Vor und hinter Königswinter
Juli 19, 2009 at 11:40 | In 2009, Bilderhexe, Drumherum und anderswo, Hexenritte | 14 CommentsTags: Bilder, Leben, Reisen
Treibgut am Schienenstrang… und am Rheinufer lang
Wem zum Teufel ist nur eingefallen, die aktuelle Fachtagung ausgerechnet nach Königswinter zu verlegen? Das liegt von meinem natürlichen Lebensraum aus gesehen am Arsch der Welt (musste erst googeln, wo der ist), bedeutet irre früh aufstehn und über sechs Stunden Bahnfahrt quer durchs Land, auch noch mit Umsteigen. Kommt, wie immer lang bekannt, wie immer zur Unzeit und zu tun hat man eh viel zu genug und überhaupt.
Andererseits hat mir das mystisch guerillierende Preis-Marketing der Deutschen Bahn für dieses Mal online ein Ticket 1. Klasse ausgespuckt; darüber will man ja gar nicht meckern. (Auch wenn es dafür wiederum eine Extra-Genehmigung der zuständigen Dienstetage mt stichhaltiger Begründung der Ersparnis einzuholen galt – wär’ ja noch schöner, wenn die sozialwerktätigen Prekarier neuerdings einfach so in der Business Class zur Arbeit düsen täten.)
Die Stimmung fühlt sich zunehmend besser an, nachdem ich es halbnächtens pünktlich zum Zug geschafft hab und mein Dreitagegepäck verstaut ist; und für die richtige Motivation hat’s ja noch ein paar Stunden Zeit.
Ich besetze den ICE meiner Wahl immer schon am Ostbahnhof, da ist es noch schön leer. Ich liebe das: eine kleine Weile den ganzen Wagen fast für mich alleine zu haben. Dafür heißt es, vor dem normalen Reisetempo noch die innerstädtischen Dörfer abzutuckeln. Erster Halt: Hauptbahnhof. Die jüngste Großstation Berlins, ein AlbTraum aus Stahl und Glas, der bei Sturm gern schon mal seine tonnenschweren Metallträger nicht bei sich behält.


Dort steigt eine aufgekratzt durcheinanderkyrillende Gruppe russischer Eisenbahner auf Studienreise zu, die den Waggon bis kurz vor Köln unterhalten und bildungshungrig wie die Vorschulkinder DB-Errungenschaften für die Nachahmung im heimatlichen Personentransport notieren wird. Sie probieren – als einzige – die Fernsehbildschirme in den Rückenlehnen der Vordersitze aus, besuchen zur Freude des Personals ausgiebig das Bordrestaurant und sehen hoffentlich nicht mein heimliches Grinsen, als sie in einem Kauderwelsch aus Muttersprache und englischen Brocken mit dem verzweifeifelnden Bahnermädel eifrig um den Preis für den am Platz servierten Tee feilschen.
Hinter Spandau nimmt unser Schienenflitzer Fahrt auf: die Bahn kommt. Mit Wohlfeeling pur nämlich. Kundenfreundlich und kostenfrei krieg ich die druckfrische Morgenzeitung (Auswahl aus sechs, von Boulevard bis seriös) und einen mobilen Frühstückskaffee kredenzt, sogar in ‘ner richtigen Porzellantasse. Herz, was willst du mehr! In mir macht sich kuschelige Zufriedenheit breit und der Drang, die Sandaletten abzustreifen und die Füße hochzuziehen…
( Öhm… den Kaffee hab ich natürlich bezahlt.)

Vorm Fenster zieht echter Sommer vorbei. Plustrige Wattewolken schwimmen im Blau über der Landschaft, am Bahndamm sonnen sich Margeriten und Mohnblumen. Jaaa… wenn Engel reisen, dann lacht der Himmel – hat meine Oma immer gesagt. Irgendwann, Wolfsburg, glaub ich, fläzen sich zwei Bionadetypen im beschlipsten Business-Look schräg gegenüber in ihre reservierten Polstermöbel. Erst blöken sie quer durchs ganze Abteil in ihre Handys. Dann machen sie mich wie die Baubudenrülpse an. Meine linke Augenbraue begibt sich einen Zentimeter höher, meine kalte Schulter glasklar in Position. Statt gegen die zwei Hammel erhebe ich meine Lanze… öh, Kamera lieber gegen ein paar Riesen mit Windmühlenflügeln,
die rechts samt dem Acker mit beachtlichem Tempo 200 nebenhergaloppieren – wuschschsch… sind sie vorbei. Digitaler Beweis ist gut – denn wer weiß heutzutag schließlich noch, ob ich wirklich Dona Quijote oder nicht doch eher ‘ne Paul Austersche Daniela Quinn oder vielleicht sogar Ms Humpty Dumpty bin…
Und das hier links ist – Bielefeld. Jedenfalls das, was ich davon gesehen hab. Was keinen mehr sonderlich wundern dürfte – wo es doch Bielefeld überhaupt nicht gibt. Immerhin gibt’s einen Bahnhof, der so heißt, als gäbe es Bielefeld.
Hinter Hannover und vor und zwischen Hagen und Hamm (oder umgekehrt?) hat’s bechereske Motive zuhauf. Ob allerdings meine bescheidene Referenz an Hilla und Bernd – bei satten 185 Sachen amateurhaft mit meinem Digi-Spielzeug gestümpert – tatsächlich eine ist oder nachgerade eine bodenlose Unverschämtheit, wage ich lieber nicht zu beurteilen. (In groß sehen die Bilder übrigens einen Tic besser aus.)




Den Kölner Dom gibt’s – und Köln gibt’s auch. Wir kommen sogar pünktlich auf die Minute an. Und obwohl das Auskunftsverhalten des ewas gewöhnungsbedürftigen Menschenschlages dort mich zweieinhalbmal verschiedene Treppen hoch und runter jagt, bevor ich den richtigen Bahnsteig meines Anschluss-Regios gefunden hab, bleibt noch Zeit für ‘ne Kippe – nach füüünf Stunden Enthaltsamkeit.



Damit man die Mit- und Woandershinreisenden nicht gesundheitlich beeinträchtigt, begibt man sich dazu in die eigens dafür angelegte gemütliche Raucherecke: durch auf den Boden gemalte – wenn auch etwas abgelatschte – Linien klar von der Nichtraucherwelt getrennt, mitten auf dem proppenvollen Bahnsteig. Auf Englisch klingt sie beiläufig noch mehr nach Exoten-Reservat, wie ich finde. Was allerdings auch an meinem Exoten-Englisch liegen kann. Auslauf übern Daumen gepeilt so an die 3×7 Meter.
Hat so ein bissel was von Inner-Ecke- oder Am-Pranger-Stehen, das launige Zigarettenpäuschen.
Und nebenher erfährt man beim Blick auf die Ankunftsanzeige auch noch, dass man ahnungslos in einer Zeitmaschine gesessen hat…
Keine Angst, mit den Insider-Details aus dem Inhalt zum bereits erwähnten Anlass dieser dienstlichen Landverschickung werde ich hier keinen langweilen. Höchstens noch mit ein wenig Treibgut vom Rhein – vor und hinter Königswinter. Für einen Spaziergang am Ufer reicht die Zeit nach dem Abendbrot immer grad noch.

Ein Ort für irische Getränke und 'n echt Kölsche Jung von Oberkellner

Treibgut

Fensterblick zum Petersberg - Grüße von Haus zu Haus

Scheinbrücke und Hängegärten. Kreativexzess eines frühpensionierten Eigenheimbauers?

Ahoi, Sir Winston!

Rheinfährdock im Abendrot
Ist wirklich ein nettes Örtchen, dieses Königswinter. So recht eins zum Zur-Ruhe-Setzen von nach Berlin verfügten Staatsdienern. Die wissen, wo man die Pension nach was aussehen lassen kann. – Und beim nächsten Mal heuere ich bestimmt auf einem der vorbeischippernden Kähne an… so als alte Wasserrättin und Binnenpiratin.
Den Soundtrack dazu gibt’s heut als alternatives Wunschkonzert: wenn’s einer nich so mit dem ultimativen Marschrhythmus hat, so steige er lieber in den Train Of Love:
Und wer ihn countryger in Erinnerung hat – der da hat ihn von dem da. Hey, oder wartet doch einfach auf den nächsten Zug.
Bilder: eigenes Hexenwerk. Video: Bob Dylan. Train Of Love. Johnny Cash Tibute, 1999. Via 5thdayofMay auf youtube.
Must be the season of the witch
April 30, 2009 at 11:04 | In 2009, Berlin, Bloghexe, Hexenritte, Hexenseele, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 1 CommentTags: Berlin, Fun, Kultur, Musik, Walpurgisnacht
Faust:
Du Geist des Widerspruchs! Nur zu! du magst mich führen.
Ich denke doch, das war recht klug gemacht:
Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht,
Um uns beliebig nun hieselbst zu isolieren.
Mephistopheles:
Da sieh nur, welche bunten Flammen!
Es ist ein muntrer Klub beisammen.
Im Kleinen ist man nicht allein.
Faust:
Doch droben möcht ich lieber sein!
Schon seh ich Glut und Wirbelrauch.
Dort strömt die Menge zu dem Bösen;
Da muss sich manches Rätsel lösen.
Mephistopheles:
Doch manches Rätsel knüpft sich auch.
Lass du die große Welt nur sausen,
Wir wollen hier im stillen hausen.
Es ist doch lange hergebracht,
Dass in der großen Welt man kleine Welten macht.
Da seh ich junge Hexchen, nackt und bloß,
Und alte, die sich klug verhüllen.
Seid freundlich, nur um meinetwillen;
Die Müh ist klein, der Spaß ist groß.
Ich höre was von Instrumenten tönen!
Verflucht Geschnarr! Man muss sich dran gewohnen.
Komm mit! Komm mit! Es kann nicht anders sein,
Ich tret heran und führe dich herein,
Und ich verbinde dich aufs neue.
Was sagst du, Freund? das ist kein kleiner Raum.
Da sieh nur hin! du siehst das Ende kaum.
Ein Hundert Feuer brennen in der Reihe
Man tanzt, man schwatzt, man kocht, man trinkt, man liebt
Nun sage mir, wo es was Bessers gibt?
(J. W. Goethe: Faust I. Walpurgisnacht.)

rgendwas (f)liegt in der Luft. Hoffentlich nur die Mitmädels auf den Reisigbesen.
Wenn nicht die ordnungshütenden Sixpacks schon tagsüber im Schwarm durch Friedrichshain patroullierten und mir den gewohnten Dienstweg durch die Straßen (ver)sperrten, statt – wie in den letzten Wochen so gerne – den neuen völkischen Klamottenshop gleich neben unsrer multikulturellen Toreinfahrt zu bewachen, dann hätten mich spätestens die wilden Horden der Hexenjäger im Wohnzimmer der heimeligen Bloghütte daran erinnert:
ES IST WALPURGISNACHT! Eine Nacht voll wilder Ausgelassenheit, voll Tanz und Zauber und Magie.
Liebe Mithexen, Molotowcocktailbastler und Maikäfersammler! Tanzt friedlich in den Mai – ums Hexenfeuer, auf dem Blocksberg oder einfach so – und lasst die Leute ihre Autos selber abwracken.
Vielleicht zu Donvan oder den frech grölenden Cover-Mädels:
Macht heut vielleicht ausnahmsweise einen kleinen Bogen um Get Well Soon
…
…und bewegt die Barfüßchen lieber noch zu was Irischem – nur echt mit schottischer Landschaft und kanadischen Hexen *g*. Und wer schön lieb ist, der darf nochmal – zum in Hexis verschwenderischer Großzügigigkeit auserwählten Bonustrack von ASP mit den süßen Geistern:
ASP? Ja, das sind die Zauberbrüder mit der wirklich wunderfeinen Krabat-Scheibe.
Genug Hexentanz?
Nun dann: have fun!
(Man weiß ja schließlich, was Hex’ sich heut schuldig ist.
)
Bild: Walpurgisnacht. Verlag J. Miesler, Berlin. Via Zeno.org: 5000 Bildpostkarten aus der Zeit um 1900
Songs: Hole: Season Of The Witch. Aus: My Body The Hand Grenade (1997). Video via youtube. Get Well Soon: Witches! Witches! Rest Now In The Fire. Aus: Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon (2008). Video via youtube. ASP: Und Wir Tanzten – Ungeschickte Liebesbriefe. Aus: Horror Vacui (Doppel-CD, 2008). Video via youtube.
.
„…with a bullet in her back“
Februar 5, 2009 at 11:47 | In BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Träller-Hexe | 4 CommentsTags: Film, Geschichte, Kultur, Menschen, Musik, USA, Wilder Westen
„Shed not for her the bitter tear
Nor give the heart to vain regret
Tis but the casket that lies here
The gem that filled it sparkles yet.“
[Epitaph auf dem Grabstein von Belle Starr,
geschrieben von ihrer Tochter Rosie Lee ('Pearl')]
Manche Geschichten schreibt man nur für einen Satz.
Oder für einen Song. Für eine Melodie und die Stimme darin…
Heute vor 161 Jahren wurde Belle Starr geboren. Gestorben ist sie, die Bandit Queen des Wilden Westens, fast auf den Tag genau einundvierzig Jahre später, am 3. Februar 1889, mit zwei Ladungen Schrot von ihrem Pferd geschossen. Ihr Mörder wurde nie gefasst.
Ob es die Rebellion der Jugend gegen häusliches Spießertum, der falsche Umgang oder eine Verkettung der Umstände waren, die der Tochter aus etwas heruntergekommenem guten Hause eine Karriere als Räuberbraut bescherten – wer vermag das heute schon noch zu sagen? Die Chronologie ihres Lebens, vor allem die ihrer durchgängig kriminellen Liebhaber und Ehemänner, ist stellenweise ohnehin etwas widersprüchlich und mysteriös.
Verbürgt ist jedenfalls, dass sie in Carthage im Jasper County, Missouri, unter dem Namen Myra Maybelle Shirley als Kind eines Kneipjes und Hotelbesitzers das Licht der Welt erblickte, der nebenan auch noch einen Stall und eine Hufschmiede sein Eigen nannte. Was sie an Lebensnotwendigem für den Alten Westen nicht an der ansässigen Höhere-Töchter-Schule beigebogen bekam, das Reiten und Schießen nämlich, übernahm ihr großer Bruder John Allison, genannt Bud.
Der an- und ausbrechende Bürgerkrieg sah die Familie auf seiten der Südstaatler, wo der umsichtige große Bruder als Mitglied einer Guerilla-Bande im hoffnugsvollen Alter von nur 22 Jahren als erster eines unnatürlichen Todes starb. Der Rest der Sippe wurde in den Kriegswirren nach Texas verschlagen und Farmbesitzer. Selbige Farm war auch der Ort, an dem das Schicksal seinen Lauf zu nehmen begann. Denn genau dort suchte der Bandit Jim Reed Unterschlupf, in den die achtzehnjährige Belle sich umgehend verknallte und der ihr erster Ehemann und Vater ihrer Tochter Rosie Lee werden sollte. Die sie selbst zärtlich Pearl nannte. Die ‘Perle’ sollte späterhin Karriere als Prostituierte machen und, vom Namen ihrer Mutter zehrend, eine angesehene Bordellbesitzerin werden.
Derweilen zog sich Belles sauberer Gatte einen Indianerfreund an Land: Tom Starr, seines Zeichens Waffen- und Whiskey-Schmuggler, öh ja… und Wiederholungskiller. Es kam, wie’s kommen musste: der neue Kumpel eiferte diesem in allem nach, auch im Morden, bekam seinen eigenen Steckbrief und setzte sich samt Weib und Kind 1869 nach Kalifornien ab. Im Sammeln von einschlägigen Kumpanen und Dreck am Stecken war er groß, der Jimmy. So blieb es bei hastigen Umzügen. Einer seiner neuen Freunde wurde beiläufig „Cole“ Younger, dessen Tante die stolze Mutter der Dalton-Brüder war. Als sich zu den Freunden ihres Angetrauten auch noch eine FreundIN gesellte, zog Belle zu ihren Eltern zurück.
Nach einem Postkutschenüberfall wurde auf Jimmy ein Kopfgeld ausgesetzt, woraufhin ihm ein guter Bekannter seinen wertvoll gewordenen Kopf wegpustete. Belle tröstete sich ein Weilchen mit einem aus der vielköpfigen Younger-Sippe und heiratete schließlich den Indianerfreund Sam Starr. Von nun an trug sie den Namen BELLE STARR, unter dem sie in die Geschichte des Wilden Westens einging. Allerdings sollte die neue Errungenschaft nicht ihr letzter Kerl und Ehemann bleiben, zumal er 1886 bei einem unentschieden ausgehenden Duell in einem Saloon das Zeitliche segnete. Wenigstens verdankte sie ihm noch ihren ersten Knastaufenthalt wegen Pferdediebstahls.
Nach wechselnden Liebschaften mit schweren Jungs gab es kurz nach Sams Tod nochmal ein indianisches Ehegesponst. Die Verbindung blieb in der Familie, denn das 26jährige Jüngelchen mit ebenfalls bereits beachtlicher krimineller Karriere, das bis zum unfreiwilligen Ableben der Vierzigjährigen mit ihr Tisch und Bett teilen durfte, war der Adoptivsohn ihres unlängst Verblichenen.
Belle Starr wurde nahe ihrer eigenen Behausung, dem Outlaw-Schlupfwinkel „Younger’s Bend“ in Oklahoma, in dem sie gar den berüchtigten Jesse James sieben Monate lang beherbergt hatte, begraben.
Nicht erst seit heute macht man aus solchen Leben einen spannenden Western oder einen Lucky-Luke-Comic. Beides ist geschehen. Die Western-Schnipsel des 1941er Streifens von Irwing Cummings , sen., bevölkern youtube. Und die Originalnummer 64 (deutsch: 69) der Lucky Luke-Serie haben die Herren Morris und Fauche der Räuberbraut-Legende Belle Starr gewidmet.
Dazu passen tät’ jetzt natürlich The Ballad of herself, getextet oder geträllert. Doch das Vorhaben war ein anderes. Eins, das bis auf den Namen „Jimmy“ nicht mal die Landschaft mit Belle Starrs Gefilden gemein hat. Dafür ist es ein wunderschönes und sehr eigenes Stückerl Musik. Und Video auch. „Moriarty“- eine Handvoll Prärie für mich. Seufzzz… Und für euch.
„Where the grass is green and the buffaloes roam…. “ – Enjoy!
(Tja, ursprünglich war hier das Original-Video zum Song von Moriarty. Doch seit bekanntermaßen die Zugänglichkeit auf youtube zunehmend nachlässt, müsst ihr nun halt hiermit vorlieb nehmen.)
Manche Geschichten schreibe ich nur für einen Satz. Oder einen Song… eine Melodie…
Bilder: Belle Starr. Porträt – via. Belle Starr hoch zu Ross – via. Belle & Sam – via. Lucky Luke. Belle Star – via amazon.
Song: Moriarty: Jimmy. Aus: Gee Whiz But This Is a Lonesome Town.
Das Mädchen des Tages
Januar 22, 2009 at 12:52 | In Alles platti, Berlin, BlogMist, Dings des Tages, Drumherum und anderswo, Hexen-Unfug, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 2 CommentsTags: Alltag, Augen_Blicke, Berlin, Fun, Leben
Dings des Tages (2)
Hat sie nicht einen sexy Augenaufschlag, die sonnige kleine Französin? Und dieses verschmitzte Lächeln, ist es nicht süüüß?
Welcher Kerl, sogar wenn er auf zwei Beinen, ohne Pferdestärken unter der Mütze und mit keinem Tiger im Tank unterwegs ist, möchte da nicht zurückblinzeln. Wo ja nicht mal ich, die ich unvelwechserbar selber ein Mädchen bin, nicht anders konnte, als ihr verschwörerisch schnell mal mit dem linken Auge zuzuzwinkern – nur keine Gelegenheit auslassen, in dem trostlosen Mistwetter einen kleinen Lichtblick zu erhaschen. Heißgeliebter realpoetischer Alltagskitsch.
Die – nein, keine Gnade!
– dazugehörige Schnulze des Tages:
Wahlweise auch in der Cover-Version der Typen ohne Leben im Beinkleid oder auch Bullys Mädchen im Planwagen. Aaaaaah! Okayokay… bin ja schon weg.
Bilder: Meine, aufgenommen beim Vorbeihetzen auf dem morgendlichen Dienstweg in Friedrichshain, Weidenweg.
Wer ist der Kerl mit dem Hut?
Dezember 23, 2008 at 12:58 | In 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, DieStadtreporterin, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 1 CommentTags: Erinnern, Geschichte, Kultur, Menschen
Begegnung mit einem Berliner Original
„Es lebt aber, wie ich an allem merke,
dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen,
daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht,
sondern daß man Haare auf den Zähnen haben
und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“
Johann Wolfgang von Goethe: In einen Brief an Eckermann, 4. Dezember 1823.
Bei einem meiner wöchentlichen Stop-and-Go-Kämpfe auf vier Rädern durch die Potsdamer ist sie mir zum ersten Mal aufgefallen, diese seltsame Skulptur auf dem Mittelstreifen, schräg gegenüber der Staatsbibliothek. Ein Kerl mit Vollbart, Zylinder und Radmantel, ohne Beine, die in dem grob behauenen Findling unter ihm zu stecken scheinen, auf dem er Tag für Tag hockt und gelassen auf die Neue Nationalgalerie blickt, während der Berliner Großstadtverkehr links und rechts an ihm vorbeirauscht.
Wer ist dieser Typ mit dem Hut und dem Droschkenkutscher-Outfit der Goldenen Zwanziger, hab ich mich gefragt. Und weil einfach dort anhalten und nachschauen mitten in der Rush Hour wohl sämtliche Benzindroschken-Kutscher gegen mich aufgebracht hätte, blieb nur die Alternative, der Bildungslücke nach bester Bloggermanier hinterherzugooglen:
Gustav Hartmann heißt der betagte Knabe. Und er war Droschkenkutscher, hingegen alles andere als gelassen. Zwar geborener Magdeburger, doch ein echtes Berliner Original, dem Volksmund und mir entweder gar nicht oder längst als der Eiserne Gustav bekannt. Was er neben dem – 1938 erstmals bei Rowohlt erschienenen – gleichnamigen Buch von Hans Fallada und der danach ins Bild gesetzten 50er-Jahre-Filmkomödie von Georg Hurdalek mit Heinz Rühmann in der einschlägigen Hauptrolle vor allem einer spektakulären Selbstinszenierung und Protestaktion verdankt.
Der echte Eiserne Gustav, Fuhrunternehmer und Pferdetaxenbesitzer, musste Ende der zwanziger Jahre erleben, wie die sich unaufhaltsam ausbreitenden Bezinkutschen sein Gewerbe bedrohten und die motorisierten Taxifahrer ihm die Kundschaft streitig machten. Mit Herz und Energie und seinem (Wahl)Berliner ‘eisernen’ Dickschädel beschloss er also als rüstiger Endsechziger vor achtzig Jahren, nicht sang- und klanglos Pleite zu machen, sondern mit einem Spektakulum: einer Droschkenfahrt nach Paris in fünf Monaten mit ihm selber auf dem Kutschbock seines Einspänners und seinem Gaul Grasmus davor. Er befand sich mit dieser Idee in jenem Jahr 1928 der Rekordjagden in bester Gesellschaft mit Charles Lindbergh, dem Ozeanüberflieger, dem schnellsten Wüste-Gobi-Durchquerer Sven Hedin, dem einbeinigen Höchste-Gipfel-Erklimmer und wer weiß wem sonst noch.
Dem entsprechend wurde er nach über 2000 Kilometern bei seiner Ankunft in Paris – genau an seinem 69. Geburtstag – auch gefeiert. Und zwar nicht nur für diese Leistung von Mann und Pferd, sondern auch für seinen erhebenden Beitrag zur Völkerverständigung, die er in der Hauptstadt des feindlichen Frankreich als Friedensbote zelebrierte. Und er ließ es sich natürlich samt seinem Gaul nicht nehmen, die Tour gleich retour nach Berlin zu machen, und wurde auch zu Hause pompös empfangen.
Übrigens hieß besagter Klepper “Grasmus” eigentlich Erasmus, doch Gustav hatte das schnörkelige Sütterlin-E auf der Kaufurkunde irrtümlich für ein G gehalten. Somit trug der einmalige Vierbeiner einen einmaligen Namen, für den sein vorgesetzter und nicht auf den Kopf gefallener Zügelhalter eine von echtem Berliner Mutterwitz triefende Erklärung vorzubringen hatte: “Der heißt Grasmus, weil er aus Gras Mus macht!” Zu den durch Falladas Buch genährten Legenden gehört allerdings die Behauptung, dass er die motorisierten neuen ‘Droschken’ in Bausch und Bogen verteufelte – schon vor seiner Paris-Tour war er selbst im Besitz eines Taxis.
Nach seiner Rückkehr gründete Gustav Hartmann eine Stiftung für die Hinterbliebenen von Taxifahrern, die bei der Ausübung ihres Berufes ums Leben kamen.
Über sechs Jahrzehnte nach seinem Eingehen in den Droschken- und Taxikutscherhimmel musste sich sein Eisenschädel noch einmal bewähren. Seine nachgeborenen Berufsgenossen sponsorten ihm 2000 in dankbarer Erinnerung ein Denkmal, geschaffen von Gerhard Rommel. Doch seinen Standort mussten sie erkämpfen – denn nach kommunalpolitischer Lesart kamen die ursprünglich gewünschten Stellplätze (Wannsee, Tiergarten, am Brandenburger Tor, im Nikolaiviertel, Unter den Linden) nicht in Frage. Weil: die hatten alle schon ein Denkmal.
Jetzt schaut er die Potsdamer Straße entlang und passt da ganz gut hin, wie ich finde: denn die hat sogar eine extra (Bus- und) Taxi-Spur.
Heut ist der siebzigste Todestag von Gustav Hartmann. Und die Berliner Taxifahrer ziehen, auch wenn sie keine Zylinder mehr tragen, immer noch ihren Hut vor dem Eisernen Gustav.
Bilder: Gustav Hartmann mit Frau und Gaul in Paris. Via mdr.de. Gustav-Hartmann-Denkmal: Wikimedia Commons. Rest – Creative commons Lizenz; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Trailer Der Eiserne Gustav – via youtube.
Ein eiserner Vorhang aus verschlungenen Hieroglyphen…
November 15, 2008 at 10:18 | In BildungsLückenbauten, BlogMist, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Werbehexe | 2 CommentsTags: Bilder, English Russia, Internet, Kultur, Netz-Funde, Russland
…sind für so manchen Zeitgenossen auf knapp fünf Sechsteln der Erde kyrillische Schriftzeichen. Selbstredend auch unter Verwendung derselben verfasste Texte. Zum Beispiel russischsprachige.
So kommt es dann, dass nicht nur der Realreisende in bären- und beerenreiche Gegenden oder nach Sankt Petersburg unversehens zum gefühlten Analphabeten wird und vor Ort nicht mal aufs Klo findet. Nein, auch der emsige Netzarbeiter und der Freizeitwebber stoßen auf den wissbegierigen Surftouren Ihrer Neugier im www durchaus schon mal schmerzlich mit der Nase gegen den Rand desselben, wenn sich plötzlich ihre Augen in Kyrilliza verheddern und die Gedanken lang hinschlagen. Jaja, Ihre auch – nun geben Sie’s schon zu.
Da freut man sich doch so als abseitig akademischer Wahlrusse gemeinsam mit der einschlägig benachteiligten Mehrheit über freundliche Anglorussen und ihr Serviceangebot zwecks allgemeiner Erbauung und Umschiffung von Sprachklippen – “just because something cool happens daily on 1/6 of the Earth surface”. Übrigens durch sein vorwiegend visuell ausgerichtetes Konzept auch für Pisa-definierte Zielgruppen geeignet.
Also, liebe Nicht-Kyrillen, Hobbyrussen und solche, die es vielleicht nie werden wollen, wenn Sie demnächst mal
den Besuch einer jener legendären Russendiscos – oder ‘ner Party – vorbereiten (in Gesellschaft welcher Spezies auch immer),


eine Recherche zu optimaler Spamentsorgung oder ultimativ guerillierenden Strategien für Computer-Werbung starten,


im Auftrag ihrer AA-Selbsthilfegruppe nach Alternativen suchen,
eine Anleitung zum Selberschnitzen Ihres umweltfreundlichen Eigenheims aus echter russischer Birke brauchen,
schon längst gerne gewusst hätten, wie Teamwork po-russki geht,
sich Einblick verschaffen möchten, wie die Drogenmafia Photoshopping und die Liebe zum russischen Wald schamlos für ihre Zwecke ausnutzt, einen virtuellen Spaziergang durch die brillant gepixelte Heimatstadt Dostojewskis oder das alte Russland mit Lew-Tolstoi-Flair machen wollen oder was weiß denn ich, wonach Ihnen grad so ist respektive, auf welchen Zufallsfund mit Substanz oder Witz Sie so abfahren – dann schaunse doch einfach mal rein bei denen von English Russia.
Na denne: Viel Vergnügen! Oder wie die Russen sagen: Большое удовольствие вам!
Bilder via English Russia; russischer „Breakdance“: via youtube.
Idee: Спасибо Волк!
Dies kann als eine Art Update zu Der Kyrill und sein Method gesehen werden.
Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 2)
Juli 15, 2008 at 2:50 | In 2008, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 4 CommentsTags: 2008, Basel, Bilder, Dichtung, Johann Peter Hebel, Literatur, Reisen, Schweiz, Stadtansichten
Z’Basel an mim Rhi,
jo dört möchti si!
Weiht nit d’Luft so mild und lau,
und der Himmel isch so blau
an mim liebe Rhi!
(Johann Peter Hebel: Erinnerung an Basel.
Aus: Alemannische Gedichte)
So kurz die Zeit auch ist, ein Baselbummel muss schon sein. Am Samstag stürzen wir uns mutig ins Getümmel. Das wäre doch gelacht, wenn eine Großstadtpflanze Angst vor fußballverrücktem Tourigewühl hätte. Die Neugier ist sogar groß genug, sich die Affenhitze zum Bummelwetter schönzureden.
Von unserem ländlichen Domizil geht’s aber erstmal wieder mit dem Auto in die Stadt. Dass das nicht gerade die genialste Idee war, merken wir spätestens auf der Suche nach einem Parkplatz. Vielleicht hätten wir doch das Tram nehmen sollen (ja, so heißt es dort: DAS Tram), ’s Basler Drämmli oder die Trämli, wie die Eingeborenen liebevoll sagen. In unserem Fall wär’s eins von den sonnengelben gewesen, da wir ja von auswärts kommen. Denn das innerstädtische Drämmli ist grün. Abgesehen davon, dass das hübsch aussieht, orientiert es sich so recht gut in dem regen Straßenbahnverkehr -Basel ist eine Tram-Stadt. Und das seit weit über 100 Jahren. Und man muss da nicht extra einer Statistik glauben, nach der – bei einer Einwohnerzahl von übern Daumen gepeilt 165 000 – jährlich an die 89 Millionen Fahrgäste in die gelben und grünen Wagen klettern, sondern nur einen Nachmittag lang durch das Gewirr der vielen blanken Schienen stolpern.
Wir aber pirschen uns zunächst mit unseren privaten Pferdestärken durch schmale Gassen und über Kleinbasel an die auf der andern Rheinseite gelegene Altstadt von Großbasel heran. Und irgendwo hat dann doch noch ein schmales Plätzchen im dritten Stock eines Parkhauses auf uns gewartet. Kleinbasel oder einheim’sch Glaibasel, seit eh und je das Viertel der unteren Zehntausend und mit hohem Migrantenanteil, muss dem Basler sowas sein wie dem Berliner sein Kreuzberg, nur hübscher anzuschaun.
Weiter geht’s per pedes und schon nach den ersten Schritten durch klaustrophobisches Gewimmel in Richtung Mittlere Rheinbrücke ist klar: die Flipflöpse an den Füßen waren die einzig goldrichtige Wanderschuhwahl. Wir befinden uns kurzzeitig im Auge des Orkans, das hier nicht wie allerorten schnöde Fanmeile heißt, sondern eine FanZone ist. Was nicht im Geringsten übertrieben scheint, denn das Zentrum ist weiträumig mit Großleinwänden, Tribünen, Zeltpavillons und Toiletten-Hüsli zugebaut. Das runde Leder hat die City voll im Griff. Hinter mir eröffnet eine Mutter ihrem Dreikäsehoch im gängigem Baseldeutsch überflüssigerweise, dass man jetzt auf die Fäään gehe, und sicherheitshalber, dass die Fäään lustig würde.
Uf der breite Bruck,
für si hi und zruck,
nei, was sieht me Here stoh,
nei, was sieht me Jumpfere goh,
uf der Basler Bruck.
Über den Rhein hätten wir auch mit der Fähri schippern können, einem überdachten Bötchen, das mich irgendwie an diese asiatischen Fischerboote erinnert.
Doch wir kämpfen uns über die ‘braite Brugg’ und schaun aus sicherer Entfernung auf das muntere Treiben unten am Ufer. Dass die aufgespannten Leinwände heute tot sind, scheint keinen Menschen zu interessieren: man zeigt Flagge, trägt die Wangen in den jeweiligen Nationalfarben und abenteuerliche Kopfbedeckungen aus dem Fan-Shop seiner Wahl. Aus den Lautsprechern dudeln – nein, keine Alpenjodler, sondern aktuelle Hits. Europa sonnt sich auf der holzgezimmerten Tribüne, die bis ans Wasser reicht. Und einige Fußballjünger und -rinnen haben einen andern Sport für sich entdeckt: sie schwimmen, solo oder in munteren Schwärmen, den Rhein hinunter. Manche sogar in voller Straßenmontur einschließlich Hut und Schuhen, andere mit einem Seil um das Badeoutfit geschlungen, an dem eine wasserdichte Plastikboje mit der restlichenTagesgarderobe dümpelt. In die werden sie ein Stück flussabwärts wieder hüpfen und solcherart nicht zu Lande an den Ausgangsort zurück müssen.
Hm, schwimmen im Rhein? – na, ich weiß ja nicht… wohin fließen eigentlich denen ihre Abwässer der Chemie- und Pharmaindustrie?
Nachdem wir genug in den Rhein rein geguckt haben, flüchten wir uns drüben endlich in die stillen idyllischen Gassen des alten Basel. Hier scheint die Zeit ein bisschen stehen geblieben zu sein. Jahrhundertealte Häuser stellen sich uns mit Namen vor
und munter fließende Brünnlein werben – unterstützt durch amtliche kleine Schildchen – plätschernd mit Trinkwasser. Was für ein Labsal an so einem Tag.
Gleich im ersten Gässli hinter der Brücke links hoch, dem Rheinsprung, verliebe ich mich – in ein Lädchen, Scriptorium geheißen. In der Auslage der winzigen Schaufenster erfreuen Schreibfedern aller Sorten und diverses nostalgisches Schreibzubehör, Gänsefederkiele und kugelige, antike Fässchen mit geheimnisvollen, bunten Tintenrezepturen das Herz. Ein puppenstubengroßes Paradies für alle Stadtschreiber, Kalligrafen und -fininnen. (Das Lädchen ist da rechts an der Ecke, die einschlägigen Schaufensterbilder baseln leider noch in der Schweiz rum, da mit geliehener Kamera aufgenommen).
Südliches Flair verströmen die schattigen grünen Innenhöfe, auch sie mit glucksenden Wasserspendern.
In der Münsterschuel,
uf mim herte Stuehl,
magi zwor jetz nüt meh ha,
d’Töpli stöhn mer nümmen a
in der Basler Schuel.Aber uf der Pfalz
alle Lüte gfallt’s.
O, wie wechsle Berg und Tal,
Land und Wasser überal,
vor der Basler Pfalz!
Ein unbedingtes Muss ist ein Blick auf das Stadtpanorama von der Pfalz aus, einem Aussischtspunkt oben über dem Rhein, zu dem uns die herrlich verwinkelten Gassen führen. Leider hat sie etwas unter dem allgemeinen Fußballwahn gelitten, denn überall liegen Berge von Müll zwischen den einladenden Bänken, dessen die Partner für e suuberi Stadt offenbar nur schwer Herr werden. Und ein verträumtes Motiv für ein Bild der Münsterkirche nebenan zu finden ist nicht so einfach, da der ganze Platz von einer des bereits erwähnten aktuellen Ereignisses verdächtigen Konstruktion aus Kunststoffplanen und Aluminiumstreben eingehüllt ist.
In trauter Nachbarschaft mit derselben schlummern da auch noch die rankenumkränzten Fensteraugen der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel im ehemaligen Domherrenhaus vor sich hin, einer Einrichtung mit Tradition.
Und durch diese hohle Gasse müssen wir kommen, um uns zum Marktplatz durchzuschlagen.
In ihr riecht es ziemlich streng, was eine heimliche Vermutung durch unsere empfindlichen Näschen wehen lässt: dass nämlich mehr als nur ein fußballseliger Nachtschwärmer für sein dringendes natürliches Bedürfnis nicht mehr rechtzeitg das exklusiv aufgestellte Hüsli gefunden hat. Doch zu guter Letzt nicht noch einen Blick auf das Basler Roothuus und dessen beeindruckende Architektur und Wandmalereien zu erhaschen, wäre ein sträfliches Versäumnis.
Ach, fast hätt’ ichs vergessen: fasziniert hat mich eine Idee dieser findig kreativen Schweizer. Sie haben für ihre Sommergäste Sonnensegel über ihre Straßen gespannt, keine einfachen Schattenspender, nein, auf die transparenten Stoffbahnen sind überdimensionale Fotos projiziert, und zwar von der jeweiligen Hausfassade unter ihnen. Sie wirken wie riesige Spiegelbilder – eine Wahnsinnsidee und ein Wahnsinns-Anblick.


Was soll ich sagen? Viel zu kurz war die Zeit (und viel zu lang wieder Hexis Geschreibsel darüber
). Aber es war wunderschön und ich komme gern wieder in eure sympathische Stadt, ihr Basler.
Nachplappern:
Die zitierten Verse, sind, wie schon eingangs ver-urhebelt, von Johann Peter Hebel, einem Sohn dieser Stadt. Dem – wo ihm selbst der große Herr Geheimrat in Verehrung zu Füßen lag – man selber zu eigner Schande lange viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.
Das wird im Blog in Form spannender Stöberresultate demnächst mal zu behebe(l)n sein. Das Gedicht “Erinnerung an Basel” gehört zum Zyklus seiner “Alemannischen Gedichte”. Von ihm der Frau Meville gewidmet, Tochter der Papierfabrikeigner in Höfen bei Schopfheim im Wiesental, die seinerzeit daselbst das Papier für eben jene Gedichte herstellten. Doch die Basler haben es mit fliegenden Fahnen für sich vereinnahmt, es mit einer Melodei versehen und zu ihrer Stadthymne gemacht. Respektvoll deshalb hier nochmal der Volltext in alemannischer und in baseldeutscher Version. Und wenn jetzt etwa einer, womöglich gar einer der torejubelnden Public- und Private-Viewer meint “Kennich nich, nie gehört!”, so irrt sich der. Denn es avancierte auch längst zur Basler Fußballhymne – womit wiederum der Bogen zu den aktuellen Stadtereignissen geschlagen wäre – puuuh. Ob die auf der Tribüne der Basel Arena allerdings alle wissen, wem sie ihr Liedl verdanken?
P.S. Teil 3 – der vor allem von einem gecancelten Rückflug gen Berlin sowie den äußerst hülfreichen Ratschlägen des Bodenpersonals eines internationalen Flughafens zur Therapierung desselben handeln tät’ – bleibt ungeschrieben. Sonst denkt hier noch einer, das wird ‘ne Soap…
Bilder: selber gemacht. Hebels Gedicht „Z’Basel am mym Rhy“: Von der Website Hausen im Wiesental.
Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 1)
Juli 8, 2008 at 1:15 | In 2008, Alles platti, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexengeschichten, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Wetter-Hexe | 6 CommentsTags: Reisen, Basel, Schweiz, Unterwegs
Ein Reisebericht
Die Hex’ war auf Reisen. Vorletztes Wochenende. Statt wie gewohnt auf dem Besen zu reiten, leistete sie sich diesmal ausnahmsweise den ausschweifenden Luxus eines Billigfliegers. Schließlich ging es um die würdige Audienz bei einem kleinen benachbarten Bergvolk Und, wer haat’s erfundn? – Na, die Schweizer natürlich.
Oh ja, und los ging es wirklich lausig früh, mitten im besten Tiefschlaf quasi. Aber so ein Wochenend ist ja höllisch kurz, weswegen man es so weit wie möglich zu strecken sucht. Von Frühtau dagegen keine Spur – nur das blanke Morgengrauen und die letzten Schnaufer einer lauwarmen Sommernacht, die wieder einen bruzzelheißen Tag androhen. Die Jacke kann also schon mal ins Aufgabegepäck – da weiß man wenigstens, wofür man inzwischen stolze Siebenfuffzich abdrückt.
Ha, und wer hat eigentlich das Timing verbrochen? Während traumatisierte Einheimische auf der Flucht vor dem Hype um eine aufgepumpte Lederblase ihrer Stadt den Rücken kehren, mache ausgerechnet ich mich auf gen Basel. Allerdings möchte ich dazu ausdrücklich angemerkt wissen, dass mitnichten und auf keinsten Fall dieses über den grünen Rasen kullernde Ding auch nur das Geringste mit Hexis Reiselust zu tun hat, sondern ein längst fälliges Familientreffen nach freudigem Ereignis. So!
Über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer flugbereiter Großstädter zur Eincheckzeit schröbe man wieder mal ganze Bände. Wie von dieser penetranten Schickse im Papageien-Look vielleicht, die als Kunst- und Künstlerkennerin erkannt werden will. Und darob balzend und voll Selbstbefriedigungsdarstellungstrieb, vor allem aber mit Durchsagenlautstärke ihren Begleiter, einen sympathischen kleinen Italiener, pseudokompetent zutextet:
“Also dieses Üvent war doch großartüg pörformt, fündest du nücht?
UnddieAusstrahlungdesAmbiente -einfachtoooollll. JaderBlablablaverstehtseinMötjöh. UnddieKollegenwarnjasoooechauffiert. UnddiesehüstorüschenMauern, haaaach! ——– üchmussmirmalsoeinArchütekturbuchkaufen, üchbringdieStüüleimmerdurcheinander… GotükundRomantükundBarockoko undso….”
Oder über die Spezies der aufgeregt durch die Halle flatternden Urlaubsmuttis. Beim Anblick ihres gigantischen Kosmetikarsenals im Handgepäck, mit dem sie zum Sicherheitscheck antreten, drängt sich hartnäckig die Frage auf, was denen wohl unterm frisch frisörgestylten Pony tickt. – Dass die Riesenschilder vor ihrer Nase für böse Terroristen da hängen? Oder packen die gerne all ihre Spraydöschen und Flakönchen und Tübchen in der Öffentlichkeit aus – und halten damit den ganzen Abfertigungsbetrieb auf? Und überhaupt, wieviel von dem Kram braucht frau unterwegs auf dem Hüpfer nach Palma De Malle?
Endlich an Bord der A 319 denkt man noch an ‘ne kleine Mütze voll Schlaf, um den unchristlich frühen Aufbruch halbwegs zu kompensieren. Das ist sowieso das Beste, denn, zu meiner Schande sei’s gesagt, die Hex’ – gewiefte Besenpilotin hin oder her – ist nicht frei von Flugangst. Was liegt also näher, als das mulmige Gefühl in der Magengegend einfach wegzudösen. Das sich spätestens einstellt, als die Maschine mit einem unheilvollen Quietschen, Knarren und Stöhnen im Bauch losrollt. Ach nee, halt, nachm Start kommt ja noch die obligatorische Demonstration des Rettungsprozedere durch die Mädels von der Crew – wovon einem auch nicht grad wohler wird. Unverzichtbar daran ist vor allem die Instruktion zur Handhabung der Schwimmwesten. Weil man nämlich angesichts des aktuell zu überfliegenden Territoriums vorm inneren Auge gestochen scharf die wilden Wogen des mittel- und süddeutschen Ozeans an den Strand schwappen sieht. Aber höchstwahrscheinlich steuert der Pilot im Ernstfall mit traumwandlerischer Routine die Mitte des Rheins oder den Bodensee an. Und so gesehen sind denn auch die blauweißen Lederhösner und die Eidgenossen Seefahrernationen – oder wenigstens Küstenvölker, jawoll.
Der Minutenschlaf hat gut getan und ich klettere unternehmungslustig die Gangway hinunter. Auf gehts, Basel ich komme!
Naja, noch nicht ganz, denn vorher ist nochmal volle Konzentration gefragt, damit man nicht unversehens im falschen Land landet. Der Baaasler Flugchchafen ist nämlich, wenn mans ganz genau nimmt, nur die Hälfte von einem ganzen, ein weltweit wohl einmaliges Phänomen, worauf in gewisser Weise schon sein stolzer Name Basel-Mulhouse-Freiburg hindeutet. Bekanntlich liegt er mitten im Dreiländereck, putzigerweiser nicht mal auf schweizer, sondern auf französischem Boden. Und die Schweizer und die Franzosen betreiben ihn – in bestem europäischen Geist – gemeinsam. (Die deutsche ‘Ecke’ hingegen ist nur Anhängsel ohne Stimmrecht im trinationalen Beirat und Mitnutzer.) Nun heißt es nur noch den eidgenössischen Ausgang finden.

Das klappt hervorragend beim ersten Versuch. Das Empfangskommando hinter der Scheibe trippelt schon ungeduldig hin und her – ich werde abgeholt. Durch die stressfreie Gemächlichkeit an der Zollkontrolle auf die landestypische Mentalität vorbereitet sowie nach der bedingungslosen Kapitulation vor einem irreführend SchweizerDEUTSCH (okay, oder -dütsch) genannten Idiom folgt erstmal stürmisches Umarmen mit meinen schwiizer Ausländern.
Später dann im Auto, unterwegs in den Basler Speckgürtel und zum Domizil für die nächsten drei Tage, sehe ich beim ersten so herbeigefieberten Blick auf die Stadt – nichts.
Ehrlich – denn der Eindruck ist ein ziemlich unterirdischer, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir düsen nämlich auf der Stadtautobahn zwecks Verkehrsentlastung durch ein wirr verschlungenes Tunnelsystem und als ich die Sonne endlich wiedersehe, sind wir schon wieder draußen aus der Stadt – links und rechts nur noch grüne Berge, drauf hier und da eine malerische Burgruine. Dafür treffen wir jetzt einen niedlichen kleinen Kreisverkehr nach dem andern, auf den meisten der Rondells wachsen ebenso niedlich kleine Birkenschulen. Und dann sind wir in Reinach, der zweitgrößten Gemeinde des Kantons Basel-Land (respektive Basel-Landschaft, wie es auf Einheimisch offiziell heißt). Gelegen laut einschlägiger Information “am Südfuss des Brruderchchcholz (Bruderholz) im Birstal”.
Hach, gibt es eigentlich eine noch hübscher und noch schweizerischer klingende Ortsbeschreibung!?
Dafür gibts auf Grund offensichtlich unheilbarer epischer Breite der Verfasserin die Basel-Bummel-Bilder erst in Teil 2.
P.S. Beim Titelsong – sorry, er war beim Schreiben so eine Art böser Ohrwurm und ich kann nix dafür! – denkt der Liebhaber des gepflegten Klamauks ja an die allseits beliebten Otto-Waalkes–Interpretationen. Allerdings fehlt bei d e m in schamloser Ignoranz das Schweizer Beispiel. Reichen wir also das einzige verfügbare nach. – Achtung! Schräge Blasmusik – mit einzwei… hm, oder drei Verbläsern…
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Hochhaushex'

