Moby Dick kam nicht bis Massachusetts
November 27, 2009 at 5:43 | In 2009, Alles platti, Berlin, BildungsLückenbauten, Bücherhexe, Drumherum und anderswo, Globe-Trottel, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt..., Werbehexe | 6 CommentsTags: Bücher, Berlin, Berliner Tschechow-Theater, Herman Melville, Kultur, Lesung, Literatur, Massachusetts, Moby-Dick, Nantucket, New England, Reisen
Ein Update zu: Vor dem Mast und unter Segeln und: Mit Tschechow nach Marzahn
Vor dem Mast, ganz ohne schützende Kajüte, rackerte ich diesmal selber.
Vorletzten Dienstag, Berliner Tschechow-Theater in Marzahn.
Ich bin eingeladen. Ha, und Special Guest. Thema des Abends: siehe oben.
Vom Plattenbauhimmel regnet es Strippen. Wettermäßig also schonmal ein Minus für Feierabendkultur mitten in der Woche und für die Feuertaufe einer bestenfalls Backstage semibekannten Freizeit-Entertainerin. Ein Plus: die Reihe „Kultur der Welt“ ist etabliert und läuft regelmäßig, einmal im Monat. Noch ein Plus, das mindestens drei wert ist: weit und breit keine Konkurrenz.
Geplant ist… nun, sagen wir, eine literarische Reise durch Neuengland. Genau genommen geht’s eher an dessen Küste entlang: durch die einstigen Walfängerhäfen von Nantucket und New Bedford, ein bisschen Boston und Harvard, ein bisschen Geschichte der Indianer und der alten Pilgerväter; dann, wie es sich für eine Hexe gehört, rauf nach Salem zum ollen Nathaniel Hawthorne und zurück über Cape Cod mit einer Prise Seefahrerromantik. Im Gepäck
Herman Melvilles dicken alten Wal und ein paar Bücher drumrum, zweidrei Rezepte zum Thanksgiving-Vogel und für das ungeschlagene chowderhafte Nationalgericht – das Ganze gut durchgerührt mit zwei Handvoll Walfängershantys.
Eine Stunde vorher da sein muss reichen für einen Schnelldurchlauf mit dem Techniker, der das Programm noch nicht kennt. Doch die Generalprobe fällt aus – meinen hergeborgten Laptop aus der Zeit der Erfindung des Morseapparates zum Pseudopowerpointpräsentieren zu überreden, kostet alles. Und der aufopferungsvolle Dompteur der Technik g i b t alles. Er umgarnt mich und und sich und die Bühne mit einem Gestrüpp aus Kabeln für Rechner, Beamer, Stereoanlage, zwei Leselampen und was weiß ich noch alles. Die Katastrophe scheint sich anzubahnen, als abenteuerliche Bildschirmzickereien mir meine im Akkord so wunderhübsch gebastelte Bilder- und Videoreihenfolge im Skript zerschießen und mein Helfer sich darin hoffnungslos verheddert. Na, das kann ja heiter werden!
Der Countdown läuft. Noch eine Viertelstunde… für angemessenes Hyperventilieren und Lampenfieber bleibt keine Zeit. Im Blick des braven Technikus die blanke Panik – als sei Moby Dick hinter ihm her. Das ist der Augenblick, in dem mich die Ruhe vor dem Sturm überkommt. Ich schenke dem Ärmsten mein schönstes Lächeln und mir den fälligen Herzkasper… setze mich hin und numeriere unsere zwei Achtseiten-Skripte per Hand neu durch.
Unser Theaterchen hat sich inzwischen gemächlich gefüllt. Nun ja, man will ja nicht grad behaupten, dass die Leut’ sich um die Tickets balgten an diesem verregneten Abend, doch das Publikum ist klein, fein und erlesen und die Stimmung an den Cafehaustischchen erwartungsvoll. Eine Dame wedelt aufgeregt mit dem Programm: sie wollte sich heute eigentlich irgendwohin „Flussabwärts“ treiben lassen, bleibt aber trotzdem. Im Parkett links (also von mir aus rechts) hat sich, wie mir von Frau Intendantin gerade gesteckt, als besondere Herausforderung eine Vertretung der Marzahner schreibenden Arbeiter oder wie die heißen niedergelassen. Ja, schlürft nur euren Schoppen, das macht gute Laune, und die kann ich heut wie nix anderes brauchen. Ich selber hab bloß ‘ne Kaffeeüberdosis und mein Hals ist ganz trocken.
Und dann geht’s los und es beginnt… nanu, nicht der Super-GAU? Wer hätte das gedacht. Dabei weiß doch jedes Kind, womit verhunzte Generalproben enden. Alles läuft super. Und das sogar trotz des alles entscheidenden Geständnisses gleich als Einstieg: Moby Dick kam nicht bis Massachusetts – schlimmer, die Reiseveranstalterin auch noch nie. Wenn man mal vom Schwimmen durch einen dicken Melville-Roman und das Internet absieht. Die geneigte Anwesenheit quittiert meinen Vorschlag, für einen derart riskanten Trip lieber das Eintrittsgeld zurückzufordern, mit einem Lacher statt allgemeinem Aufbruch. Na also, geht doch! Die Stimme räuspert sich frei und bei ihrem forschen Befehl zum Segelsetzen klettert das seefeste Publikum munter in die Wanten der Pequod und mitten hinein in den alten John-Huston-Schinken von 1956, den ich ja immer noch für den Moby-Film aller Filme halte…
Ungefähr anderthalb Stunden später gehen wir von Bord. Aufgekratzt schwatzend, vom Seewind gegerbt, mit schwankendem Matrosengang. Schütteln uns eine Zeitreise auf der alten “Mayflower” aus den zerzausten Haaren und jede Menge Seesand aus den Schuhen. Haben kichernd von Herrn Melville höchstpersönlich erfahren, dass die Nantucketer die Ostfriesen Neuenglands sind und wie wohlig Ismael und Queequeg beim Chowderlöffeln in Mrs. Husseys Kaschemme schmatzen. Wir mussten mitansehen, wie übel die ach so gottesfürchtigen Pilgerväter den gastfreundlichen Ureinwohnern mitgespielt haben. Durften den eigenen staunenden Augen trauen, dass ein unzufriedenes Filmvolk imstande ist, Father Orson Welles’ Mapples von der Regie erfundene Schiffsbugkanzel in eine reale Seemannskirche zu klagen. Wir wissen jetzt, warum dereinst hungrige Iren gen Amerika segelten, und dank einem schiffbrüchigen Seemann und einem seetüchtigen Literaten auch, wie ein echter Pottwal echte Schiffe versenkt. Wir haben uns in einem brodelnden Hafenbecken unter die Akteure der Boston Tea Party gemischt. Sind am Haus mit den sieben Giebeln des neuenglischen Schreibergottes vorbeigeschlendert, das immer noch steht in Salem. Und haben mit den daselbst ansässigen barfüßigen Hexen getanzt, die sowieso keiner vergisst, der das einschlägige Stückchen Kult-Zelluloid von anno dunnemals noch irgendwo im Hinterkopf hat.
Ach ja, fast hätte ichs vergessen, spontan wird auch ein Publikumsliebling gekürt: Ranzo, der Chanteyman von Massachusetts, samt seinem natürlichen und für Walfängerlieder gemachten Klangkörper. Der steht laut seinem Youtube-Profil auf harmony, dissonance, music, noise, rum, truth, tea & cookies, singt mit sich selber im Duett oder gar im Trio und avanciert einhellig zum Kuschelseebären des Abends. (Der Verwendung seiner Tonbeispiele hat er beiläufig offiziell zugestimmt.)
Meine aus Zeitgründen vorgesehene Kürzung seines zurechtselektierten Repertoires wird von der virtuellen Reisegruppe mit grummelndem Protest bedacht und muss als Zugabe nachgereicht werden. Ist das nicht das, wovon man immer mal geträumt hat?: mit Leuten in einem Boot sitzen, die eine Wahl hatten… für das Boot.
Die Frage des Abends (aus dem Parkett links): „Aber Sie sind doch gegen den Walfang?“
Und was das Beste ist: mein finaler Werbespot für eine Fortsetzung der Veranstaltung – die für nächstes Jahr einzufädelnde Moby-Dick-Bloglesung nämlich – wird ebenso gefeiert wie die Aussicht, als Soundtrack dazu die süddeutschen Folker What about Carson in der Hauptstadt mal live zu erleben. Deren wieder mal passende und frechfröhlich über den Küstenhaken von Cape Cod lärmende Sally Brown überaus gut ankommt.
Fazit: Moby Dick kam zwar nicht bis Massachusetts. Den Leuten vom “Tschechow” ins Blut aber schon.
Bilder: Moby Dick: Via, bearbeitet. Mayflower: Stuff from Room 311.
Video: Selber gebaut – zu: Der Hund Marie: Moby Dick. Aus: Hooligans & Tiny Hands. 2006.
Heißen Seemannsdank nochmal an den Wolf, für die Hilfe beim Soundtrack.
Das Floyd in Pink Floyd
September 2, 2009 at 11:32 | In BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 7 CommentsTags: Blues, Erinnern, Floyd Council, Kultur, Leben, Menschen, Music, Musik, Piedmont Blues, Pink Anderson, Pink Floyd, Poetry
…wäre heute 98 Jahre alt geworden.
Das Floyd
Dieser countryfarbene Blues-Stil, auch Piedmont Blues genannt, fällt durch eine besondere Fingertechnik auf der Gitarre auf, bei der eine mit dem Daumen gespielte Basslinie die auf den höheren Saiten gespielte Melodie unterstützt. Er wurde meist im Duo gespielt, oft begleitet von Klavier, Geige, Banjo oder Mundharmonika als zweites Instrument.
Floyd Council begann als Straßenmusikant in seiner Heimatstadt Chapel Hill, North Carolina, spielte für Freunde und in Country-Clubs. Und etwas über ihn zu finden ist gar nicht so leicht. Es gibt offenbar keine Platten nur mit seinen eigenen Songs. Nur ein Album, Carolina Blues (1994), enthält sechs von ihm aufgenommene Titel. Das mag daran liegen, dass er die meiste Zeit seiner musikalischen Karriere als Wasserträger und zweite Geige… äh, Gitarre zugebracht hat. Zum Beispiel im Schatten hinter dem Star des Piedmont Blues Blind Boy Fuller, der inzwischen in der Blues Hall of Fame wohnt. Sogar mit seinen genialen New Yorker Solotracks wurde er als „Blind Boy Fuller’s buddy“ promotet. Andere Aufnahmen erschienen unter den Namen „Dipper Boy Council“ und „The Devil’s Daddy-in-Law“.
Er selbst bekannte sich in einem Interview 1969 zu 27 eigenen aufgenommenen Songs, darunter sieben in Fullers Dunstkreis.
Gestorben ist er mit 64 an einem Herzinfarkt und wurde hier bestattet. Sein Grab trägt keinen Namen.
Danken wir also Syd Barrett, der ihn unsterblich gemacht hat, mehr als er es sich vielleicht erträumte. Oder auch The Floyd Council – das ist ‘ne ösische Coverband, die unter seinem Namen sogar ganz zurechnungsfähig durch die Lande pinkfloydtet, wie ich finde. (Auch wenn’s die richtigen Pink Floyds eben nur einmal gibt.)
Denn Floyd Councils Musik hat es nicht verdient, vergessen zu werden. Ich würd’ heute gern mit ihm unter dem Vordach eines alten Country-Clubs irgendwo in North Carolina sitzen, den Straßenstaub auf der Zunge schmecken, den Mummys beim Hüftenwiegen und ihren Kindern beim Spielen zuschaun, seiner Stimme lauschen und die Augen kaum von diesen Fingern lassen, die seinen Blues über die Saiten zaubern…
Happy Birthday, Floyd.
Bilder: Oben: Blues Who’s Who, p. 133 photographer: Kip Lornell. Mitte: Bruce Bastin: Crying For The Carolinas, p. 21; photographer: Pete Lowry. Beide via wirz.de.
Videos: Via randomandrare and galaxyrock on youtube.
Leben mit Puschkin
Juni 21, 2009 at 4:53 | In 2009, Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Bücherhexe, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 3 CommentsTags: Alexander Puschkin, Dichter, Erinnern, Gedichte, Lesen, Literatur, Märchen, Poesie, Poetry, Russland
Französisch war ihm ganz zu eigen,
Er sprach und schrieb es tadellos,
War als Masurkatänzer groß
Und konnte sich scharmant verbeugen:
Braucht’s mehr, damit die liebe Welt
Uns für gescheit und reizend hält?
Gelernt hat jeder von uns allen
Sein Pröbchen, minder oder mehr:
Drum ist, durch Bildung aufzufallen,
Bei uns, gottlob, nicht eben schwer.
(Alexander Puschkin. Aus: Eugen Onegin. 1823-1830,. Erstes Buch, 4./5.)
Ich war noch ein blondzöpfiges Schulmädchen, kurz nach Dreikäsehoch, da fing es an. Da schlich er sich zum ersten Mal in mein Leben, mehr so aus Versehen und fast unbemerkt. Nur einer merkte es doch – mein alter Deutschlehrer. In einem Klassenaufsatz, fünftes Schuljahr – als vage memoriertes Thema galt es irgendwie, dem aufbegehrenden Jüngling in Ilja Repins „Wolgatreidlern“ ein Leben zu erfinden – hatte ich mich mit glühenden Wangen im Geschichtenschreiben verloren. Meinen spannenden Beinahe-Roman nannte der weißhaarige Pädagoge ein Beinahe-Plagiat, der Puschkinschen Dubrowskij-Novelle nämlich. Wo ich den damals noch nicht mal kannte. Was sich daraufhin freilich umgehend änderte. Von da an war er eigentlich immer latent anwesend, also der Puschkin jetzt.
Jahre danach: den Erstsemestern der Alma Mater Jenensis war ein Kulturpraktikum verordnet (sorry, so hieß das meinerzeit und es war sogar ganz lustig). Aus dem erinnere ich vor allem ein paar wilde Tage in einer Jugendherberge mit ‘ner munteren Studi-Truppe ‘von Drüben’ aus den heute alten Bundesländern, zu unserer Überraschung kollektiv heiße Puhdys-Fans. Ach ja, und dann noch die verklärten Augen und das leise bebende Pathos in der Stimme der muttersprachigen Russischdozentinnen, die uns das richtige Timbre beim Deklamieren der „Zygany“ oder von Versen aus dem „Onegin“ beizubiegen suchten. Das wir Frischlinge zuerst noch mit ungläubigem Grinsen, am Ende der Veranstaltung ergeben als Erwerb kultureller Kompetenz quittierten.
Später bin ich einen kalten Winter lang durch sein Zarskoje Selo und sein Sankt Petersburg gestromert, zu einer Zeit, als jenes gerade Puschkin, dieses gerade Leningrad hieß. Hab einen heißen Sommer lang zu erleben gelernt, warum er nicht anders konnte als georgische Berge und Mädchen und das Schwarze Meer besingen. Ich habe in russischen Bücherstübchen und -palästen gekramt und mir meinen Alexander Puschkin in Originalsprache erkrautert. Mir die Rauf- und Runterverfilmungen seiner Erzählungen reingezogen, auch den 1940er Postmeister Heinrich George. Und kann euch heute die Bjessy (Teufel), die Märchenpoeme oder die Liebesverse an diverse Angebetete halbwegs aus dem Gedächtnis hersagen.
Leben und sterben mit Puschkin, immer mal wieder.
Über den Genius des Dichterfürsten der Russen scheint man sich ja auch hierzulande einig zu zu sein. Doch versuche mal, eine deutschsprachige Ausgabe seiner sämtlichen Werke zu erstehen. Funktioniert nur unvollständig und nur antiquarisch und beim Stöbern in amazon kommen dir die Tränen. Die vollständigste, die ich je in Händen hatte, eine in der Sowjetunion auf Deutsch verlegte vierbändige Jubiläumsausgabe von 1949, hab ich mal mit Herzblut hergeschenkt an einen, von dem ich denk, dass sie es bei ihm schön warm hat. Ist heute nirgendwo mehr zu kriegen, das Schätzlein. Höchstens noch die Schwester, übersetzt von Johannes von Guenther, im selben Jahr bei Aufbau erschienen.

Puschkins so abrupt und zu früh an einem Pistolenschuss geendetes Dichterleben war voller Leidenschaft und nicht ohne Geheimnis. “Ich war mehr oder weniger in alle schönen Frauen verliebt, die ich kannte”, schrieb er einmal in seinen Tagebüchern. Er war ein heißer Patriot, ein scharfzüngiger Kritiker und ein Spötter vor dem Herrn, was ihm neben einer Verbannung in den Süden und anderen Unannnehmlichkeiten die zweifelhafte Ehre einbrachte, dass seine Werke vom Zaren höchstpersönlich zensiert wurden. Seine eigene Grabinschrift schrieb er mit zarten 16 Jahren. Der ungeklärten Herkunft seines Urgroßvaters mütterlicherseits, dem Mohren des Zaren, spürte er selber mit mäßigem Erfolg und spüren die Leut’ noch heute hinterher. Manche seiner Gedichte klingen für mich wie Vorahnungen seines gewaltsamen Todes. Und ein Schreiberling der so wundersam zum Boulevardblatt mutierten Komsomolskaja Prawda orakelt gar mystisch, minutiös belegt an einem Vergleich von Gänsehaut-Parallelitäten des (literarischen) Lebens Onegins und des (realen) Lebens Puschkins, dass letzterer sich mit dem Onegin-Roman in Versen seine eigene Vorbestimmung herbeigeschrieben und der arme (literarische) Graf Lenski sich aus dem Grab für seinen Dramentod am Dichter gerächt habe. Dabei ist es schon mystisch genug, dass es die Komsomolskaja Prawda noch gibt – meinte man nicht immer, dass die Zahl der Komsomolzy seit Jahren rückläufig wäre? Jedenfalls vorübergehend.








Weiß eigentlich hierzulande jemand von den Gelegenheitspuschkinisten, dass der Meister auch ein ganz passabler Zeichner war? Mit Hang zum Karikaturisten. Seine Originalmanuskripte sind eine Augenweide, vollgekritzelt mit Porträts und angedeuteten Szenen aus dem Inhalt. Es gibt Titelblattentwürfe von ihm und sogar eine Art grafisches Tagebuch. Eine Unzahl von Abhandlungen und Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit diesen Zeichnungen und Illustrationen. 1977, noch zu Sowjetzeiten wurden sie unter der Regie von Andrei Khrzhanovsky zu einem poetischen Sojusmultfilm (einer Art bewegtem Comic) animiert – einem Kleinödchen, das sich als Dreiteiler auf Youtube findet. Auch für die Texte, Auszüge aus Puschkins Werken (allerdings auf Russisch), ließ man sich nicht lumpen und sie von keinen Geringeren als den russischen Kultmimen Smoktunowskij und Jurskij einsprechen.
Teile 1 und 3 – hier und hier.
Na , das wäre auch ein Geburtstagsgeschenk für ihn so recht nach seinem Sinne gewesen. Vor ein paar Tagen erst – am 6. Juni – ist er jugendliche 210 geworden, fast Anlass genug für ein kleines Puschkin-Jahr, oder?
Zum Schluss noch ein bissel Puschkin selber?
Na gut, dann die Lieblings-Russalka, die auch schon als Exotin in die Mermaid-Szene aufm Moby-Dick-Blog eingegangen ist und den Meister als Thema über Jahre beschäftigt hat. Und weil ihr es seid, sogar auf Deutsch:
[Außerdem kann der Wolf dann gleich mal den Link im Moby-Blog auswechseln, nachdem die Ganoven einfach die Site gekickt haben.
]
Im Waldesgrund, am Seegestade,
Erflehte ein Anachoret
Für seine Sünden Gottes Gnade
In Arbeit, Fasten und Gebet.
Schon grub sich eine Grabesstätte
Der greise Mönch mit müder Hand,
Voll Sehnsucht, daß die Seele rette
Sich bald in Edens Friedensland.
Einst sprach vor der vermorschten Hütte
Der Mönch bei Sonnenniedergang
Zum Himmel seine fromme Bitte.
Stumm stand der Wald, der Nebel sank
Und wallte ob den düstern Wogen.
Nun strahlte lichte Mondesglut
Von dem umwölkten Sternenbogen,
Und silbern schauerte die Flut.
Da faßt ein unerklärlich Grausen
Des Mönches Brust, er atmet schwer …
Urplötzlich wogt der See im Brausen,
Und grabstill wieder wird’s ringsher.
Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten,
Weiß wie der Schnee auf Bergesgrat,
Entsteigt ein nacktes Weib den Fluten
Und setzt sich schweigend ans Gestad.
Sie strählt die thaubeperlten Locken
Und blickt ihn heimlich seltsam an.
Den Schlag des Herzens fühlt er stocken
Bei ihrer Reize Zauberbann.
Er sieht sie mit der Hand ihm winken;
Sie senkt das Haupt, harrt regungslos -
Und schimmernd, wie ein Stern im Sinken,
Verschwindet sie im Wellenschoß.
Die Nacht wich schlummerlos von hinnen,
Gebetlos strich der Tag vorbei -
Vor des verstörten Greises Sinnen
Stand traumhaft schön die Wasserfei.
Und wieder ruht der Wald im Dunkel,
Und wieder aus dem Flutenreich
Taucht in des Mondenlichts Gefunkel
Die Maid berauschend schön und bleich.
Sie nickt ihm zu, sie lacht so helle,
Sie schickt ihm Küsse, lockt und minnt,
Sie spritzt nach ihm die Silberwelle,
Sie schmollt und weint, ein loses Kind,
Sie seufzt und blickt zum Sternenbogen,
Sie flüstert: „Mönch, zu mir, zu mir!“
Und jach verschlingen sie die Wogen
Und Schweigen herrscht im Waldrevier.
Am dritten Tag saß liebentglommen
Der Eremit am öden Strand
Und harrt auf der Russalka Kommen;
In Dunkel hüllte sich das Land …
Und als der Sonne Purpurgluten
Die Nacht verscheucht, da ward die Schar
Der Fischerkinder in den Fluten
Nur einen greisen Bart gewahr …
(Übersetzung: Friedrich Fiedler 1895)
Ha, noch ein Grund für die Slawenmermaid: für eher visuelle Typen das Ganze nochmal als schhnuckeliger, so recht und echt russischer Animationsfilm, der zwar nicht lautlos, doch fast vollends ohne Sprache auskommt. Weil ihr es seid! -
Сегодня день мультфильмов.
Bilder: „Initiale“: Puschkin: Selbstporträt. Gemeinfrei. Duell – Szene aus dem Film: Puschkin – das letzte Duell. Russland 2006. Via. Puschkin-Zeichnungen – verschiedene, gemeinfrei. (Nach den Quellen könnt ihr mich fragen, wenn ihr wollt, die Verlinkerei war mir zu aufwändig.
)
Must be the season of the witch
April 30, 2009 at 11:04 | In 2009, Berlin, Bloghexe, Hexenritte, Hexenseele, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 1 CommentTags: Berlin, Fun, Kultur, Musik, Walpurgisnacht
Faust:
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen.
Ich denke doch, das war recht klug gemacht:
Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isolieren.
Mephistopheles:
Da sieh nur, welche bunten Flammen!
Es ist ein muntrer Klub beisammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.
Faust:
Doch droben möcht ich lieber sein!
Schon seh ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muss sich manches Rätsel lösen.
Mephistopheles:
Doch manches Rätsel knüpft sich auch.
Lass du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Dass in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muss sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt
Nun sage mir, wo es was Bessers gibt?
(J. W. Goethe: Faust I. Walpurgisnacht.)

rgendwas (f)liegt in der Luft. Hoffentlich nur die Mitmädels auf den Reisigbesen.
Wenn nicht die ordnungshütenden Sixpacks schon tagsüber im Schwarm durch Friedrichshain patroullierten und mir den gewohnten Dienstweg durch die Straßen (ver)sperrten, statt – wie in den letzten Wochen so gerne – den neuen völkischen Klamottenshop gleich neben unsrer multikulturellen Toreinfahrt zu bewachen, dann hätten mich spätestens die wilden Horden der Hexenjäger im Wohnzimmer der heimeligen Bloghütte daran erinnert:
ES IST WALPURGISNACHT! Eine Nacht voll wilder Ausgelassenheit, voll Tanz und Zauber und Magie.
Liebe Mithexen, Molotowcocktailbastler und Maikäfersammler! Tanzt friedlich in den Mai – ums Hexenfeuer, auf dem Blocksberg oder einfach so – und lasst die Leute ihre Autos selber abwracken.
Vielleicht zu Donvan oder den frech grölenden Cover-Mädels:
Macht heut vielleicht ausnahmsweise einen kleinen Bogen um Get Well Soon
…
…und bewegt die Barfüßchen lieber noch zu was Irischem – nur echt mit schottischer Landschaft und kanadischen Hexen *g*. Und wer schön lieb ist, der darf nochmal – zum in Hexis verschwenderischer Großzügigigkeit auserwählten Bonustrack von ASP mit den süßen Geistern:
ASP? Ja, das sind die Zauberbrüder mit der wirklich wunderfeinen Krabat-Scheibe.
Genug Hexentanz?
Nun dann: have fun!
(Man weiß ja schließlich, was Hex’ sich heut schuldig ist.
)
Bild: Walpurgisnacht. Verlag J. Miesler, Berlin. Via Zeno.org: 5000 Bildpostkarten aus der Zeit um 1900
Songs: Hole: Season Of The Witch. Aus: My Body The Hand Grenade (1997). Video via youtube. Get Well Soon: Witches! Witches! Rest Now In The Fire. Aus: Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon (2008). Video via youtube. ASP: Und Wir Tanzten – Ungeschickte Liebesbriefe. Aus: Horror Vacui (Doppel-CD, 2008). Video via youtube.
.
Pierrots, Pin-ups, Puzzleteile
März 22, 2009 at 10:10 | In Bilderhexe, BildungsLückenbauten, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Sexy Hexi | 4 CommentsTags: Aubrey Beardsley, Bücher, Bilder, Bloggen, Erinnern, Erotica, Gil Elvgren, Ilustrationen, Kultur, Kunst, Menschen, Pin-up, Werbung, Zeichner
Heute ist mein Computer nach einem akuten Infarkt und etlichen Tagen aus dem Koma erwacht. Er lebt jetzt mit einem Spendernetzteil – wie’s mir grad vorkommt, etwas langsamer – und bittet, alle zwischenzeitlichen Verspätungen und Versäumnisse mit Nachsicht zu behandeln. So hätte nämlich in der verflossenen Woche neben und vor Sonstigem zwei Bildermenschen und Meistern ihrer Linie gedacht werden sollen…

er erste war ein schmächtiges, schwindsüchtiges Kerlchen von Kindheit an. Mit einer ärztlicherseits prophezeiten Lebenserwartung, die ihn zunehmend in schöpferische Unrast trieb und ihn tatsächlich im Alter von nur 25 Jahren das Zeitliche segnen ließ – letzten Montag (16. März) vor 111 Jahren.
Zeichnerisches und karikaturistisches Talent hingegen besaß er für ein ganzes Künstlerseminar. Aubrey Beardsley, 1872 im britischen Brighton geboren, machte sich schon in der Grundschule bei seinen Lehrern mit Spottkritzeleien beliebt, deren Objekt vor allem sie selber waren. Seine recht frühe Erwerbslaufbahn begann dann zunächst weniger künstlerisch, als Schreiber in einem Londoner Architekturbüro und bei einer Versicherung. Was ihn ebenso wenig wie sein Siechtum davon abhielt, nebenher autodidaktische Studien der Literatur und Kunst zu betreiben. Ein Initiativbesuch des offenbar mit einer weit robusteren p s y c h i s c h e n Konstitution ausgestatteten Jünglings bei Sir Edward Burne-Jones, exponiertem Vertreter der Präraffaelitischen Bruderschaft, brachten ihm dessen Förderung und zum ersten Mal professionelle Kurse an der Westminster School of Art ein.
Ge(un)dankt hat er es den Brüdern, denen er anfangs durchaus in seiner Art zugehörte, dadurch, dass er mit seinem Genie den Präraffaelismus totzeichnete, wie es der Österreicher Franz Blei später in seinem Nachruf nannte. Er eilte von Stil zu Stil und stellte aus denen seine eigenen Mischungen her. Zeichnete immer unter dem Einfluss dessen, was er sich selbst gierig aneignete, sei es die Musik, die antike oder französische Literatur oder der japanische Holzschnitt. Und sich stets bewusst, dass ihm zum Weben an ehrwürdiger Berühmtheit keine Zeit blieb. Er wollte ‘in’ sein, spektakulär, wollte schnellen Ruhm und Ruch. Und bekam beides.
Die Illustrationen zur prachtvollen 1894er Edition von Thomas Malorys „Le Morte d’Arthur“ waren 1892 die erste Auftragsarbeit eines Verlegers an den knapp Zwanzigjährigen. Für die zweite, die Bebilderung der “Salome” Oscar Wildes als englische Erstausgabe, engagierte ihn selbiger höchstpersönlich vom Fleck weg, nachdem er eine Zeichnung Beardsleys zum Salome-Motiv in einer Kunstzeitschrift gesehen hatte. Der Strich in manchen der Salome-Zeichnungen lässt mich manchmal an den moderner Modedesigner denken. Zwischen den beiden so eigenwilligen wie eigensinnigen Künstlern führten sie allerdings zu einem Zerwürfnis. Denn Wilde fand sie zu ‘japanisch’. Woraufhin der gekränkte Beardsley, dem jeder Kritiker ein Feind war, ihn mehrfach bissig und höhnisch karikierte.
Bekannt sein sollten auch seine Zeichnungen zu den Short Stories von Edgar Allan Poe, wie alles andere lediglich ein Mosaiksteinchen unter mehr als 1000 Illustrationen, Karikaturen, Buchvignetten, Ex Libris, Titelseiten und Plakaten, die in nur sechs Jahren exzessiven Schöpfertums entstanden.
Ein weniger jugendfreies Feld seines Schaffens bestellte Beardsley als Mitherausgeber und Illustrator der Literaturzeitschrift “The Yellow Book”, deren Titel sich an das unsittliche Yellow Book aus dem Oscar-Wilde-Roman “Das Bildnis des Dorian Gray” (1890) anlehnte, das in Wildes späterem Unzucht-Prozess (1895) ein Rolle spielte. Die erotischen, bisweilen nahezu pornografischen Inhalte seiner Zeichnungen im federführenden Journal des britischen Ästhetizismus bescherten ihm begeisterte Fans ebenso wie empörten, steinewerfenden Mob und zementierten seinen Ruch und Ruhm. Gleiches widerfuhr ihm mit dem als Konkurrent zum Yellow Book aufgestellten “Savoy”, das unter anderen seine als anstößig und skandalös empfundenen Illustrationen zu Aristophanes’ “Lystistrata” veröffentlichte.
Bereits zu seinen Lebzeiten war Beardsley so bekannt, dass sein Stil mehrfach im “Punch”, der Urheimat des Cartoons, parodiert wurde. Die Rolle des Schriftstellers Audrey Beardsley, in der er der Nachwelt kaum mehr als eine unvollendete Erotiknovelle (“Under the Hill”) hinterließ, ist hingegen marginal.
In der Hoffnung auf ein mit Gott versöhntes Ableben konvertierte er 1897 zu den Katholiken und starb 1898 im südfranzösischen Schoß der Kirche.
Der andere der Zwei ist von überm Großen Teich. Und hätte letzten Sonntag einen halbrunden Geburtstag von stolzen 95 Lenzen feiern können, wäre er nicht bereits mit 66 verschieden. Was im Vergleich zum Ersteren immerhin etliche Jährchen mehr Schaffenszeit bedeutete. Und er und Beardsley haben womöglich mehr gemeinsam als der Schein trügt. Selbst wenn man nur die Erotik in der Darstellung hernnähme, mit der es beide so unverhohlen hatten, wenn auch jeder auf seine Art.

Gil Elvgren, seines Zeichens Werbezeichner und Illustrator, ist einer der wohl berühmtesten Glamour- und Pin-up-Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts mit einer immer noch weltumspannenden Fangemeinde. Denn wer kennt sie nicht, die leichtgeschürzten sexy Elvgren-Girls, denen in seinen humorigen Motiven so oft ein kleines Ungeschick die Strumpfhalter oder andere Kleiderteile bis zum Hals lupft? Also ich kenne keinen, jedenfalls keinen der nicht wenigstens einen kennt, der die kennt…
Der verhinderte Architekt (der feststellte, dass er lieber zeichnete als Großformatiges zu entwerfen) begann seine Karriere in den Dreißigern mit Zeichnungen für einen Modekatalog. Wurde später für gutes Geld von Brown and Bigelow, einem der in den 40er Jahren weltweit größten Kalenderherausgeber, engagiert, mit dem sein Name fortan fest verbunden war. In dieser Zeit lernte er auch Haddon Sundblom, den Schöpfer des Coca-Cola-Santa, kennen, der sein Freund und Mentor wurde. Elvgren bewunderte Sundblom und wurde neben der Tatsache, dass dieser ihm zu seinen Arbeiten für die berühmte Marke verhalf, in seiner Kunst nicht unerheblich von ihm beeinflusst.
Elvgrens Zeichnungen waren in der Werbe- und Zeitschriftenbranche, bei Unternehmen mit Rang und Namen, hochgefragt und hochbezahlt, sein Aufstieg steil und nicht aufzuhalten. Auf einer der zahllosen Elvgren-Seiten fand ich eine schlüssig einfache und augenzwinkernde Beschreibung für das gewünschte und praktizierte Pin-Up-Konzept:
He felt the ideal pin-up was a fifteen-year-old face on a twenty-year-old body, so he combined the two. An Elvgren model was never portrayed as a femme fatale. She is, rather, the girl next door whose charms are revealed in that fleeting instant when she’s been caught unaware in what might be an embarrassing situation. Gusting winds and playful plants grab at her lovely, long legs. She is intruded upon as she takes a bath. Her skirts get caught in elevator doors, hung up on taps, and entangled with dog leashes. The elements conspire in divesting her of her clothing.
Und auch wenn das eine oder andere Detail im Wandel der Zeiten modifiziert wurde: das sind sie, die Elvgren-Girls, und so lieben sie Millionen – bis zum heutigen Tag.
*
**
***
Zeitverzögert aus o.g. Gründen auch der Epilog:
Da schrob ich so vor mich hin über Zwei, die ihr Handwerk und die Linie exzellent beherrschten. Und grübelte – ob ich nun mit gemeint war oder nicht – über eine beinahe artverwandte Spielaufgabe nach: ein Titelbild für Herman Melvilles “Mardi” zu schustern.
Ich sah vor oder in mir das Bild einer von der Mitte her ausfransenden Südseeidylle – rund wie die Welt und voller Buchten und Riffe wie die Menschen…

sah zwei Mandelaugen hinter
einem Vorhang aus Lianen,
ein Kanu am Strand.
Sah üppige Natur hinter

einem Schleier aus Tropfen,
ein Segelschiff am Horizont.
Sah Wildheit und Stille,
Inseln und Meer.

Fühlte Klarheit und Mysterium,
raue Kraft und
weiche Schönheit.
Hörte wispernde Poesie

und knorrige Worte. —
Sah einen Regenbogen,
der alles umschloss
und wie alles zerfloss…
Ich sah lauter Puzzleteile zu einem Mosaik und beschloss, – wo wir grad beim Schustern waren – bei meinem Leisten zu bleiben und nichts draus zu zeichnen noch zu fügen. Die Gefahr des Hobbystümperns schien zu groß. Und solches hätte Mardi nicht verdient…
Das Sinnen und Spinnen im Nachtrab sei mir verziehen: gestern war schließlich Welttag der Poesie.

Bilder: Frederick Evans: Porträt Aubry Beardsley (1894) – via johncoulthart.com. Aubrey Beardsley, „How Sir Bedivere Cast the Sword Excalibur into the Water“. Illustration from: Sir Thomas Malory, Le Morte d’Arthur. 1894 – Wikipedia. A. Beardsley: The Stomach Dance. „Salomé“, Oscar Wilde 1907 ed. – via wormfood.com. Gil Elvgren: Pin-ups 1-3 via happyjolly.com. Blaues Boot – meins.
Video: Television Personalities: A Picture of Dorian Gray – via youtube.
Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren
März 1, 2009 at 4:10 | In Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 CommentsTags: Bücher, Bloggen, Herman Melville, Kultur, Lewis Carroll, Literatur, Märchen
Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen
)
Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ‘ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.
atürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.
Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?
Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.
Doch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…
Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?
So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.
“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”
Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”
Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.
“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”
“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”
“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”
“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”
“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”
Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:
“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“
“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”
“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ‘ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“
„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”
“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“
“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“
“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ‘ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“
„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“
„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“
„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“
„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“
„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“
„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“
„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“
Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.
Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…
Keiner?
Moby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‘Weltverändern’, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”
Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…
“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”
*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.
Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.
…dann müssen wir sein, wie wir sind
Februar 8, 2009 at 10:47 | In 2009, Bücherhexe, Hexenseele, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 4 CommentsTags: Bücher, Gedichte, Heinz Kahlau, Kultur, Leben, Liebeslyrik, Literatur, Menschen, Poetry
Nachträglich zu einem Geburtstag
„Du bist in mir gewesen
still und die ganze Zeit.
Da hat dich nichts vermindert,
nichts hat mich so erinnert
wie deine Schweigsamkeit.“
(Heinz Kahlau. Nach einer Reise. Aus: Du. Aufbau. 1974)
Er gehört zu den Poeten, die noch als richtige Arbeiter richtig mit den Händen zupacken (un)gelernt haben, saß auf dem Traktor, zog Kabelstrippen und stand an der Drechselbank. Er war Meisterschüler von Bertolt Brecht und hat das Flugbrett für Engel erfunden (pssst! – eines von denen benutze ich selber noch manchmal). Er hat mit seinen Stücken Kindertheater groß gemacht und als Mit-Drehbuchschreiber auch den Manfred Krug (da schau, noch ein Geburtstagskind!). Er hat Rock-Songtexte geschrieben und Schreiberpreise eingeheimst. Und schon vor dem Mauerfall ein Querholz geschnitzt. Er kann auch Märchen. Und Nachdichtungen, vom amerikanischen Arbeitersong bis zum französischen Chanson. Er trägt einen Namen, der nicht zum Ka(h)lauer taugt, auch wenn er so klingt. Einen, den im Osten dereinst jedes Kind kannte.
Heinz Kahlau.
Heute Inselbewohner, auf Usedom.
Schreibt immer noch.
Wird – immer noch – bei Aufbau herausgegeben.
Und hatte gerade Geburtstag den ich wieder mal verträumt hab, seinen achtundsiebzigsten.
Am liebsten und schönsten ist seine Liebeslyrik – find ich. Und hüte seit Jahr und Tag ein heftig zerlesenes Bändchen solcher seiner Verse herznah in meinem Bücherregal – Du. Öhm… also letzeres ist der schlichte Titel besagten Büchleins. Schlicht und klar wie die Worte darin: von Herz und Schmerz, Vertrauen und Verletztsein, von Zärtlichkeit und Zerrissenheit, Atemlosigkeit und Alltag, Enttäuschung und Hoffen, von Kämpfen und Aufgeben, Wärme und Kälte, Freundsein und Feindsein – ach, wer kennt es nicht, das ganze Chaos und Himmelhochjauchzen-Zutodebetrübtsein, wenn Menschen einander nahe kommen. Geradeaus und ehrlich, zart und robust, ohne Schmalz und ohne Schwulst. Gedichte, die kein Leben retten, und doch manchmal – vielleicht – ein bisschen leben helfen.
Nun aber mal gut und genug des Überschwalls, sonst merkt am End noch alle Welt, wie sehr ich sie mag.
Zu spät? Was soll’s. Lass’ ich halt lieber einen andern über ihn zu Worte(n) kommen.
Jurek Becker (ja d e r Jurek Becker) hat in seinem DU-Nachwort auf drei kleinen Seiten und mit einem kleinen Lächeln hier und da ein paar kleine – wissenswert menschliche – Dinge über den Menschen und Dichter Heinz Kahlau geschrieben. Auch dies:
“Mancher Dichter übt während des Schreibens zu leben, vollzieht nach, Erfahrungen werden zu Handlung, zu Reisen, das Gedicht lässt sich häufig an irgendwie Erlebtem überprüfen, zumindest davon herleiten. Bei Kahlau der umgekehrte Eindruck. Mag sein, es handelt sich um ein geschickt angelegtes Täuschungsmanöver, aber der Verdacht will sich nicht beruhigen, dass er ungebührlich oft damit beschäftigt ist, Geschriebenes oder Entworfenes zu testen. Mit Fragen, seltener mit Antworten, mit Blicken. Als ob er dich ständig als Vehikel [...] benutzt…”
Nun, der Leser ist nie Vehikel, glaub ich. Der macht sich sowieso seinen eigenen Reim auf alles, was er in sich herein lässt. Und Kahlaus Lyrik ist etwas zum In-sich-Hereinlassen – dagegen kannst du nicht an und wehrst dich nicht.
Na, dann darf jetzt auch mal der Meister selber:

Die Liebe (I)Manchmal kommt es,
dass die Liebe uns einreden will,
wir könnten andere sein,
als wir sind.
Wir glauben es auch,
solange die Liebe noch lauter ist
als wir selber.
Wehe aber,
die Liebe muss Atem holen.
Dann hören wir wieder
auf uns,
dann können wir
nicht mehr sein, wie wir wollen,
dann müssen wir sein,
wie wir sind.
Hm, ich weiß nicht, ob Sonntagabendstimmung so gut ist für Wahrheiten, denen man in sich selten Worte gibt. Oder? Noch eins?

VerletztDie Wärme, die so dicht um meine Schultern lag,
hast du mit einer harten Geste weggezogen.
Jetzt ist mir kalt am heißen Sommertag.Der allzu scheue Vogel Zärtlichkeit,
von deiner bösen Stimme ist er aufgeflogen
bis zu den Toten. Zittert dort und schreit.Du hast ihn um sein schönstes Nest betrogen,
das es sich selten aus vier Händen baut.
Du warst zu schweigsam, und du warst zu laut.
Na gut, eins noch – auch, damit es ein bisschen sonnig endet:

Alltägliche Lieder von der Liebe (II)Ich muss jetzt nur noch rasch
hinunterlaufen,
muss Brot und Milch und ein paar Äpfel kaufen,
dann hab ich Zeit für dich.
Entschuldige,
es sieht hier schlampig aus,
doch ausgerechnet heute
kam ich sehr spät nach Haus.Komm, setz dich doch -
versuch was fernzusehn.
Ich komme gleich,
du musst das schon verstehn,
ich komme gleich
und mach mich für dich schön.
Noch eins und noch eins und die ganzen andern stehn in dem Büchlein (und nicht nur in dem) – gibt’s bei amazonens, zu jämmerlichen Ramschpreisen wieder mal. Schade eigentlich. Und schad auch, dass so viele den Kahlau nicht mehr kennen…
Tsss… die Werbung, die ich hier fürn aufbau Verlag mache, kann gar keiner bezahlen.
Ach ja, und irgendwer muss sich gelegentlich mal über den mickrigen und für meine Begriffe etwas tendenziösen Wiki-Eintrag zum Kahlau hermachen, das hätte der verdient. Oder soll ich das etwa a u c h noch selber…?
Bilder: Heinz Kahlau. Porträt. Via hpd. Bilder 2-5 – via myflyaway. Regenweg: Alan Dickson.
Texte: Aus: Heinz Kahlau. Du. Aufbau Verlag 1974. (Private Verwendung nach Creative commons Lizenz.)
„…with a bullet in her back“
Februar 5, 2009 at 11:47 | In BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Träller-Hexe | 4 CommentsTags: Film, Geschichte, Kultur, Menschen, Musik, USA, Wilder Westen
„Shed not for her the bitter tear
Nor give the heart to vain regret
Tis but the casket that lies here
The gem that filled it sparkles yet.“
[Epitaph auf dem Grabstein von Belle Starr,
geschrieben von ihrer Tochter Rosie Lee ('Pearl')]
Manche Geschichten schreibt man nur für einen Satz.
Oder für einen Song. Für eine Melodie und die Stimme darin…
Heute vor 161 Jahren wurde Belle Starr geboren. Gestorben ist sie, die Bandit Queen des Wilden Westens, fast auf den Tag genau einundvierzig Jahre später, am 3. Februar 1889, mit zwei Ladungen Schrot von ihrem Pferd geschossen. Ihr Mörder wurde nie gefasst.
Ob es die Rebellion der Jugend gegen häusliches Spießertum, der falsche Umgang oder eine Verkettung der Umstände waren, die der Tochter aus etwas heruntergekommenem guten Hause eine Karriere als Räuberbraut bescherten – wer vermag das heute schon noch zu sagen? Die Chronologie ihres Lebens, vor allem die ihrer durchgängig kriminellen Liebhaber und Ehemänner, ist stellenweise ohnehin etwas widersprüchlich und mysteriös.
Verbürgt ist jedenfalls, dass sie in Carthage im Jasper County, Missouri, unter dem Namen Myra Maybelle Shirley als Kind eines Kneipjes und Hotelbesitzers das Licht der Welt erblickte, der nebenan auch noch einen Stall und eine Hufschmiede sein Eigen nannte. Was sie an Lebensnotwendigem für den Alten Westen nicht an der ansässigen Höhere-Töchter-Schule beigebogen bekam, das Reiten und Schießen nämlich, übernahm ihr großer Bruder John Allison, genannt Bud.
Der an- und ausbrechende Bürgerkrieg sah die Familie auf seiten der Südstaatler, wo der umsichtige große Bruder als Mitglied einer Guerilla-Bande im hoffnugsvollen Alter von nur 22 Jahren als erster eines unnatürlichen Todes starb. Der Rest der Sippe wurde in den Kriegswirren nach Texas verschlagen und Farmbesitzer. Selbige Farm war auch der Ort, an dem das Schicksal seinen Lauf zu nehmen begann. Denn genau dort suchte der Bandit Jim Reed Unterschlupf, in den die achtzehnjährige Belle sich umgehend verknallte und der ihr erster Ehemann und Vater ihrer Tochter Rosie Lee werden sollte. Die sie selbst zärtlich Pearl nannte. Die ‘Perle’ sollte späterhin Karriere als Prostituierte machen und, vom Namen ihrer Mutter zehrend, eine angesehene Bordellbesitzerin werden.
Derweilen zog sich Belles sauberer Gatte einen Indianerfreund an Land: Tom Starr, seines Zeichens Waffen- und Whiskey-Schmuggler, öh ja… und Wiederholungskiller. Es kam, wie’s kommen musste: der neue Kumpel eiferte diesem in allem nach, auch im Morden, bekam seinen eigenen Steckbrief und setzte sich samt Weib und Kind 1869 nach Kalifornien ab. Im Sammeln von einschlägigen Kumpanen und Dreck am Stecken war er groß, der Jimmy. So blieb es bei hastigen Umzügen. Einer seiner neuen Freunde wurde beiläufig „Cole“ Younger, dessen Tante die stolze Mutter der Dalton-Brüder war. Als sich zu den Freunden ihres Angetrauten auch noch eine FreundIN gesellte, zog Belle zu ihren Eltern zurück.
Nach einem Postkutschenüberfall wurde auf Jimmy ein Kopfgeld ausgesetzt, woraufhin ihm ein guter Bekannter seinen wertvoll gewordenen Kopf wegpustete. Belle tröstete sich ein Weilchen mit einem aus der vielköpfigen Younger-Sippe und heiratete schließlich den Indianerfreund Sam Starr. Von nun an trug sie den Namen BELLE STARR, unter dem sie in die Geschichte des Wilden Westens einging. Allerdings sollte die neue Errungenschaft nicht ihr letzter Kerl und Ehemann bleiben, zumal er 1886 bei einem unentschieden ausgehenden Duell in einem Saloon das Zeitliche segnete. Wenigstens verdankte sie ihm noch ihren ersten Knastaufenthalt wegen Pferdediebstahls.
Nach wechselnden Liebschaften mit schweren Jungs gab es kurz nach Sams Tod nochmal ein indianisches Ehegesponst. Die Verbindung blieb in der Familie, denn das 26jährige Jüngelchen mit ebenfalls bereits beachtlicher krimineller Karriere, das bis zum unfreiwilligen Ableben der Vierzigjährigen mit ihr Tisch und Bett teilen durfte, war der Adoptivsohn ihres unlängst Verblichenen.
Belle Starr wurde nahe ihrer eigenen Behausung, dem Outlaw-Schlupfwinkel „Younger’s Bend“ in Oklahoma, in dem sie gar den berüchtigten Jesse James sieben Monate lang beherbergt hatte, begraben.
Nicht erst seit heute macht man aus solchen Leben einen spannenden Western oder einen Lucky-Luke-Comic. Beides ist geschehen. Die Western-Schnipsel des 1941er Streifens von Irwing Cummings , sen., bevölkern youtube. Und die Originalnummer 64 (deutsch: 69) der Lucky Luke-Serie haben die Herren Morris und Fauche der Räuberbraut-Legende Belle Starr gewidmet.
Dazu passen tät’ jetzt natürlich The Ballad of herself, getextet oder geträllert. Doch das Vorhaben war ein anderes. Eins, das bis auf den Namen „Jimmy“ nicht mal die Landschaft mit Belle Starrs Gefilden gemein hat. Dafür ist es ein wunderschönes und sehr eigenes Stückerl Musik. Und Video auch. „Moriarty“- eine Handvoll Prärie für mich. Seufzzz… Und für euch.
„Where the grass is green and the buffaloes roam…. “ – Enjoy!
(Tja, ursprünglich war hier das Original-Video zum Song von Moriarty. Doch seit bekanntermaßen die Zugänglichkeit auf youtube zunehmend nachlässt, müsst ihr nun halt hiermit vorlieb nehmen.)
Manche Geschichten schreibe ich nur für einen Satz. Oder einen Song… eine Melodie…
Bilder: Belle Starr. Porträt – via. Belle Starr hoch zu Ross – via. Belle & Sam – via. Lucky Luke. Belle Star – via amazon.
Song: Moriarty: Jimmy. Aus: Gee Whiz But This Is a Lonesome Town.
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