das unter anderen seine als anstößig und skandalös empfundenen Illustrationen zu Aristophanes’ “Lystistrata” veröffentlichte.

Bereits zu seinen Lebzeiten war Beardsley so bekannt, dass sein Stil mehrfach im “Punch”, der Urheimat des Cartoons, parodiert wurde. Die Rolle des Schriftstellers Audrey Beardsley, in der er der Nachwelt kaum mehr als eine unvollendete Erotiknovelle (“Under the Hill”) hinterließ, ist hingegen marginal.

In der Hoffnung auf ein mit Gott versöhntes Ableben konvertierte er 1897 zu den Katholiken und starb 1898 im südfranzösischen Schoß der Kirche.

Der andere der Zwei ist von überm Großen Teich. Und hätte letzten Sonntag einen halbrunden Geburtstag von stolzen 95 Lenzen feiern können, wäre er nicht bereits mit 66 verschieden. Was im Vergleich zum Ersteren immerhin etliche Jährchen mehr Schaffenszeit bedeutete. Und er und Beardsley haben womöglich mehr gemeinsam als der Schein trügt. Selbst wenn man nur die Erotik in der Darstellung hernnähme, mit der es beide so unverhohlen hatten, wenn auch jeder auf seine Art.
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Gil Elvgren, seines Zeichens Werbezeichner und Illustrator, ist einer der wohl berühmtesten Glamour- und Pin-up-Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer immer noch weltumspannenden Fangemeinde. Denn wer kennt sie nicht, die leichtgeschürzten sexy Elvgren-Girls, denen in seinen humorigen Motiven so oft ein kleines Ungeschick die Strumpfhalter oder andere Kleiderteile bis zum Hals lupft? Also ich kenne keinen, jedenfalls keinen der nicht wenigstens einen kennt, der die kennt…

Der richtige Strich...Der verhinderte Architekt (der feststellte, dass er lieber zeichnete als Großformatiges zu entwerfen) begann seine Karriere in den Dreißigern mit Zeichnungen für einen Modekatalog. Wurde später für gutes Geld von Brown and Bigelow, einem der in den 40er Jahren weltweit größten Kalenderherausgeber, engagiert, mit dem sein Name fortan fest verbunden war. In dieser Zeit lernte er auch Haddon Sundblom, den Schöpfer des Coca-Cola-Santa, kennen, der sein Freund und Mentor wurde. Elvgren bewunderte Sundblom und wurde neben der Tatsache, dass dieser ihm zu seinen Arbeiten für die berühmte Marke verhalf, in seiner Kunst nicht unerheblich von ihm beeinflusst.

Elvgrens Zeichnungen waren in der Werbe- und Zeitschriftenbranche, bei Unternehmen mit Rang und Namen, hochgefragt und hochbezahlt, sein Aufstieg steil und nicht aufzuhalten. Auf einer der zahllosen Elvgren-Seiten fand ich eine schlüssig einfache und augenzwinkernde Beschreibung für das gewünschte und praktizierte Pin-Up-Konzept:

elvgrenupsetting_upset_gestrandet1969_happyjollyHe felt the ideal pin-up was a fifteen-year-old face on a twenty-year-old body, so he combined the two. An Elvgren model was never portrayed as a femme fatale. She is, rather, the girl next door whose charms are revealed in that fleeting instant when she’s been caught unaware in what might be an embarrassing situation. Gusting winds and playful plants grab at her lovely, long legs. She is intruded upon as she takes a bath. Her skirts get caught in elevator doors, hung up on taps, and entangled with dog leashes. The elements conspire in divesting her of her clothing.

Und auch wenn das eine oder andere Detail im Wandel der Zeiten modifiziert wurde: das sind sie, die Elvgren-Girls, und so lieben sie Millionen – bis zum heutigen Tag.

*
**
***

Zeitverzögert aus o.g. Gründen auch der Epilog:

Da schrob ich so vor mich hin über Zwei, die ihr Handwerk und die Linie exzellent beherrschten. Und grübelte – ob ich nun mit gemeint war oder nicht – über eine beinahe artverwandte Spielaufgabe nach: ein Titelbild für Herman Melvilles “Mardi” zu schustern.

Ich sah vor oder in mir das Bild einer von der Mitte her ausfransenden Südseeidylle – rund wie die Welt und voller Buchten und Riffe wie die Menschen…

ertrinkende-augen1lianen-stchsah zwei Mandelaugen hinter
einem Vorhang aus Lianen,
ein Kanu am Strand.
Sah üppige Natur hinter
Kanu am Strandwasserschleiereinem Schleier aus Tropfen,
ein Segelschiff am Horizont.
Sah Wildheit und Stille,
Inseln und Meer.
paradiesvogel21segelschiff-stchFühlte Klarheit und Mysterium,
raue Kraft und
weiche Schönheit.
Hörte wispernde Poesie
Regenbogensudseeinseln-stchund knorrige Worte. —
Sah einen Regenbogen,
der alles umschloss
und wie alles zerfloss…

Ich sah lauter Puzzleteile zu einem Mosaik und beschloss, – wo wir grad beim Schustern waren – bei meinem Leisten zu bleiben und nichts draus zu zeichnen noch zu fügen. Die Gefahr des Hobbystümperns schien zu groß. Und solches hätte Mardi nicht verdient…

Das Sinnen und Spinnen im Nachtrab sei mir verziehen: gestern war schließlich Welttag der Poesie. ;)

kleines Schiff auf kleinem Meer

Bilder: Frederick Evans: Porträt Aubry Beardsley (1894) – via johncoulthart.com. Aubrey Beardsley, „How Sir Bedivere Cast the Sword Excalibur into the Water“. Illustration from: Sir Thomas Malory, Le Morte d’Arthur. 1894 – Wikipedia. A. Beardsley: The Stomach Dance. „Salomé“, Oscar Wilde 1907 ed. – via wormfood.com. Gil Elvgren: Pin-ups 1-3 via happyjolly.com. Blaues Boot – meins.
Video: Television Personalities: A Picture of Dorian Gray – via youtube.

Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren

März 1, 2009 at 4:10 | In Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 Comments
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Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen ;) )

Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ‘ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.

segelschiff-1

buchstabe-n2-zuatürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.

Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?

Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.

mermaid-romant-via-never-sea-landDoch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…

Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?

So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.

“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”

Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”

Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.

“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”

“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”

“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”

“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”

“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”

Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:

“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“

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“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”

“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ‘ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“

„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”

“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“old_humpty_dumpty-zustre

“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“

“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ‘ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“

„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“

„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“

„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“

„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“

„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“

„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“

„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“

Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.

Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…

Keiner?

schmitz_mobyMoby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‘Weltverändern’, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”

Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…

“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”

*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.

Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.

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