Meine Rabenseele
Oktober 27, 2008 at 4:14 | In 2008, BildungsLückenbauten, Bücherhexe, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Märchenhexe, Real-Poetisches, Wurzel-Werk | 8 CommentsTags: Bücher, Fantasie und Wirklichkeit, Film, Krabat, Lesen, Literatur
Oder: Vom Krabat haben Nachkommen gelebt
Einer geht über das Land, ein Alter
oder ein Junger, man kann es nicht sehen, er ist zu nah.
Vielleicht ist es Krabat.
Krabat, von dem die Sage berichtet: Einmal fiel ein Stein
vom Himmel und zerbarst. Aus den Trümmern stieg Krabat
und schritt ins Land. Einmal wird ein Stein gen Himmel fahren,
darin wird Krabat sein. Dazwischen wird Krabat ein Mensch sein
und tun, was er tun muss.
Weiß man, was ein Mensch tun muss?
Vielleicht, dass er sein Woher und sein Wohin
mit einem Namen nennt und dass er das Eine
mit sich trägt und das Andere vor sich sieht.
(Jurij Brězan aus: Die schwarze Mühle)
Nun, was die beim hochverehrten Herrn von Kleist abgekupferte These angeht, so gibt’s da ja nix Verbürgtes. Aber so denn krabatsche Nachkommen die Erde bevölkern, und seien es nur solche im gefühlten Volksgeiste, dann bin ich gewiss eine von denen. Nicht nur, weil meine Wurzeln in dem Boden sprießen, über den er – gleich links um die Ecke – gewandelt ist und über den immer noch die Raben fliegen und – wieder – die Wölfe jagen. Nicht nur, weil in mir schließlich noch ein paar Tropfen sorbischen Blutes fließen, die ich meinen Altvorderen verdanke.
Ich bin mit den Sagen und Legenden um den ‘Doktor Faustus’ der Sorben aufgewachsen, habe Mädchensommer in
dem Nest Groß Särchen verbracht, das ihm einst gehörte, und kenne auch das andere, in dem die schwarze Mühle gerade wieder aufersteht (tja, nicht mal die guten alten Mären sind heutzutag vom schnöden Kommerz verschont). Von schwarzer Magie habe ich nicht die leiseste Ahnung, in eine Räbin mit leisem Flügelschlag verwandele ich mich nur selten heimlich in der Dämmerung und zaubern kann ich ein ganz klein wenig – manchmal. Doch seit Kindertagen schleppe ich ein zerlesenes Sagenbüchlein durch mein Leben mit, in dem auch die Geschichte vom Krabat wohnt. Zum Wurzeln-Gießen.
Es wird ja gemunkelt, dass gar unser aller oller Herr Geheimrat einige Passagen mit dem Zauberlehrling für seinen „Urfaust“ aus der Krabat-Legende geklaut hat. Und überpünktlich zum 85. Geburtstag des seit Schülergenerationen als Krabat-Märchenvater gefeierten Herrn Preußler flimmerte jüngstens ein nach seiner allseits beliebten Romanvorlage millionenschwer und aufwändig inszeniertes Filmepos über die Kinoleinwände, schwarzdüster und in Fantasy-Manier. Naja, über die Nähe zur Vorlage und auch über den Rest ist man sich in Cineastenkreisen ziemlich uneins, und das offenbar nicht nur, weil die schwarze Mühle von den Herren Gutmann und Kreuzpaintner aus den modderigen Sümpfen und sanften Hügeln der Oberlausitz eigenmächtig in die Hochgebirgslandschaft der rumänischen Karpaten versetzt wurde. Ich habe den Film bislang nicht gesehen, überlege noch, ob es sich gehört, sich ihn anzutun, so als Nachkommin jetzt. Und verweise einstweilen auf Fremdmeinungen, hier oder hier oder da.
Um ehrlich zu sein, wusste ich von dem Preußler seinem Krabat bis vor wenigen Jahren überhaupt nichts. Was den aufmerksamen Leser nicht sonderlich verwundern sollte, weil er bestimmt drauf kömmt, dass der dort in der Krabat-Ecke damals n i c h t zur Schullektüre gehörte. Worum mich andererseits aber auch keiner allzu sehr bedauern muss. Denn zum einen hab ich die Bildungslücke inzwischen aufgeholt und außerdem hatte auch ich meinen Preußl… äh nö, meinen Jurij Brězan und frag lieber gar nicht erst, wem der heutzulande überhaupt noch was sagt. Dabei wurde auch er vielfach preisbekränzt, schrieb meisterhaft und gar zweisprachig (deutsch und sorbisch) und kannte als echter Sohn des Sorbenlandes seinen Krabat so gut wie kaum ein anderer.
Seine erste Bearbeitung (von drei) der Krabat-Sage “Die schwarze Mühle” erschien sogar ein paar Jährchen früher als das verklärte Preußler-Märchen (das ich um Himmelswillen keinem mies machen mag) und ist ein faszinierendes Buch. Allein schon die Sprache, klar und schnörkellos und zugleich so voller Poesie und erzählerischer Kraft, zieht einen von der ersten Seite an in ihren Bann.
Was wie ein Märchen beginnt, wie ein alter lyrischer Mythos aus dem Volke, entfaltet auf ganzen hundert und ein paar Seiten verschiedene hochspannende Handlungs- und Reflexionsebenen – philosophisch, politisch, historisch, psychologisch und allgemein menschlich -, die nicht nur räumlich weit über den Rahmen der schwarzen Mühle hinaus reichen und den Leser fordern: ein abgerissener Bauernjunge, hungrig nach Nahrung und durstig nach Wissen, ist unterwegs auf der Suche nach Erkenntnis und sich selbst und gerät in die Fänge des schwarzen Müllers, der ihm als Lohn für sieben Lehrjahre in seiner Mühle die sieben Bücher des Wissens aus seiner siebenfach verschlossenen Truhe verspricht. Der aufgeweckte Krabat erkennt sehr schnell, in welch unheilvolles Geflecht von schwarzer Magie, gnadenloser Unterdrückung und Machtmissbrauch, Lüge, Angst und Tod er geraten ist, und sucht die Gefährten, die mit ihm Nacht für Nacht zu Raben werden müssen, als Verbündete zu gewinnen, dem Schwarzen das Handwerk zu legen.
Die Schauplätze wechseln, von einer Burg, in der es nach Verrat riecht und eine Schar von Helden blutig hingemetzelt wird, über den sächsischen Königshof und ein Feldlager der türkischen Heerscharen zurück in die wohlbekannte Landschaft voller geduckter Menschen unter der Knute des scheinbar allmächtigen Müllers und in den Sumpf mit der schwarzen Mühle, wo der Kreis sich schließt. Brudermord und öffentliche Verleumdung, die Auswüchse und Mechanismen pervertierter Machtausübung spielen ebenso eine Rolle wie die Sehnsucht nach Freiheit, der Drang nach Erkenntnis und vereintes solidarisches Handeln, alles dicht verwoben mit allegorischen Bildern und Anklängen an reale Ereignisse. Krabat ist längst nicht mehr der unschuldige fürwitzige Knabe auf der Suche nach der Weisheit; er wird zum durch Blut und Leid und Wissen geformten Hoffnungsträger. Die Formel “Wer weiß, der kann” zieht sich durch die gesamte Handlung und die Verbrennung der magischen Bücher ist letztlich die Konsequenz eines gereiften Mannes, der den faulen schwarzen Zauber gegen wahre menschliche Stärke, Erkenntnis und das Bewusstsein seiner selbst eintauscht. Was wie ein Märchen begann, endet in einem opferreichen Befreiungskampf durch die Zeiten hindurch – und unversehens mitten in der tatsächlichen Menschheitsgeschichte, nicht im Mythos. Es hinterlässt den Leser atemlos und hört, obwohl es Prosa ist, in alldem niemals auf, wie große, wunderbare Lyrik zu klingen.
Preußlers reines und anrührendes Märchen und Brězans geradezu unerhört dichte und suggestiv atmosphärische Art, mit dem Krabat-Stoff umzugehen, lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Jeder von ihnen spielt eine ganz eigene, ganz andere Melodie. Irgendwo habe ich gelesen: Preußler verzaubert, Brězan tut das Gegenteil: er entzaubert, lotet tief aus. Ich glaube, das trifft es sehr gut. Brězans Buch ist der Krabat für Erwachsene.
Dennoch erstaunt mich bei der von beiden so verschieden erzählten gleichen Geschichte nicht, wie weltzugewandt und wie ähnlich sich zwei Autoren mit so unterschiedlicher Sichtweise, jeder auf seine Art vom Leben geprägt, in ihren Äußerungen darüber sind – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag:
„Die Gestalt ließ mich nicht mehr los. Ich ahnte eine große Geschichte und brauchte Jahre, um ihren Kern herauszufinden: Wissen ist Macht und Macht macht frei.“
(J. Brězan)„Mein Krabat ist […] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ (O. Preußler)
***
Das lässt mich, sozusagen im Abgesang, nochmal an die Stätten Krabats – und meiner Kindheit – zurückkehren. Die Krabat-Sage ist im Vergleich zu vielen anderen Legenden noch nicht soo alt, erst etwas mehr als 300 Jahre. Und so mancher weiß es ja vielleicht: soviel Zauberei und schwarze Magie sich um ihn auch ranken mag, Krabat liegt ein reales Vorbild zugrunde. Dessen wirklicher Name war Johann Schadowitz, seines Zeichens ein kroatischer Soldat, den Kurfürst Friedrich August I. (später als August der Starke bekannt) aus dem Türkenfeldzug mitgebracht und für seine Verdienste um des Kurfürsten Leib und Leben mit dem bereits erwähnten Gut Groß Särchen beschenkt hatte.
Zu Krabat wurde er in Volkes Mund, da er eben aus K r o a t i e n stammte. Und das Andichten der Zauberkräfte hatte wohl mit dieser fremden Herkunft, seinem Aussehen und Gebaren, die geheimnisumwittert schienen, zu tun. Übrigens stammt auch die Bezeichnung für die bei einer gewissen Anzugsordnung obligatorische Krawatte daher: die damaligen kroatischen Soldaten banden sich ein rotes Tuch um den Hals und kreierten so den Stil à la Croat (resp. kravat). Siehstewoll, so geht Lautverschiebung auf Slawisch. Sogar für die Annahme, er sei ein Hirtenjunge aus dem Nachbardorf gewesen, hat der sagenkundige Mensch dort eine Erklärung: wenn man Krabat fragte, woher er käme, wies er vage in Richtung Süden. Doch für die unwissenden Bauern damals war die Welt klein und hinter dem nächsten Dorf zu Ende, also konnte er doch nur dieses meinen.
Der historische Krabat selber lebte von 1691 bis zu seinem Tode in hohem Alter 1704 auf seinem Gut. Er tat der Überlieferung nach seinen Bauern allerlei Gutes, “hat bei Ostwind den Hagel aufgehalten”, karge Böden fruchtbar gemacht und Sümpfe trockengelegt. Auf ihn geht der Anbau von Dinkel und Hirse in der Lausitz zurück. Und vor allem hob er für die Bauern seines Gutes die Leibeigenschaft auf, ein ganzes Jahrhundert vor der französischen Revolution.
In Wittichenau, wo er begraben liegt, wurde ihm ein Denkmal errichtet, die Krabat-Säule. Und seine Wohltaten dauern fort. Denn inzwischen belebt der Krabat-Kult munter das Tourismus-Gewerbe in der Gegend: es gibt einen Krabat-Radweg, das Krabat-Fest und einen lebendigen Krabat(darsteller), zugezogen aus dem Sauerland. Krabat-Bier und Kräuterschnaps werden gebraut, die Krabats Zauberkräfte in dir wecken, und in Schwarzkollm wächst die schwarze Mühle, zünftig mit einer Bude für Gesellen auf der Walz. Tja: WER WEISS, DER KANN.
Und die Legende lebt. Ungeahnt real. RealPoetisch…
Bilder: CD-Cover: Zauberbruder; Krabat-Liederzyklus – von ASP, Standard Edition, Erstauflage; via The Tales of ASP. Wappen von Schwarzkollm – via Wikipedia. Buchcover: Die schwarze Mühle. Klett – via amazon. Grafik: Krabat – via Schwarzkollm-Website. Krabatsäule in Wittichenau: Julian Nitzsche.
Song: Krabat. Aus dem Liederzyklus „Zauberbruder“ von ASP zu Ausschnitten aus dem Karel-Zeman-Animationsfilm Čarodějův učeň von 1977; via youtube.
Heile, heile… Welt?
Juni 26, 2008 at 5:26 | In 2008, Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexen-Gedanken, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, SchilderBilderbuch, Wetter-Hexe | 1 CommentTags: Heile Welt, Leben, Loriot
Nach-Wort und -Bild zum Sonntag
Ich mag diese Wochenenden, an denen alle unter der Hitze stöhnen und die Sonne hemmungslos vom Himmel knallt. Sie sind wie für mich gemacht – ich bin ein Sommermädchen. Ja, so eins mit den immerzu kalten Füßen, solange die Temperaturen unter zwanzig Grad rumbibbern.
Ha, aber jetzt ist Barfußzeit! Und nach dem ganzen Wochenstress fühlt sich kaum was so gut an wie eine Wiese unterm Bauch, die Grasspitzen auf Augenhöhe, ein Buch vor der Nase, leises Windfächeln und Bienengesumm um die Ohren. Hm, und ist man zu träge, sich irgendwo hinzubewegen, tuts auch der Balkon. Doooch… die sonnenwarmen Sohlen
ohne Schuh’
und ohne Strümpf’
und ohne Hatz
auf die Brüstung gestemmt, lasse ich ein lecker-kühles Zitronensorbet zwischen den Lippen schmelzen und faulenze mit halbgeschlossenen Augen vor mich hin. Das Seniorenheim gegenüber hat einen Leierkastenmann angeheuert und altberliner Musike weht gedämpft zu mir herüber… Die Stimmung hat sowas von heiler Welt – jedenfalls, solange sich die Hoffnung hält, dass der mit der Drehorgel nur für eine Stunde gebucht ist.
Die einzige heile Welt übrigens, die ich höchstpersönlich kenne, döst ausgerechnet an meinem gelegentlichen Dienstweg vor sich hin. Wobei kennen ja eine maßlose Übertreibung ist.

Sie ist tagsüber nämlich immer geschlossen. Was zunächst nicht weiter tragisch anmutet, weil ich sowieso zur Tür nebenan rein muss. 
Die Treppe hinter d e r gehört zu einer sehr sympathisch geführten Sprachschule und hallt üblicherweise von babylonischem Gezwitscher aus aller Herren Länder wider – außer wenn gerade Unterricht ist. Dann hat man auch mal Muße innezuhalten für stille kleine Details, die das schweifende Auge im sorgsam und liebevoll bewahrten Flair einer alten Berliner Großstadtvilla entdeckt. Hier scheint die Welt in Ordnung. Auch für Minderheiten. Was sich bekanntermaßen nicht unbedingt in die Breite verallgemeinern lässt. D a s wiederum lässt einen solche Ideen wie die geplante Schließung des kleinen aber feinen Radio multikulti (dem ich selber schon die Ehre hatte, ein Interview zu geben) durch die hauptstädtische Mutteranstalt weniger als Greifen nach dem Rettungsanker denn als einen Griff ins Klo sehen. (Zur einschlägigen Un-Willensbekundung gehts zet Be hier lang.)
Allerdings (und weil wir eh grad bei Minderheiten sind) würde man ja auch gern mal einen Blick hinter die Rolläden der “Heilen Welt” riskieren, die sich als Cafe-Bar outet und nach einschlägiger Information eine von den stylüschen, für Hinz UND Hetero sehr gastlichen, City-Schwulenkneipen – sogar mit Kuschelfell an den Wänden – ist. Verbirgt sich hinter dem Namen nun ein Orakel, eine Vision… ein Konzept… oder die pure Ironie einer um_weltgebeutelten Zielgruppe. Letzters liegt nahe, seitdem jüngstens in der Eingangstür öffentlich eine heileweltfremde Reglementierung ausgeschildert ward:
Doch es zählt ja der gute Wille. Schließlich gibt es – gleichfalls an Hexis Dienstweg – weitaus guerillierndere und unheiligererere WeltKonzepte:
***
Wenn man so oft wie die Hex’ andauernd dort in der Gegend um die Bülowstraße rumscharwenzelt,
muss einem zum weitläufigen Thema so unversehens wie zwangsläufig ein welt-weiser Blaublüter aus altem meckpommschen Ritteradel einfallen, der hochverehrte Freiherre Loriot nämlich. Schließlich gilt er als unermüdlicher Erfinder seiner eignen der heilen Welt (u.a. mit leckerer Postkartenabteilung). Außerdem als exzellenter Kenner all ihrer unheiligen Irrungen und Wirrungen (äh nee, letztere warn schon vom Herrn Nachbarn, aber der hat se uns vererbt. Holla, und der Ritter von Bülow wird heuer demnächst auch schon fümfunachzich – Kinder, wie die Zeit vergeht!) Die Suche nach der- und denselbigen ist beim Loriot, genauso wie ihr kicherndes Beklagen, ‘ne Berufskrankheit. Die ihn bis in die eigene und fremde Badewanne hinein verfolgt. Eine schmunzelnde und kultige Wiederentdeckung, die es wert ist geteilt zu werden:
ABER DIE ENTE BLEIBT DRAUSSEN!
*
H i e r draußen, vor Fenster und Balkon, entlädt sich inzwischen ein donnerdrummelnder Wolkenbruch und heilt die dürstende Welt.
Bilder: Selbereigene. Loriot auf der heilen Welt und der Hundskerl: aus Loriots heiler Welt.
Fastfood für Deppen oder nur ein bisschen Babylon?
September 26, 2007 at 4:15 | In Berlin, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Hexenküche, Kultur, MarktLückenbauten | 9 CommentsVon Döner und russischen Pelmeni
Einmal in der Woche halte ich eine mobile Sprechstunde in einer Schöneberger Sprachschule ab, mit deren Inhalten ich hier um des Himmels willen keinen langweilen will. Und derentwegen ich durch die Potsdamer Straße muss. Dieses Unterfangen setzt einen markanten Wesenszug interkultureller Prägung voraus, eine antrainierte indianische Gelassenheit nämlich. Denn mehr als atemberaubende fünfsechs km/h sind nicht drin, da außer den Anliegern und einem selbst gefühlte zwei Drittel aller Berlin-Touristen, dreieinhalb Filmdrehs und mindestens ebenso viele Baustellen permanent und immerdar auf diesem Schrumpfmeilchen stattfinden.
Zum Glück ist die Schleicherei meistens ganz kurzweilig. Man kann entweder zuschauen, wie sich die Menschenschlange um die Neue Nationalgalerie wickelt, in der noch bis Oktober
die schönsten Franzosen aus New York zu Besuch sind, oder mit sich selber wetten, wie oft der Audi mit Münchner Kennzeichen noch unschlüssig rechts blinkt, um am Ende links abzubiegen. Man kann sich auch die Zeit damit vertreiben, die MultiKulti-Biergärten zu zählen.
Oder die putzigen Auffahrunfälle.
Oder das Programm vom Wintergarten zu studieren.
Oder die Besucher der Erotik-Shops zu beobachten.
Oder die lustigen Benamsungen der ungezählten gastronomischen Lokalitäten zu lesen…
Über eine von denen muss ich immer grinsen. Sie prangt auf einem Riesenschild über so einem Döner-Imbiss von etwas mehr als Telefonzellengröße und lautet DURAK. Nun bin ich ja des Türkischen weitaus unkundiger als einer Handvoll andrer Sprachen und vermutlich handelt es sich bei diesem Markenzeichen schlicht und einfach um den guten Namen einer alteingesessenen Händlerdynastie vom Bosporus. Auf Russisch, von dem ich ein paar Silben mehr verstehe, bedeutet Durak (дурак) soviel wie Dummkopf, Trottel… Depp. Und jedesmal, wenn ich das Schild lese, frag ich mich schmunzelnd, wie werbeträchtig es wohl für anwohnende Russisch-Mutterzüngler sein mag. Ob selbige sich sicherheitshalber oder boykottierend – und ohne dabei auch nur einen Gedanken an tonnenweise Gammelfleisch zu verschwenden – den Genuss des dort bereiteten Fleischgeschnipsels in der Fladenbrottasche verkneifen? Und ob der brave Verkäufer des osmanischen Fastfood, das so mancher immer noch in dem Irrtum mampft, es sei, so wie es ist, in Berlin-Kreuzberg erfunden worden, um das Hintersinnige auf seinem stolzen Schild überhaupt weiß? Und auf einmal ahnt man wieder vage – wenigstens in Marktnähe – was interkulturelle Kompetenz wert sein kann.
Lukullisches aus der russischen traditionellen Küche findet sich übrigens in der Ecke um die Potsdamer herum kaum, fällt mir da gerade auf. Das Einzige, was da in kyrillischen Lettern umworben wird, ist, glaub ich, ein Nagelstudio. Dabei kann ich mich wirklich an ein paar sehr
leckere Sachen erinnern, die es wert wären, die Marktnische zu bevölkern, auch wenn es die eine oder andere gegenteilige Meinung gibt. Tssssss, muss man also, frisch manikürt, den Bären selber jagen… öhm, selber russisch köcheln?
Für diejenigen, die diesbezüglich weder die nötige einschlägige Erfahrung noch das so empfehlenswerte wie totalitäre Kochbuch der Kaminers (amazon-Kurzbeschreibung: Lach dich satt! – und das bitte wörtlich nehmen) ihr Eigen nennen, hier mal so als Kostprobe und für den heroischen Selbstversuch das Rezept eines echten Klassikers – vom vielen Reden wird man schließlich nicht satt. Achtung, es ist einfach, aber etwas aufwändig und macht am meisten Spaß als lustige Alle-machen-mit-Kocherei.
Zutaten (für vier Personen):
Für den Teig:
500 g Mehl
1 Ei
200 ml Wasser
Salz
Für die Füllung:
400 g Gehacktes halb Schwein, halb Rind
50 g Butter
2 – 3 EL Sahne
1 – 2 Zwiebeln
Salz
Muskatnuss
schwarzer Pfeffer und andere Gewuerze nach Gewohnheit und Geschmack
ZUBEREITUNG:
Das Hackfleisch mit der Zwiebel vermengen und würzen. Wer möchte, kann auch noch fein geschnittene Weißkohlstreifen hineinmengen.
Die Eier mit Wasser, Mehl und Salz zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten und etwas ruhen lassen.Den Teig halbieren. Die erste Hälfte dünn ausrollen und mit einem runden Ausstecher (ca. 5 – 6 cm Ø) Teigkreise ausstechen. Die richtige Größe für die Teigkreise hat auch ein normales Trinkglas, dessen Rand nicht allzu dick sein sollte.
Auf jeden Kreis ca. 1 TL von der Hackfleischmischung geben.
Diese dann zu Pelmeni formen. An den Rändern fest andrücken.
Ebenso mit der zweiten Teighälfte verfahren.
Einen Topf mit Wasser zum Kochen bringen. Salz, Pfeffer und 3-4 Lorbeerblätter dazugeben. Die Pelmeni ins kochende Wasser geben und ca. 5 Min. darin garen lassen.
Die Pelmeni können mit der Brühe, die mit Crème fraîche verfeinert und/oder ein bisschen angedickt wird, oder mit Tomatensauce serviert werden. Gaaanzganz lecker auch mit einem großen Klecks Schmand pur.
Knast for fun – all inclusive
August 5, 2007 at 2:45 | In BlogMist, Drumherum und anderswo, Hexen-Unfug, Hexentanz, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Uncategorized | 3 Comments Urlaub par excellence decadence
Glaube mir, liebes Kind:
Wenn man einmal in Sansibar
Und in Tirol und im Gefängnis und in Kalkutta war,
Dann merkt man erst, daß man nicht weiß, wie sonderbar
Die Menschen sind.
(Joachim Ringelnatz)
Auch wenn der Sommer sich nicht so recht entscheiden mag, ob er nun einer ist, kann man es selbst als unverdrossener Weiterwerktätige/r einfach nicht nicht merken: es ist Urlaubszeit.
Die Kollegen lassen dich mit deiner – und ihrer – Arbeit alleine. Das Überstundenkonto wächst und die Sekretärin tapeziert in fernwehen Anfällen von Masochismus ihre Pinnwand mit bunten Ansichtskarten von Südseeinseln und Nordlandfjorden, die die Abwesenden auf der Rückseite mit schadenfrohen Dreizeilern verziert haben. Das alljährliche große Reisen ist ausgebrochen…
Und was machen die Alles-schon-gesehen-Haber? Die Ohne-den-Kick-nicht regenerieren-Könner? Die Luxus-Überdrusser und Mainstream-Vermeider? Hey, wo leben wir denn! Keine Marktlücke, für die sich nicht noch ein Lückenbüßer fände.
Foto: Langholmen
Wie wärs denn in dem Falle dieses Jahr mal mit einem Urlaub im Knast – öh, also gänzlich freiwillig, versteht sich. Zelle 130 – all inclusive: Verhaftung, Gerichtsverhandlung, Anstaltskleidung und Henkersmahlzeit. Wem das noch nicht reicht, der kann auch noch einen Ausbruch buchen. Knasthotels sind groß im Kommen. In den meisten saßen vor wenigen Jahren sogar noch echte Knastbrüder und -schwestern ein. Das ist doch das Flair, das wir wollen: Urlaub hinter Gittern!
Besonders empfehlenswert finde ich das Angebot ja für Sozialpädagogen, Hauptschullehrer und Familienhelfer. Das da noch keiner drauf gekommen ist – die könnten dafür womöglich praktischerweise sogar Bildungsurlaub beantragen. Oder für renitente High-Society-Sprösslinge à la P. Hilton, als Training quasi. Oder als Akklimatisierung für entlassene Insassen des BB-Containers. Knast for fun – es leben die Geschäftemacher ohne Grenzen! Und vielleicht kann man durch eine gut gestylte PR dann auch gleich Signale für die echten Kriminellen setzen: die stellen sich nach dem Bruch in der Tanke , dem Autoklau oder Drogendeal umgehend am Gefängnistor an. – Wo andre Ferien machen, das muss doch Erholung pur sein…

Foto: dpp
Wo wir grad bei einschlägigen Marktlücken sind: ich hätte da noch was Herziges für alle Urlaubsverhinderten.
Schließlich will ich nicht schuld dran sein, dass die jetzt alle der Neid frisst.
Wenn die Firma ohne euch zugrunde geht und ihr nicht selber fahren könnt, dann schickt doch euer – ähm, Kuscheltier. Nach München nämlich. Ferien für Bärli und Hasi, yeah! Als deutsche Inländer seid ihr mit euerm zerknuddelten Teddy für nicht mal schlappe hundert Euronen dabei. Plus Taschengeld selbstverständlich. Er wird es euch ewig danken. Und euch wochenlang von seinen unvergesslichen Erlebnissen erzählen, bevor ihr abends, eng aneinander gekuschelt, zusammen einschlaft… öööh, ja. Es gibt doch nix, was es nicht gibt. Und, nicht wahr, nix fehlt einem zum Glück mehr als eine erholte Plüschbestie. Wir bremsen buchen auch für (Kuschel)Tiere!
Hm, wieso muss ich grad nur dauernd an Steven King denken?
Foto: http://teddy-in-munich.com/index.html
Dem Büroschlaf eine Lobby!
Juni 18, 2007 at 1:14 | In BildungsLückenbauten, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, verwoben geschroben | 10 Comments
Sage einer was gegen das private Bildungsfernsehen mit finanziellem Anreiz! Denn wer sorgt wie dieses für die Anhäufung von unnützem Wissen? Nicht von ungefähr sprießen allerorten begeisterte „Genial Daneben“-Ableger. Und ohne das jüngste “Wer wird Millionär“-PromiSpecial wüsste doch kein Schwein, dass Karl May und Winnetous Schwester Marie Versini, mit zweitem Vornamen Nscho-tschi, den Frauentyp des kleinen Dieterle geprägt haben, der mal ein großer Häuptling Bohlen werden wollte. Eine unverzichtbare Information.
Auch Power Napping nebst seiner wissenschaftlichen Begründung wären ohne Herrn Jauch wohl für alle Zeiten sang- und klanglos im Orkus des Vergessens versunken. Wie? Öhm, nö, is sich keine Dauer-übers-Ohr-Haue von Kaltakquisiteuren in der Endlosschleife oder der Autoschiebermafia, sondern die Rechtfertigung des Kurzzeit-Wegpennens am dienstlichen Schreibtisch. Wo es doch gegen Burnout-Zustände und Merkbefreitheit helfen soll.
Das klingt schon mal nach einer sehr begrüßenswerten Gesundheitskampagne. Der leider eine einflussreiche Lobby zu fehlen scheint – war ja klar, immer bloß die dicken Kinder. Die einschlägige Seite noch einschlägiger geforscht habender Studenten wird seit beunruhigend langer Zeit nicht mehr gepflegt. Dabei haben die gleich die angemessenen Schlafmöbel mit entwickelt, damit man bei der Großhirnhygiene zur Mittagszeit nicht immer so unsanft mit dem Kopf auf die Tastatur knallt. Mein Favorit: „Napmosphere“, der futuristische Büro-Kokon „als Ort der Zurückgezogenheit, der Verwandlung und der Wiederauferstehung“.


Hach, was könnte Schreibtischarbeit schön sein!
Tssss, warum setzen sich die wirklich tollen und nützlichen Sachen immer so schwer durch? Wen wunderts denn da noch, dass Zeitreisende in geheimer Mission den weiland präsenten Frauenruheraum reanimieren.

Von Büchern und Bier
April 23, 2007 at 11:04 | In 2007, Fest-Platte, Hexen-Gedanken, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen | 2 CommentsEin Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.
(Franz Kafka)
Heute ist Welttag des Buches. Na, wer hat’n erfunden? Nö, nicht die Schweizer, auch nicht die Österreicher – und wir erst recht nicht. Irgendwie hat der Heilige Drachentöter seine Hand im Spiel, und wahrscheinlich haben die Herren Shakespeare und Cervantes in weiser Voraussicht dieser künftigen Sinngebung gemeinsam den 23. April 1616 zum Sterben erkoren. La UNESCO rief aus. 1995. – Und alle machen mit.
Ha, das ist der Tag, an dem ich endlich mal meine Übelkeitsanfälle zur Sprache bringen kann, die mich bei jeder unverhofften Begegnung mit der Shortbook-Werbung ereilen. Also nix gegen Mal-Bildungslücken-Auffüllen in schnellen Schlucken, wenn’s denn Not tut – aber gleich sein ganzes Lebens- und Karrierekonzept auf den übermäßigen Genuss solcher Extrakte bauen? Brrrrrrr! Das ist ja wie „Moby-Dick“ in einer Minute schaffen oder Puschkins Liebesgedichte als Comic lesen (hihi, obwohl das schon mal spannend wäre) oder Goethe mitsamt seiner royalblauen Hamburger Ausgabe auf den Götz von Berlichingen reduzieren – nicht? Oh, ich kann diese A… öh, lieben Mitmenschen nicht ab, die mit ihrem Halbwissen blenden und hohl klingen, wenn man dann mal draufklopft. Also nachhakt… an der Fassade kratzt – was auch immer.
Was denken sich solche Werbetexter eigentlich? Instant-Kultur als Allheilmittel für Erfolglose wie warme Semmeln anzupreisen. Wo wir eh schon seit Jahren an Pisa würgen. Wo uns Dekadenz eh schon aus allen Knopflöchern scheint. Und wo nur die geliebte Lektüre Mensch und Buch gut Freund werden lässt. „Der wahre Zweck eines Buches ist, den Geist hinterrücks zum eigenen Denken zu verleiten“, wusste schon eine kluge Frau. Und der olle holländische Erasmus hatte sogar raus, wie mit denen zu hantieren ist, damit’s wirkt: „Nicht diejenigen haben die Bücher recht lieb, welche sie unberührt in ihren Schränken aufheben, sondern sie Tag und Nacht in den Händen haben, und daher beschmutzet sind, welche Eselsohren darein machen, sie abnutzen und mit Anmerkungen bedecken.“ Jahaa!
Dagegen – was für eine Horrorvision: auf Schritt und Tritt solchen gelackten Erfolgstypen zu begegnen,
die „mit [i]hrem neuen und schnell und einfach erlangten Wissen [...] alle privaten und beruflichen Lebenslagen professionell [meistern]- Und das alles für einen fast schon lächerlichen Preis!“ Wäre ich Politiker, würde ich die übrigens wegen Herabwürdigung und Diskriminierung verklagen. *g* Hm, oder hab ich wieder mal den tiefen Sinn segensreicher ShortBookerei nicht verstanden?
Und nein!: der Tag des Deutschen Bieres, den wir auch noch ein paar Minuten begehen respektive begießen dürfen, ist nicht extra zur unterstützenden Lobbybildung für die Kurzbuch-Branche auch auf den 23.04. gelegt worden – etwa nach dem Motto: „Biertrinken macht mutig und sexy – ShortBook auch!“. Nach dem sex-ten sechsten Biere kann man eh die ganzen mit dem großen Löffel gefressenen Weisheiten nicht mehr aussprechen. Neenee, die Bierbrauer und -trinker feiern den anno 1516, justament an diesem Tag, zementierten Erlass des bayerischen Reinheitsgebots. Na dann: Prooost!

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