Erste-Klasse-Ticket für Rettungsboot Nr. 7
April 15, 2012 um 12:00 nachmittags | Veröffentlicht in 2012, Berlin, BildungsLückenbauten, Dings des Tages, Geschichtsbuch, Globe-Trottel, Kalenderblätter, Katastrophen-Hexe, Mitmensch - unbekanntes Wesen | 2 KommentareSchlagwörter: Titanic
oder Eine Berlinerin geht nicht unter
or ein paar Tagen erging vom Nachbar-Account die Frage: Bloggt wer die Titanic?
Eigentlich hatte ich ja keine Lust dazu – der wort- und geschäftstüchtige Rummel um diesen nunmehr einhundertjährigen Mythos auf dem Meeresgrund schien mir groß genug. Dass und wie sehr Berlin am Meer liegt, hab ich hier eh schon gelegentlich erwähnt. Und was zur Hölle hab ich mit diesem untergegangenen Luxusdampfer zu schaffen?
Oder? Doch mehr als ich dachte?
Ich musste an das Schild denken. Ein kleines, ziemlich unscheinbares Schild am Spittelmarkt, irgendwo am Straßenrand. Es will offenbar den nach einer Bleibe umherirrenden Berlin-Besucher zum „Titanic“ lotsen, dem innerstädtischen Glied einer türkischstämmigen Hotelkette gleichen Namens. Mir wäre es wahrscheinlich nie aufgefallen, das Schild, wenn… ja, wenn ich nicht zusammen mit tausenden anderen Berufsverkehrern genau dort täglich in den Untergang gespült würde: alle Maschinen stopp wegen Dauerbaustelle. Kein Eisberg also, aber trotzdem mit katastrophalen Folgen – vorprogrammiertem Zuspätkommen zum Broterwerb nämlich,
aggressiven Auto- und lebensmüden Radfahrern. Einzige Rettung: miiindestens zwanzig Minuten früher aufstehen.
Hmmm… nomen est omen?
Ich frag mich sowieso andauernd, warum es Empfehlung oder Werbegag sein soll, auf oder in etwas zu wohnen, das Titanic heißt. Oder beim Unternehmen Titanic Reisen einen Flug oder eine Kreuzfahrt zu buchen. Kaufte wirklich jemand gern sein Surfbrett oder Paddelboot bei Titanic Sporty? Sein Antivirus-Programm bei Titanic-Software? Und wie optimistisch tickte einer, der sein Vorsorge-Paket beim womöglichen Vertreter einer womöglichen „Titanic-Lebensversicherung“ abschlösse? Das einzige Programm, das mich beim Aufstöbern einschlägig getaufter Firmen und Konzepte halbwegs überzeugt hat, war eine kleine Kneipe am Arsch der Welt irgendwo hinter Hamburg, die sich ‘Untergang mit Stil’ auf die Fahnen geschrieben hat. Naja, und das Satireschiff, sowieso.
Aber jetzt mal ernsthaft, wo ich mich nun doch schon dahinein begebe: auch Berlin hat ‘sein’ Titanic-Schicksal, in Gestalt einer umtriebigen, reiselustigen und anhaltend heiratsfreudigen Millionärswitwe nämlich. Bis zu ihrem Einschiffen auf dem legendären Luxusklipper wohnhaft in der Windscheidstraße 41, 2. Stock.
Antoinette Flegenheim, vermögende Wahl-Charlottenburgerin, die ihren vermögensbildenden Alfred 1890 in Manhattan überm Teich geehelicht und siebzehn Jahre später zwischen Amerika und Europa beerbt hatte, war die einzige Berliner Passagierin an Bord der „Titanic“. Und sie ging nicht unter.
Die Umstände dafür, davor und danach sowie für unsinkbares Berlinerinnentum an sich verdankt die Nachwelt einer mittlerweile zehnjährigen Recherche des Kreuzberger Kreuzfahrers, Ahnenforschers, Titanic-Vereinsbruders und Sozialarbeiters im Ruhestand Gerhard Schmidt-Grillmeier:
Die Weltdame Flegenheim aus Kabine 8, Deck D, mit dem Erste-Klasse-Ticket Nr. 17598, für das sie locker die damals stolzen 31 Pfund, 13 Shilling und 8 Pence hingeblättert hatte, saß im Rettungsboot Nr. 7, dem ersten, das von der Titanic ablegte. Was, jedenfalls wenn man an die Chaos-Dramaturgie einschlägiger Monumentalfilme denkt, zumindest bemerkenswert scheint. Immerhin lag Madame zum Zeitpunkt des eisigen Zusammenstoßes von letzter Nacht vor 100 Jahren schon zwei Stunden lang in tiefem Schlummer. Vom verursachten Geräusch in selbigem gestört, rettete ihr wohl praktizierte Lebenstüchtigkeit ohne Federlesen, womöglich auch eine antrainierte Allergie gegen nicht umgehend verfügbares Personal, das Leben:
„Lauschen. Pantoffel. Nach dem Klingeln kommt kein Steward. Sie sucht ihre Bekannte Blanche Greenfield in deren Kabine auf, hört von einer Kollision, soll sich anziehen und an Deck kommen. Schwimmweste. Offizier Murdoch fängt ihren Hut auf. Fast leeres Deck. Rettungsboot Nummer sieben ist das erste, das die Titanic verlässt.“
(Berliner „Tagesspiegel“ vom 8. April 2012)
Das traumatische Erleben kompensiert sie nur zwei Monate später, mit einer neuen Ehe. Der Glückliche, dem sie am 20. Juni 1912 in Buffalo, New York, das Jawort gibt, ist der 35jährige Engländer Paul Elliot White-Hurst. Auf der Heiratsurkunde ist ihr Alter mit 42 Jahren angegeben, um sieben Jahre jünger, als sie tatsächlich ist. Diese kleine weibliche Eitelkeit bringt den Berliner Amateur-Titanic-Forscher ganz schön ins Schwitzen, bevor er das wirkliche Geburtsdatum der am 11. Mai 1863 im randberliner Himmelpfort geborenen Försterstochter Berta Antonia Maria Wendt alias Antoinette Flegenheim alias Mrs. White-Hurst herausfindet.
Die in ihrem zupackenden Wesen versäumt nicht, der White Star Line an Heiligabend
des Katastrophenjahres eine saftige Rechnung für nichtgebuchten Schockzustand und Verlust ihrer persönlichen Wertseligkeiten zu stellen. In der sich auf drei Seiten neben der smaragdbesetzten Eidechsenbrosche, ihrer Diamanten-Lorgnette und einem fünfstelligen Bargeldbetrag auch sorgsam ihre abgesoffenen Kleidungsstücke aufgelistet finden, darunter ein Fuchsschwanz, drei seidene Petticoats, zwei Korsetts. Vier aufwendige Nachthemden und drei einfache, ein Dutzend Paar Handschuhe…
Die Spur unserer Berliner Titanic-Reisenden verliert sich in München. Zuletzt war sie da im bereits ehrbaren Alter von 76 Jahren 1939 in der Kaulbachstraße gemeldet. Ein Grab als letzten Wohnsitz gibt es dort nicht. Aber Titanic-Freak Schmidt-Grillmeier bleibt dran…
Wäre Madame Flegenheim damals n i c h t auf dem Crash-Dampfer an Bord gegangen und friedlich zu Hause geblieben, hätte sie den Untergang der Titanic, zudem außer Lebensgefahr, noch im selben Jahr auch auf dem Grüpelsee bei Königs Wusterhausen erleben können. Denn der erste Titanic-Film ever wurde in Berlin gedreht.
So viel Untergang zu Hause um die Ecke – wer hätte das gedacht. Ach ja… und w e r wollte eigentlich die Titanic bloggen? Fortsetzung folgt. Frühestens 2112.
__________________
Bilder: Titanic-Rettungsboot (Nachbau) – AFP,via Fotostrecke im “Tagesspiegel” vom 8. April 2012. Millionärswitwe Antoinette Flegenheimer (einziges erhaltenes Foto) – veröffentlicht im “Berliner Lokalanzeiger” vom 19. April 1912. Befindet sich in der Sammlung von Gerhard Schmidt-Grillmeier. Titanic-Boot mit Schiffbrüchigen – Foto: Reuters, via Fotostrecke s.o. Verlustlisten der Witwe Flegenheimer – Sammlung von G. Schmidt-Grillmeier, via Fotostrecke s. o. Szenenfotos aus dem ersten Titanic-Film “In Nacht und Eis” von 1912 – via Fotostrecke s. o.
Lass irre Hunde Hymnen heulen. Liederreise
April 17, 2011 um 5:33 vormittags | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Blogbesuche, Geschichtsbuch, Kultur, Lieder-Hexe, Puzzle-Hexe, Real-Poetisches, Real-Politisches | 2 KommentareSchlagwörter: Dichter, Erinnern, Gesellschaft, Hanns Eisler, Komponisten, Kryptomnesie, Musik, Nationalhymne
Vergessene Erinnerung an/in Volks- und Liedgut und Update zu eines Wolfes Heulen
Hach, auf was für komische Sachen man doch kommt, wenn man auf dem Blogkahn, auf dem man ja auch selber angeheuert hat, mal wieder unter Deck kriecht und beim Schiffsschreiber in der Kajüte vorbeischaut. Der lässt heuer statt Salty Dogs irre Hunde heulen und bringt mich damit ins Grübeln.
Wie der DDR-Film von dem unzüchtigen Musiklehrer hieß, fällt mir allerdings auch nicht mehr ein. ![]()
Wohl aber, dass das mit dem Melodeien- und Liederverwirbeln und -verquicken auch an anderen Orten kein Zufall sein kann, sondern mitunter sogar pure Absicht bis hin zu unterbewusster Kryptomnesie dahinter steckt. Nehmen wir ein Beispiel aus einem etwas speziellen Genre von ‘Volksmusik’. Selbiges liegt auf den zweiten Blick weniger abseits von den beim Wolf benannten Schwurbelfällen im deutschen Volksliedgut, als es auf den ersten scheinen mag. Hat doch der Urheber des Beispiels, Hanns Eisler, das offiziell dereinst gewichtigste seiner hier betrachteten Lieder selber – wie ironüsch oder nicht – sein “neues deutsches Volkslied” genannt.
Komprimiert gehört hab ichs, glaub ich, mal vor ein paar Jahren in einer Radiosendung, den Sender weiß ich leider nicht mehr. Der Eisler ist ja, wie manch einem vielleicht noch geläufig, neben anderem ziemlich zeitgleicher Kompositor der als parallele Bewerber zur DDR-Nationalhymne aufgestellten “Auferstanden aus Ruinen” (vom dazumaligen DDR-Kulturminister J. R. Becher) und “Anmut sparet nicht noch Mühe” (der besseren [sic!] und als Kinderhymne bekannt gewordenen von Bertolt Brecht). Und kann in der Vertonung von beiden im Metrum der alten Kaiserhymne und des Deutschlandliedes gehaltenen Exemplaren als hintersinniger wie sinnstiftender Zitierer von Musik geoutet werden.
Nicht nur, dass er in der Klavierbegleitung zur zweiten Strophe der “Kinderhymne” (hier von ihm selbst gesungen) die Anfangstakte der offiziellen DDR-Nationalhymne anklingen und jeden Schelm sonstwas dabei denken lässt. Es sind vor allem eben diese ersten sieben (Er)Kennungstakte (nach dem ‘Vorspiel’) der Staatsmusik nicht erst von ihm erfunden. Er hat sie vorsätzlich oder aus dem Unterbewusstsein und zur historischen Stimmung der Entstehungszeit durchaus passend aus Beethovens Tonfolge von Clärchens Lied “Freudvoll und leidvoll” aus Goethens Egmont verwurstet. So denn dieses schnodderige Verb angesichts des pathetischen Gegenstandes überhaupt zulässig ist.
Falls einer nun glaubt, dass wir damit den eigentlichen Urheber für den takt-vollen Auftakt des Nichtmehrlandhymnus ausgemacht haben, so irrt sich der. Denn er wird wie wir aufhorchen, wenn er mal in den Anfang des Adagio ma non troppo aus dem von Meister Mozart höchstselbst komponierten Streichquintett g-moll, KV 516 hineinlauscht. —An weitere in dem Rundfunkbeitrag aufgeführte prominente Mehrfachverwender des augenscheinlich und verblüffend populären Sieben-bis-acht-Takte-Melodiemotivs (ich glaub, sogar Mendelssohn Bartholdy war dabei) kann ich mich nicht mehr recht entsinnen und spare mir dazu hier lieber halbgewalkte Weisheiten. Aber es verwurzelt sich der Verdacht, der Wolf könnte in seinem oben getrackten Volksliedbeitrag viel mehr, als man ahnt, ins Schwarze getroffen haben, dass es Melodien gibt, die auf Bäumen gewachsen scheinen, bis sie einer pflückt und erklingen lässt. Und wer es war, weiß dann keiner mehr so wirklich, denn es ist ja keiner dabei gewesen. (Sowas heißt dann Kryptomnesie, vergessene Erinnerung, in der sich der Pflücker für den Schöpfer selber hält.
)
Was das Verschwurbeln von Text und Musike angeht, so kann die benannte nationale Hymnusiana also locker mit dem wahren Volksliedgut mithalten. Und es wäre müßig, sich darüber zu wundern, dass vom Deutschlandlied bis zur Brechtschen Kinderhymne alle drei Texte sich in ihren zum Zelebrieren gebauten vierhebigen Trochäen mühelos auf jede der drei daraufgegeigten Melodien singen lassen. Ein einschlägiges Beispiel ist – nicht von ungefähr – dieses hier, die Ermunterung, nicht Anmut noch Mühe zu sparen auf Haydns wohlbekannte Tonfolgen:
(Denn einige unter uns, deren Gedächtnis weniger zum Vergessen neigt, können sich vielleicht sogar nicht nur daran erinnern, dass nach dem Wegplanieren einer Mauer selbige bröckchenweise nach Übersee verhökert wurde. Sondern auch noch an die bisweilen recht lebhaften Dispute und Verbesserungsvorschläge um einen dem Ereignis adäquaten Hymnus, von dem man zur Abwechslung auch mal a l l e Strophen singen könnte, ohne der Volksseele in irgendeinen Fettnapf oder dem Rest der Welt in die Seele selbst zu treten.)
Zu guter Letzt noch zwei Kuriosa in Sachen Kryptomnesie und Urheberrecht, das eine im heutigen Kontext mehr, das andere eher weniger lustig:
Kennt eigentlich einer aus der Generation Blogger noch Peter Kreuder? Nicht? Nun, auch das ist heutzutage keine Bildungslücke mehr. Deutsch-Ösi wie der Eisler auch, seinerzeit ein berühmter Unterhaltungs- und Schnulzenkomponist. Hat Filmmusiken geschrieben, u.a. die Zwischenmucke für den “Blauen Engel”, Musicals für Zarah Leander und Jopi Heesters. Liegt heute auf dem Ostfriedhof in München. Auch das Lied “Goodbye, Johnny”, ein schräger, überdies politisch nicht ganz lupenreiner Schlager, den zuerst Hans Albers in dem Dreißigerjahreschinken “Wasser für Canitoga” und seinen Solonummern und späterhin auch die Knef berühmt machten, stammt aus seiner Feder. Als Kreuder Jahrzehnte später auf einmal die Übereinstimmung der ersten Takte der DDR-Hymne mit seinem alten Hit feststellte, plante er eine Klage gegen Eislers Erben, um sich die Rechte und Tantiemen an der Nationalhymne zu sichern. Doch wie oben schon festgestellt, liegen die Urquellen der Melodei offenbar im Dunkeln der musikalischen Menschheitsgeschichte. Über den Ausgang der Sache schweigt des Chronisten Höflichkeit: kryptomnesisches Schöpfertum ist bekannt, von einem Urheberrechtsprozess gegen Eislers Erben hingegen nichts.
Das kleptomanisch-kleptomnesische Gegenstück: die amerikanische Medieninformatikerin und Berliner Hochschulprofessorin Ms. Debora Weber-Wulff stellte dem geschassten Dissertationsplagiaten von und zu Karl-Theodor die vorsichtig-umsichtige Pressediagnose aus, er könnte womöglich beim Doktor-Werden unter Kryptomnesie gelitten haben. Sagt da eine, deren zweite Profession die Aufdeckung fremden Federnschmucks in der Wissenschaft sein soll? Etwa gar noch mit einem versteckten Und-sie-wissen-nicht-was-sie-tun-Verweis auf das Wirken hoher Poltiker?
Booah, da bissu feddich mitte Welt, wa.
Danke, Wolf. Für ‘ne vergessene Erinnerung.
Videos: Lilli Lehmann: Clärchens Lied “Freudvoll und leidvoll” aus der Bühnenmusik zu Goethes “Egmont” von Ludwig van Beethoven. Aufnahme vom 29. Juni 1906, Berlin. Via youtube. “Anmut sparet nicht noch Mühe” von Bertolt Brecht auf J. Haydns Melodie des Deutschlandliedes, aufgeführt vom Gymnasium Neufeld im November 2009. Via youtube.
Bilder: Schwurbelbaum – Foto von layer, März 2009; via stern.view.de. Hans Albers -selbercollagiert aus Fotos via Hamburg-Radio.
E.(yn) Willig Hans Kohlhase
März 29, 2010 um 5:39 vormittags | Veröffentlicht in 2010, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Neulich nebenan, Real-Politisches, Uncategorized | 2 Kommentareoder: Robin Hood starb am Strausberger Platz
Gedanken im Kreisverkehr
Wer (wie ich) an einem wuseligen Montagmorgen in der Rush Hour seine obligatorische Dreiviertelrunde um den Kreisverkehr am Strausberger Platz bis zur Ausfahrt Lichtenberger Straße dreht, denkt an nichts Böses. Jedenfalls, solange er nicht im Stau auf seine vier Räder geflochten ist. Und nicht mal, wenn der frische Frühling schon in seinem jugendlichen Alter eine katastrophale Zahlungsmoral an den Tag legt und der Stadt den strahlenden Sonnenschein, um den er sie am Wochenende schnöde betrogen hat, erst jetzt nachreicht. Wurscht ist auch, dass schon jeder Fahrschulanfänger lernt: der Strausberger ist gar kein richtiger Kreisverkehr, keiner, wenns nach der StVO geht – ach, weiß der Geier, wie die seine erlauchte Vier- bis Sechsspurigkeit nennt.
Apropos Geier: die kommen ja – wenigstens in ihrer natürlichen Form und zumal in unseren nördlichen Breiten – in der Großstadt nicht vor. Und so waren es denn auch ihre aasfressenden Berufskollegen, die Raben, die an jenem Morgen über dem Platz kreisten, in Erwartung frischer Beute.
Denn just letzten Montag war Hinrichtungstag – vor 470 Jahren.
Vermutlich wird kaum ein Teilnehmer am Berliner Berufsverkehr sich noch erinnern, dass er jeden Tag in Eile und Richtung Broterwerb über eine Richtstatt pest. Die hieß einschlägig und einleuchtend Der Rabenstein und lag genau hier, mitten in der Einkaufsmeile. Naja, also seinerzeit noch nicht. Und am 22. März 1540, einem Montag, wurde hier nach kurfürstlichem Urteil und trotz Volkes Sympathie für den Delinquenten der Wegelagerer und Rebell Hans Kohlhase auf das Rad geflochten und qualvoll vom Leben zum Tode befördert. Nachdem er in seinem öffentlichen Prozess mit einer dreistündigen Rede unter offenem Beifall der Berliner kleinen Leute sein Recht und sein Tun verteidigt hatte. Nachdem er mit dem trutzigen Spruch ‘Gleiche Brüder, gleiche Kappen’ und hocherhobenen Hauptes die Gnade des Schwertes abgelehnt hatte.
Und bevor noch einer ins Grübeln kommt und ins Fragen: Hans Kohlhase? – war das nicht der…? Jaha, war er. Der Michael Kohlhaas vom Kleist nämlich, dem derselbige in künstlerischer Freiheit oder weil nicht zum Memoirenschreiber ermächtigt seinen Namen wie auch sein Leben in Teilen abgewandelt und damit Schülergenerationen den Deutschunterricht verleidet hat. Wofür man allerdings weder den Kohlhaas noch den Kleist verantwortlich machen mag.
Hans Kohlhase, der im Unterschied zum Kleistschen Kohlaas weniger mit wohlgenährten Rossen als mit gesalzenen Heringen, Honig und Speck fürs Armeleuteessen handelte, kannte seiner Käufer Nöte. Er war rechtmäßiger Bürger des damals noch randberliner Cölln und wohnte mit Weib und Kindern in Rechtschaffenheit auf der heutigen Berliner Fischerinsel. Das änderte sich schlagartig, als der dreiste Pferdeklau des sächsischen Junkers von Zaschwitz auf des Kohlhasen Weg zur Leipziger Messe sowie ein langer, erfolgloser Rechtsweg seine Existenz ruinierten. Da wehrte er sich seiner Haut und erklärte in einem offenen Fehdebrief dem feudalen Unrechtsstaat trotzig den Krieg. Der erst durch eine verräterische Falle des brandenburgischen Kurfürsten und auf dem Rabenstein sein Ende fand.
Sein Schicksal wurde durch die Zeiten von allen möglichen Mächten und Trächten zurechtinterpretiert, wie es selbigen ins Bild passte. Und wie es der Friedrichshainer Geschichtsverein, der sich den Namen Hans Kohlhase gab, knackig prägnant auf seiner Seite zusammenresümiert:
“Für die deutschen Faschisten verkörperte Kohlhaas “das der germanischen Rasse eigene, zähe und zugleich leidenschaftliche Ringen um Gerechtigkeit” (Paul von Klenau, 1933). Sein Gerechtigkeitssinn wurde in eine der Wurzeln des neuen nationalsozialistischen Weltbildes metaphysisch umfunktioniert.[...] Dies […] beförderte den chauvinistischen deutschen Heldenkult.
Die Kommunisten sahen keinen Anlass, Kohlhase ein Denkmal zu setzen, verfocht er doch nur “seine eigene Sache … in seinem übersteigerten individualistischen Vorgehen” (Deutsche Literaturgeschichte in einem Band, Ost-Berlin 1966, S. 302). Sein Gerechtigkeitssinn war willkommen, das Handeln auf eigene Faust dagegen suspekt.
In der Friedrichshainer Einwohnerschaft hat sich dagegen im 20. Jahrhundert trotz der von allen Seiten vorgegebenen ideologischen Denkmuster eine eigenständige Überlieferung von Kohlhase als einem einfachen Manne aus dem Volke, der die Solidarität und den Zusammenhalt der kleinen Leute verkörperte, ohne Überhöhungen erhalten. Dem kam auch eine publizistische Würdigung von Kurt Neheimer (Der Mann der Michael Kohlhaas wurde) 1979 recht nahe.
Neuere rechtshistorische Studien der den Kapitalismus bejahenden Elitenwissenschaft versuchten um 2000 erneut, Hans Kohlhase als einen verbitterten Einzelgänger, Prozesshansel mit übersteigerter Rechthaberei ohne sozialen Anspruch, Einfluss und Motiv hinzustellen. Kohlhase wird aus den solidarisch-menschlichen Zusammenhängen seiner letzten acht Lebensjahre im Widerstand, die ihn erst so bekannt machten und prägten, herausgelöst. In zynischer Herabwürdigung kommentierte der “Förderverein Karl-Marx-Allee e.V.” 2005 die grausame Ermordung Hans Kohlhases durch den Staat mit den Worten ‘Wir nehmen es gelassen und schlendern weiter.’”

Er war ein später Bauernkrieger, der Kohlhase. Zu seinen Anhänger und Helfern zählten Handwerker, Gastwirte, Gesellen, Tagelöhner, Bauern, Knechte, Müller, Händler, Pfarrer, Amtleute, Richter und selbst niedere Adlige. Er war sowas wie der Robin Hood von Brandenburg, der den gestohlenen Reichtum der Wohlhabenden den Armen zurückgab. Und gegen staatliche Willkür aufzustehen wagte.
*
Kreisende Raben sind über dem Strausberger Platz schon lange nicht mehr gesichtet worden. Und wer in den kreisenden Zwei- und Viertaktern unten denkt heute schon noch an den Kohlhasen. Allerdings hat schon der Kleist versichert, dass von dem frohe und rüstige Nachkommen gelebt haben. Und vielleicht ist es ja einer von denen, der grüßend die Hand hebt, wenn du ihn morgens an der Straßenbaustelle wider die Winterschlaglöcher vor dir In deine Spur einfädeln lässt…
***
Ach ja, und die Kohlhasen von heute können gern noch bis heute Abend wider Willkür und Datenschlaglöcher aufstehen – hier gehts gegen ELENA, und zwar pronto und mit Recht. Na ist doch öde, sich immer nur im Kreis herum fahren zu lassen, oder?
Gespenster am Gendarmenmarkt
Februar 7, 2010 um 10:08 nachmittags | Veröffentlicht in Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Kultur, MarktLückenbauten, Märchenhexe, Neulich nebenan, Real-Poetisches, Spinnweben, Traumzaubern, Uncategorized, Wetter-Hexe | 2 KommentareSchlagwörter: Berlin, Dichter, E.T.A. Hoffmann, Gendarmenmarkt, Geschichte, Kultur, Literatur, Lutter & Wegner, Werbung
Hoffmanns Katers Erzählungen
oder: Ansichten eines Schnurrbarts über Alkoholwerbung mit zwei Backenbärten
“Jeder, der mit einiger Phantasie begabt, soll, wie es
in irgendeinem lebensklugheitsschweren Buch
geschrieben steht, an einer Verrücktheit leiden,
die immer steigt und schwindet, wie Flut und Ebbe.”
(E. T. A. Hoffmann)
Irgendwann letzte Woche. Feierabend. U2 Richtung Pankow.
Ich habe gerade eben am Hausvogteiplatz meinen exklusiven Sitzplatz im unterirdischen Heimwärtsberufsverkehr aufgegeben, fluchtartig. Eigentlich wollte ich erst vier Bahnhöfe später umsteigen. Während die volle Bahn samt dem Mitfahr-Überfall einer Band(e) Möchtegernfolker und ihrem kreisenden Coffee-to-go-Sammelbecher in den Tunnel rauscht, rette ich mich nach oben. Nichts gegen Straßenmusik und der Banjospieler war ja auch noch ganz okay. Doch den Tinnitus von den oberschiefen Tönen des grölenden Saxophons auch nur eine Station länger zu ertragen, sträubte sich mein sonst recht empfängliches Gehör entschieden. Vier Stümper sind halt noch lange nicht 17 Hippies.
Die Treppe in die Oberwelt endet gefühlt irgendwo direkt am Nordpol und das Aufatmen füllt die Lunge mit ungefähr einer Million Eiskristalle. Der Wind beißt sich schmerzhaft im Gesicht fest – es ist sibirisch kalt. Andere Nordpolbewohner, die mir begegnen, hasten einer Wärme zu, die hoffentlich irgendwo auf sie wartet. Und meine Stiefelspitzen krabbeln unschlüssig in den Schnee. – Was jetzt? Und wohin? Wo ich doch hier eigentlich gar nicht sein wollte.
Die Stiefelspitzen wollen nach links. Und überhaupt endlich los, bevor die Zehen in ihnen festfrieren. Na gut, drehen wir halt eine Runde um den Gendarmenmarkt. Der ist auch im Winter schön und gerade gut genug, die frisch ramponierte Ästhetik zu therapieren.
Die Tage im Januar sind noch kurz und es wird schon dunkel. Die deutsch-französischen Dom-Brüder haben sich weiße Wollmützen auf die Kuppeln gestülpt. Hübsch und romantisch sieht es aus…
…und die vorbei knarrenden Pferdefuhrwerke auch und die Droschken mit den warmen Pelzdecken und den livrierten Kutschern, die im Schein der flackernden Gaslaternen mit dicken Fäustlingen um die Zügel auf ihrem Bock schlottern. Das findet wohl auch der Kerl mit dem Backenbart, der an seinem blankgescheuerten Holztisch im Lutter & Wegner durch die Scheiben starrt und der einsam vorbeischlendernden Spaziergängerin kurz zuzwinkert. Bevor er sich dem kratzfüßelnden Servicepersonal zuwendet, wild entschlossen, in erlesener Runde den von seiner jüngstverflossenen Geburtstagszecherey überkommenen Kater zu ersäufen:
Herr Wirt, fünf Gläser auf den Tisch!
Was gafft Er da so dumm?
Die Kerls, zu deren Wohl ich trink’,
Schlepp ich in mir herum.
Den ersten Kelch leer’ ich auf Ernst,
Das ist der Literat,
Der Kater Murr und Meister Floh
Aufs Blatt geschustert hat.
Das zweite Glas auf Theodor,
Den alten Widerling,
Beamter, der in Preußens Muff
Fast vor die Hunde ging.
He, Amadeus, hältst du mit?
Der dritte Schluck ist dein!
Dem Musikus ein Lebehoch,
Er will gebauchplinst sein.
Der vierte Krug dem Maler gilt,
Den auch ich in mir trag,
Wenngleich er keinen Namen führt.
Doch! – Alle, die ich sag.
Das fünfte Glas auf Hoffmann, ex!
Das ist der bleiche Geist,
In dessen Brust die Bande tobt.
(Und ihn in Stücke reißt.) [1]
Sagte ich Kater? Wo kommt nur auf einmal dieser gestiefelte Miez her, der im Schnee um mich herum schleicht? Den kenne ich doch! Der wohnt seit Jahr und Tag im dritten Band meiner schmucken endsechziger Aufbau-Ausgabe. Gerade als ich weitergehen will, zieht er höflich und überaus possierlich seinen Hut. Nur, um mich dann aufdringlich anzuquatschen und ungefragt mit schnurrigem Boulevardklatsch zuzutexten. Dass der Meister nämlich sogleich noch seinen Intimus, den Herrn Hofschauspieler Devrient erwarte – zum gemeinsamen Modellbechern für das Logo einer dereinst berühmt werdenden Getränkemarke. Schließlich habe der erlauchte Hofmime selber für die Nachwelt den Namen des hauseigenen Kultgesöffs erfunden. Zwar im theatralischen Überschwang des Auftritts nach dem Auftritt in der Lieblingskneipe und mehr so aus Versehen als bühnenreifes Falstaff-Bonmot auf eine andere Hochprozentigkeit. (“Bring er mir Sack, Schurke!”) Aber wer früge späterhin schon noch nach dergleichen. “Der Saeck oder Sect ward ein Berliner Szenewort. Und der Schaumweinschlürfer des 21. Jahrhunderts wird nach Anekdoten lechzen und Originalschauplätzen, wenn er auf seiner lehrreich angeheizten Stadtbeschau in den allerspätestens seit ‘Hoffmanns Erzählungen’ einschlägigen Lutter & Wegnerschen Weinkeller einfällt. Murrrrrr, glaube sie mir das, Mademoiselle.”
Moooment mal! Wofür hält der mich? Etwa für ‘ne Touri-Schnepfe aus Posemuckel im Hinterwald? So tiefgefroren und winterschläfrig können meine kleinen grauen Zellen gar nicht sein, um nicht hellwach aufzuflattern und Alarm zu schlagen, dass an der Geschichte was nicht stimmt.
Wahr ist wohl, dass die zwei, den Berlinern ihr ‘Gespenster-Hoffmann’ und der ebenbürtig abgründige Genius Devrient, sich in selbiger Weinschänke gesucht und gefunden haben. “Beide waren Meister darin, das Unerträgliche in die erträgliche Leichtigkeit des imaginativen Spiels zu verwandeln. Keine Tragik ohne Ironie. Die… schütteten sich ihr Herz aus, aber immer blieb ein Rest Spiel und Schauspielerei dabei…. Da sitzen die beiden Absturzgefährdeten und Genies des Leichtnehmens und des Leichtsinns bei ‘Lutter & Wegner’ und spielen in der Verwandlungswelt der Imagination, werfen sich die Bälle ihrer Einfälle zu, mischen Ernst und Spiel, imitieren die Leute und sich selbst, machen sich Geständnisse, geben Trost, führen ihre Nachtgespenster vor. In den Nächten mit Devrient hatten Hoffmanns Erzählungen Premiere…” [2]
Und es gibt kaum einen Grund zu zweifeln, dass der große Bühnengaukler den Tod des Freundes nie verwunden hat. Dass er mit der Flasche in der Hand oft genug Selbstgespräche an dessen Grab geführt und seine zehn Überlebensjahre lang die Trauer in Vin Mousseux ertränkt hat. Allerdings starb Hoffmann bekanntermaßen bereits 1822, hat also des Anderen Wortkreation für den Lieblings-Absacker nie vernommen. Denn die überlieferte Episode mit dem Devrientschen Shakespeare-Zitat datiert erst aus dem Jahre 1825 und der erste deutsche Schaumwein gar erst aus dem Jahr danach. So illustriert die vereinte Becherei auf dem Etikett des L-und-W-Schampus mitnichten, warum der Flascheninhalt so heißt, wie er heißt. Wer allerdings wöllte dem Laden das legitime Zurechtdesignen seiner berühmtesten Stammgäste zu Urhebern und Werbezwecken verdenken.
Nun, und was die Flunkerei um den Originalschauplatz angeht…
Den Weinkeller hätte man Euch ja noch verziehen, Katerchen. Den gabs zwar auch erst seit 1835, aber immerhin bereits zu Lebzeiten des alten Offenbach, Veroperer von ‘Hoffmanns Erzählungen’. Außerdem hockte und komponierte der in Paris rum. Doch dass der Hoffmann ursprünglich zwei Ecken weiter in seine Stammlokalität einkehrte, selbige nach einem Bombenvolltreffer des letzten heimgekehrten Krieges nicht mehr zu retten war und danach mitsamt ihrem einstigen Glanz auf Jahrzehnte verschwand, solltet Ihr den anreisenden Gespenstersuchern dann doch nicht umzudichten suchen. Wozu auch? Sein Geist ist sowieso herinnen, denn an ihrem heutigen Platz hat er gewohnt.
Eiei, Eure Schnurrhaarigkeit, da müsst ihr schon früher aufstehn und euch putzen, bevor ihr einer halbwegs hoffmannbibelfesten Schonlangberlinerin E.T.A.s neues Leben verkaufen könnt.
“Mit Verlaub, mein Bester”, hebe ich, an diesem Punkt meiner frierenden Grübeleien angekommen, streitsüchtig an… doch er ist verschwunden und mit ihm auch der backenbärtige Zecher hinter der Scheibe. Und die Droschken und die Kutscher. Ein Passant schaut mich ob meines Gebrabbels grinsend von oben bis unten an. Verdammt, das muss die Kälte sein. Hastig und mit hochrotem Gesicht suche ich in Richtung U-Bahnhof das Weite.
Und bin froh, dass ich ihn nicht noch gefragt habe, wer so früh am Abend im Schauspielhaus die Barcarole spielt. Die ich deutlich bis hierher höre. Oder…?
***
Ätsch! Das hier ist sie nicht. Nö, ich brauche jetzt was zum Gespenster verjagen
:
Quellen: Text: [1] Reinhard Griebner: E. T. A. Hoffmann hält Einkehr bei Lutter & Wegner. [2] Rüdiger Safranski: Über E.T.A. Hoffmann und Jacques Offenbach. In: E.T.A. Hoffmann. Jahrbuch, Bd. 8, S. 70. Erich Schmidt Verlag (ESV), 2000. Bilder: Der Gendarmenmarkt (Berlin). 1857. Von Eduard Gärtner, 1801-1877. Der Dichter E.T.A. Hoffmann (links) und der Schauspieler Ludwig Devrient 1815 im Weinkeller von Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt in Berlin. Gemälde von K. Themann, gemeinfrei. Berlin, Weinstuben Lutter & Wegner 1947 – Bundesarchiv Bild 183-N0415-354, via Wikipedia. Lutter & Wegner bei Nacht, heute – Fotos-Berlin24.de. Video: 17 Hippies: Frau von ungefähr. Berlin 2008, live – via youtube.
Vor dem Mast und unter Segeln
April 2, 2009 um 12:05 vormittags | Veröffentlicht in Bücherhexe, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Blogroll, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Werbehexe | 4 KommentareSchlagwörter: Alter Fritz, Bücher, Büchermenschen, Bloggen, Freunde, Herman Melville, Irland, Kartoffelgeschichte, Kultur, Literatur, Literaturprojekt, Moby-Dick
Kartoffel-Content und ein bisschen SchleichWerbetrommeln in eigener Sache für einen großen alten Wal
enn ich hier nix blogge, heißt das nicht i m m e r, dass ich überhaupt nix blogge. Manchmal blogg ich dann ja doch was – woanders. Und eine Handvoll treuer Plattenbaustammtischleser weiß es vielleicht: dass die Hex’ auch noch eine
Wa(h)lheimat hat bei WordPressens. Auf einer Art Fliegendem Holländer namens “Pequod”, hoch in den Wanten und auf schwankenden Planken. Auf denen sie gemeinsam mit ein paar gar nicht so ungehobelten Kerlen, virtuellen Seebären mit Herz und Seele, M+M (Moby Dick + Melville) und allerhand anderem maritimem und literarisch-musi(kali)schem Zeug über alle Meere hinterherjagt.
Ihr jüngster Fang, vor einer halben Handvoll Tage mit emsigen Fingern im SchleppInternetz aufgebracht und zurechtgetippt, war nun zwar kein Wal, vielmehr… öhm… Kartoffeln. Doch lassen sich die hier ganz gut verhökern. Wurde doch nicht nur hart am Wind vor der irischen Küste und zu Lande auf der Grünen Insel gefischt, sondern auch in preußischer Historie. Und wenn das nicht genauso gut ins Berliner Hexenbloghaus passt, soll mich auf der Stelle der Klabautermann holen.
Wohlan also, Freunde der Kartoffel, der Seefahrt und nerdigen Bildungs(lücken)bloggens! Wen zum Beispiel interessiert, was der Alte Fritz ausnahmsweise mal auf dem Sektor ziviler Wohltaten statt militärischen Drills gerissen hat oder in einem tragischen Kapitel aus der Geschichte der Iren und ihren westwärts segelnden Coffin Ships zu suchen hat, der lese Hexens
nebenan Gebloggtes.
Wer an unserm ganzen Schiff mal längsseits gehen mag und keine Angst vor hohem Wellengang hat – bitte hier lang schwimmen. Den Käpt’n und die Mannschaft täts freuen.
Nebenbei und vorab sei schon mal verraten, dass hier für irgendwann demnächst eine Extra-Seite mit Empfehlungslinks zu Lesens-, Hörens- und Sehenswertem ausm Moby-Dick-Blog geplant ist. -
Weil ich eben dort a u c h ein Zuhause hab.
Weil die Mannschaft tipp-topp ist. (Hallo Jungs!
)
Weil sie mit Hingabe schreibt, es kann und es verdient hat.
Weil Herman Melville und die Weltliteratur es auch verdient haben.
Weil ein fetter Fisch kein dicker Wal, ein dicker Wal noch lange nicht
Moby Dick und Moby-Dick zwar Weltwal, doch niemals ein Babel Fish ist.
Weil Seefahrerromantik die Mutter aller Piratenfilme, aller Fern- und Sehnsucht
und die große schöne Schwester jeder noch so naseweisen Plattenbauromantik bleibt.
Worauf wartet ihr? Husch, Segel setzen und mit schäumender Bugwelle ab in den Frühling! Und dann vielleicht zu ‘nem gepflegten kleinen Gam bei der Pequod vorbeischippern? ![]()
Gerne auch öfter.
Eure Hochseehex’
Song: Richard Thompson: Mingulay Boat Song, Aus: Rogues Gallery: Pirate Ballads, Sea Songs, and Chanteys, ANTI- 2006. – Video von wolfgpunkt auf youtube. Und natürlich hier aufm Schiff.
“…with a bullet in her back”
Februar 5, 2009 um 11:47 nachmittags | Veröffentlicht in BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexengeschichten, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Träller-Hexe | 4 KommentareSchlagwörter: Film, Geschichte, Kultur, Menschen, Musik, USA, Wilder Westen
“Shed not for her the bitter tear
Nor give the heart to vain regret
Tis but the casket that lies here
The gem that filled it sparkles yet.”
[Epitaph auf dem Grabstein von Belle Starr,
geschrieben von ihrer Tochter Rosie Lee ('Pearl')]
Manche Geschichten schreibt man nur für einen Satz.
Oder für einen Song. Für eine Melodie und die Stimme darin…
Heute vor 161 Jahren wurde Belle Starr geboren. Gestorben ist sie, die Bandit Queen des Wilden Westens, fast auf den Tag genau einundvierzig Jahre später, am 3. Februar 1889, mit zwei Ladungen Schrot von ihrem Pferd geschossen. Ihr Mörder wurde nie gefasst.
Ob es die Rebellion der Jugend gegen häusliches Spießertum, der falsche Umgang oder eine Verkettung der Umstände waren, die der Tochter aus etwas heruntergekommenem guten Hause eine Karriere als Räuberbraut bescherten – wer vermag das heute schon noch zu sagen? Die Chronologie ihres Lebens, vor allem die ihrer durchgängig kriminellen Liebhaber und Ehemänner, ist stellenweise ohnehin etwas widersprüchlich und mysteriös.
Verbürgt ist jedenfalls, dass sie in Carthage im Jasper County, Missouri, unter dem Namen Myra Maybelle Shirley als Kind eines Kneipjes und Hotelbesitzers das Licht der Welt erblickte, der nebenan auch noch einen Stall und eine Hufschmiede sein Eigen nannte. Was sie an Lebensnotwendigem für den Alten Westen nicht an der ansässigen Höhere-Töchter-Schule beigebogen bekam, das Reiten und Schießen nämlich, übernahm ihr großer Bruder John Allison, genannt Bud.
Der an- und ausbrechende Bürgerkrieg sah die Familie auf seiten der Südstaatler, wo der umsichtige große Bruder als Mitglied einer Guerilla-Bande im hoffnugsvollen Alter von nur 22 Jahren als erster eines unnatürlichen Todes starb. Der Rest der Sippe wurde in den Kriegswirren nach Texas verschlagen und Farmbesitzer. Selbige Farm war auch der Ort, an dem das Schicksal seinen Lauf zu nehmen begann. Denn genau dort suchte der Bandit Jim Reed Unterschlupf, in den die achtzehnjährige Belle sich umgehend verknallte und der ihr erster Ehemann und Vater ihrer Tochter Rosie Lee werden sollte. Die sie selbst zärtlich Pearl nannte. Die ‘Perle’ sollte späterhin Karriere als Prostituierte machen und, vom Namen ihrer Mutter zehrend, eine angesehene Bordellbesitzerin werden.
Derweilen zog sich Belles sauberer Gatte einen Indianerfreund an Land: Tom Starr, seines Zeichens Waffen- und Whiskey-Schmuggler, öh ja… und Wiederholungskiller. Es kam, wie’s kommen musste: der neue Kumpel eiferte diesem in allem nach, auch im Morden, bekam seinen eigenen Steckbrief und setzte sich samt Weib und Kind 1869 nach Kalifornien ab. Im Sammeln von einschlägigen Kumpanen und Dreck am Stecken war er groß, der Jimmy. So blieb es bei hastigen Umzügen. Einer seiner neuen Freunde wurde beiläufig „Cole“ Younger, dessen Tante die stolze Mutter der Dalton-Brüder war. Als sich zu den Freunden ihres Angetrauten auch noch eine FreundIN gesellte, zog Belle zu ihren Eltern zurück.
Nach einem Postkutschenüberfall wurde auf Jimmy ein Kopfgeld ausgesetzt, woraufhin ihm ein guter Bekannter seinen wertvoll gewordenen Kopf wegpustete. Belle tröstete sich ein Weilchen mit einem aus der vielköpfigen Younger-Sippe und heiratete schließlich den Indianerfreund Sam Starr. Von nun an trug sie den Namen BELLE STARR, unter dem sie in die Geschichte des Wilden Westens einging. Allerdings sollte die neue Errungenschaft nicht ihr letzter Kerl und Ehemann bleiben, zumal er 1886 bei einem unentschieden ausgehenden Duell in einem Saloon das Zeitliche segnete. Wenigstens verdankte sie ihm noch ihren ersten Knastaufenthalt wegen Pferdediebstahls.
Nach wechselnden Liebschaften mit schweren Jungs gab es kurz nach Sams Tod nochmal ein indianisches Ehegesponst. Die Verbindung blieb in der Familie, denn das 26jährige Jüngelchen mit ebenfalls bereits beachtlicher krimineller Karriere, das bis zum unfreiwilligen Ableben der Vierzigjährigen mit ihr Tisch und Bett teilen durfte, war der Adoptivsohn ihres unlängst Verblichenen.
Belle Starr wurde nahe ihrer eigenen Behausung, dem Outlaw-Schlupfwinkel „Younger’s Bend“ in Oklahoma, in dem sie gar den berüchtigten Jesse James sieben Monate lang beherbergt hatte, begraben.
Nicht erst seit heute macht man aus solchen Leben einen spannenden Western oder einen Lucky-Luke-Comic. Beides ist geschehen. Die Western-Schnipsel des 1941er Streifens von Irwing Cummings , sen., bevölkern youtube. Und die Originalnummer 64 (deutsch: 69) der Lucky Luke-Serie haben die Herren Morris und Fauche der Räuberbraut-Legende Belle Starr gewidmet.
Dazu passen tät’ jetzt natürlich The Ballad of herself, getextet oder geträllert. Doch das Vorhaben war ein anderes. Eins, das bis auf den Namen „Jimmy“ nicht mal die Landschaft mit Belle Starrs Gefilden gemein hat. Dafür ist es ein wunderschönes und sehr eigenes Stückerl Musik. Und Video auch. „Moriarty“- eine Handvoll Prärie für mich. Seufzzz… Und für euch.
„Where the grass is green and the buffaloes roam…. “ – Enjoy!
Manche Geschichten schreibe ich nur für einen Satz. Oder einen Song… eine Melodie…
Bilder: Belle Starr. Porträt – via. Belle Starr hoch zu Ross – via. Belle & Sam – via. Lucky Luke. Belle Star – via amazon.
Song: Moriarty: Jimmy. Aus: Gee Whiz But This Is a Lonesome Town.. Via Dailymotion
“You can feel the beat within my heart…”
Januar 18, 2009 um 8:27 nachmittags | Veröffentlicht in 2009, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Träller-Hexe | 2 KommentareSchlagwörter: Erinnern, Jubiläum, Kultur, Led Zeppelin, Music, Musiklegenden
Ein bleiernes Luftschiff auf Jugfernfahrt
“The Band will go over like a lead zeppelin.”
(Zugeschrieben Keith Moon, Schlagzeuger von The Who.)
Im Winter 1968/69 tingelte ein Quartett bunter Vögel von der Insel, die aus verschiedenen Nestern gefallen waren, rockend durch seine erste US-Tournee – als Vorband und Hilfsbutler zum Anheizen der Fans von Alice Cooper, Vanilla Fudge, Iron Butterfly und Country Joe and the Fish. Wenige Wochen zuvor noch unter dem halbgeborgten Namen The New Yardbirds unterwegs, stiegen sie mit ihrem neu erkorenen voll auf die Lästereien frozzelnder Berufskollegen ein und allen Unkenrufen zum Trotz auch mit Power zum ersten Mal auf. Als ‘bleiernes Luftschiff‘ – LEAD LED ZEPPELIN.
Noch während der Tournee nahmen sie, von Atlantic Records unter Vertrag genommen, in nur 30 Stunden Studioarbeit ihr Debütalbum auf. Es kam – mit dem Cover-Bild des brennenden Luftschiffs “Hindenburg” – fast auf den Tag genau vor 40 Jahren, am 12. Januar 1969, auf den Markt. Und sollte, so uneins, dazed and confused* die Kritiken bei seinem Erscheinen waren, dereinst als Revolution des Hard Rock und Heavy Metal gefeiert werden.
In den Songs des Erstlings von Robert Plant (stimmgewaltiger Gesang, Mundharmonika)), Jimmy Page (E-Gitarren-Feuerwerk, Theremin, Mandoline), John Paul Jones (Bass, Keybord, Gitarre, Orgel, Mellotron) und John Bonham (Schlagzeug, Perkussion) vereinten sich Elemente des Blues, Folk und harten Rock zum unverwechselbaren Led-Zeppelin-Sound, der mit der Naturgewalt eines Erdbebens über die Konzertbühnen und in die Herzen der Fans donnerte.
Die Aufnahmekosten des Albums beliefen sich seinerzeit auf läppische 1800 Pfund; eingespielt hat es an die 3,5 Millionen – wenn das kein ordentliches Aufwand-Nutzen-Verhältnis ist!
Bereits ihr zweites Album “Led Zeppelin II”, das endlich auch bei den zögerlichen Deutschen den Durchbruch brachte, schoß – von wegen bleiern! – mit Raketentempo auf Platz eins der US-Charts und verdrängte gar das Abbey Road der Beatles. Der Siegeszug des Luftschiffs war nicht mehr aufzuhalten.
In mir steigen, während ich das niedertippsele, Erinnerungen an meine Teenie-Discos voller Led Zeppelin hoch – lang, lang ists her -, in denen die DJs zu DDR-Zeiten noch ihr ganzes Trick-Register ziehen mussten, um die Befindlichkeiten des Publikums mit dem streng vorgeschriebenen Verhältnis von Ost- und Westmucke in Einklang zu bringen. Die Band selbst, die man heute mit Fug und Recht zu einer der erfolgreichsten in der Rockgeschichte zählen darf, hat sich inzwischen längst auch nachfolgenden Fan-Generationen ins Herz gespielt.
*
Nach dem Tod ihres Schlagzeugers John Bonham erklärten Led Zeppelin am 4. Dezember 1980 ihre Auflösung. Und 1982 erschien ihr neuntes und letztes Album “Coda”, eine Studio-Produktion mit bisher nicht veröffentlichten Live- und Studio-Einspielungen aus der Zeit von 1969 bis 1978. Am 12. Januar 1995, auf den Tag genau 26 Jahre nach Erscheinen ihres ersten Albums, gingen sie in die Rock and Roll Hall of Fame ein und sammelten 10 Jahre später auch noch den Grammy Award fürs Lebenswerk auf.
Und 2007 endlich gab es ein Live-Comeback der Band in der O2-Arena in London. Mehr als 20 Millionen Fans hatten sich für die 20 000 Tickets registrieren lassen, die über eine Auslosung vergeben wurden.
In der TAZ erschien damals aus diesem Anlass ein Artikel unter dem Titel “Mutterschiff des Sexismus”, und ich hab beim Lesen der Kommentare an den ‘bleiernen’ Verfasser herzlich gelacht und mich himmlisch amüsiert. Wollt ihr auch? – Büüddeschön!
Den verstorbenen Schlagzeuger John Bonham ersetzte bei diesem Konzert sein Sohn Jason Bonham. Was uns – wie weiterer hoffnungsvoller Nachwuchs (s. u.) die Hoffnung erhält, dass uns der Sound von Led Zeppelin auch fürderhin nicht ausstirbt und im Vergessen versinkt.
* Titel eines Led-Zeppelin-Songs auf dem Debüt Album “Led Zeppelin”
Bild: Led Zeppelin beim Live-Comback 2007, London. Via.
Videos – via youtube.
Dankeschön: an Wolf – für die ‘Eingebung’.
Maxie, du Schöne
Januar 4, 2009 um 11:25 nachmittags | Veröffentlicht in Bücherhexe, Berlin, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 5 KommentareSchlagwörter: Bücher, DDR-Literatur, Erinnern, Literatur, Maxie Wander, Menschen
Das wirkliche Leben, sagt mir eine Stimme, das ist jetzt und jetzt,
nimm es in Empfang, wie es sich darbietet, auch mit Schmerzen,
mit Angst und gleichzeitig mit allen Entzückungen,
die man sich nur denken kann!
Maxie Wander
Guten Morgen, du Schöne!
Für einen Blick von dir
sind tausend Dinar wenig.
Für deine Brust
werde ich zehn Jahre zu Fuß gehn.
Für deine Lippen
werde ich die Sprache vergessen.
Für deine Schenkel
gebe ich mich zum Sklaven.Guten Morgen, du Schöne!
Steig auf den Apfelschimmel und reite Galopp
Ich warte auf dich im Wald.
Mit einem Zelt ungeborener Kinder.
Mit Nachtigallen und einer Hyazinthe.
Mit einem Bett aus meinem Leib.
Mit einem Kissen aus meiner Schulter.Guten Morgen, du Schöne!
Kommst du nicht,
zieh ich das Messer aus dem Brot,
wische die Krumen vom Messer
und treffe dich mitten ins Herz.Altes Zigeunerlied
Guten Morgen, du Schöne heißt das Buch, 1977 im DDR-Verlag Der Morgen erschienen, das ihr am meisten beachtetes werden sollte und dessen erste Seite der Text dieses alten Liedes ziert. Der Erfolg ihres Werkes war ihr in seinen Anfängen noch beschieden; wenige Monate später starb Maxie Wander mit nur 44 Jahren an Krebs.
*
Die enthaltenen 19 Protokolle nach Tonband, die keine sind, denn sie hat sie mit der sensiblen Hand der Künstlerin und ohne ihre Authentizität zu zerstören, zu beeindruckenden literarischen Porträts verdichtet, erzählen die Geschichten von 19 Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft im DDR-Alltag. Die jüngste(n) sechzehn, die älteste 92 Jahre alt, öffnen sie sich der feinfühligen Interviewerin Maxie Wander mit einer anrührenden und bedingungslosen Ehrlichkeit, stellen ungeschönt ihr eigenes Leben in Frage, lassen die andere vertrauensvoll teilhaben an der Suche nach sich selbst und ihren Ansprüchen an dieses Leben.
Die Schriftstellerin Christa Wolf, Maxies Freundin, hat ein Vorwort zu “Guten Morgen, du Schöne” geschrieben, hat es ‘Berührung’ genannt und damit genau das gesagt, was das Buch atmet. Wie gut sie sie kannte und was die Besonderheit der Autorin ausmacht, die sie selbst in den Text einbringt, spricht aus den Zeilen:
“Nur scheinbar fehlt diesen neunzehn Protokollen das zwanzigste, die Selbstauskunft der Autorin; aber sie ist ja anwesend, und keineswegs bloß passiv, aufnehmend, vermittelnd. Sie hat sich nicht herausgehalten, nicht nur intime Mitteilungen hervorgelockt (“intim” im [...] Sinn von “vertraut, eng befreundet, innig”), indem sie persönlich, direkt, kühn zu fragen verstand: Wenn wir das, was sie im Gespräch von sich selbst preisgab, zu einem Band zusammenfügen könnten, hätten wir jenes vermisste zwanzigste Protokoll. Ihr Talent war es, rückhaltlos freundschaftliche Beziehungen zwischen Menschen herzustellen, ihre Begabung, andere erleben zu lassen, dass sie nicht dazu verurteilt sind, lebenslänglich stumm zu bleiben.”
Christa Wolf: Vorwort zu Maxie Wander: Guten Morgen, du Schöne. Buchverlag Der Morgen. 6. Auflge von 1984, Seite 9 f.
Ich habe das Buch eine Zeitlang sehr oft gelesen, so oft, dass ich manches der Mädels mit seiner Geschichte damals beinah w i r k l i c h zu kennen meinte. Ruth vielleicht, mit ihrem kleinen verwilderten Sohn, die als Bedienung arbeitet, in ihren Männergeschichten keine Erfüllung findet, auf ein Wunder wartet und die Nächte liebt:
“…Immer… immer glaub ich noch, no ja, an die Wahrheit, an irgendwas, was noch kommen muss. Das kann doch nicht alles gewesen sein! Diese Leute im Café, und vormittags schlafen, und diese Wochenenden, allein mit dem Kind. Die Nächte sind mir am liebsten. Es ist keine Ordnung da, in die man sich pressen muss…”
Ebenda, Seite 69
Oder die Bibliothekarin Angela, 21, die sich von all und Jedem gegängelt fühlt, wie sie ihr Leben leben soll:
“…Ich will selber entdecken, was für mich gut ist. Bloß, sobald ich mich anders verhalte, als man von mir erwartet, nennt man mich einen Außenseiter… Ich habe es satt, mich immer rechtfertigen zu müssen, dass man nicht so ist, wie man sein müsste… Ich weiß überhaupt nichts von mir. So gut finde ich mich gar nicht, wie ich vorhin gesagt habe. Ist doch nicht wahr… Ich w i l l gut sein. Ich will andern beweisen, dass ich gar nicht so eine Niete bin”,
Ebenda, Seite 100 f.
die taffe Rosi, die ihren Mann im Griff und im Herzen hat und mit anderen Kerlen schläft, oder die Schulmädchen und ungleichen Schwestern Petra und Susanne, die die Welt und die Liebe entdecken, Urgroßmutter Julia, die dasselbe tut und noch jedes Jahr zu Goethes Geburtstag nach Weimar fährt… und wie sie alle heißen.
Es war schon ein seltsames Gefühl, als ich das Bändchen jetzt wieder mal zur Hand genommen habe – denn so ein gutes Stück eigenes Leben dazwischen verändert dir ganz schön den Blick. Dennoch glaube ich, dass vieles in diesen anderen aufgeschriebenen Leben viel lang- und zählebiger ist, als Hinz und Kunz und sogar wir selber uns weiszumachen suchen. Dass so Manches von den Sehnsüchten und Fragen darin viel zu allgemeinmenschlich, immerwährend und berührend ist, als dass es mit einem Nichtmehrland aufhörte und seine Faszination verlöre.
*
Weiß der Himmel, wie es die sonnige Wienerin seinerzeit mitsamt ihrem Schriftstellergatten in dieses randberliner und grenzlandige Kleinmachnow verschlagen hat, dessen eigenwilliger Status es einer unangepassten Seele wie ihrer wohl auch nicht gerade leichter machte, mit dem eigenen Leben, den Brüchen und Selbstzweifeln darin klarzukommen. Gar nicht zu reden von privaten Tragödien, wie dem frühen Unfalltod ihrer Tochter, oder vom Gefühl der Heimatlosigkeit. Doch sie war auf dem Weg, sie wollte schreiben und hatte – spät – ihr Thema gefunden: “…die kleinen, zu kurz gekommenen, zugegeben, ein wenig spleenigen Leute. Warum darf man darüber nicht schreiben? Müssen es immer Kraftmeier mit der Schippe in der Hand sein? … Es gibt diese Leute, und ich hab sie alle gern. Es ist mein Leben!”
Geplant hatte sie schon Tonbandgeschichten von Männern und Kindergeschichten – zu denen ist sie nicht mehr gekommen…
Dass sie für mich irgendwie nicht altert, mag an ihren Tagebüchern und Briefen liegen, die mir lieb und teuer sind und in denen ihr unverwüstliches Wesen so lebendig überdauert.
Gestern wäre Maxies Geburtstag gewesen, der sechsundsiebzigste. Und ich finde es schön, dass eine Straße bei mir um die Ecke ihren Namen trägt.
Unbelegte Zitate: via.
Bilder: Porträt Maxie Wander: Via. Maxie Wander beim Schreiben. Aus: Sabine Zurmühl: Das Leben, dieser Augenblick. Via. Cover: Guten Morgen, du Schöne. Verlag Der Morgen 1986. – Icke.
Song: Gerhard Schöne. Spar deinen Wein nicht auf für morgen. Via youtube. [Edit Januar 2010: Jedenfalls vor einem Jahr noch. Inzwischen dort getilgt und durch ein nerviges Zitat mit Aggressionspotenzial ersetzt: "...in deinem Land nicht mehr verfügbar." (Ja, in welchem denn dann?) Von dem Lied findet sich da lediglich noch eine engagierte Coverversion in mäßiger Tonqualität, aber immerhin - es ist zu schön. Danke, Thomas und Andreas. Wer auf einem Original-Schöne besteht, der lausche - auch passend - dem "Poetischen Begräbnis". Oder - auch passend - dem Liebeslied, wer weiß, wie lange noch.]
Wer ist der Kerl mit dem Hut?
Dezember 23, 2008 um 12:58 nachmittags | Veröffentlicht in 2008, Berlin, BildungsLückenbauten, Bloghexe, DieStadtreporterin, Drumherum und anderswo, Geschichtsbuch, Hexenritte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 1 KommentarSchlagwörter: Erinnern, Geschichte, Kultur, Menschen
Begegnung mit einem Berliner Original
„Es lebt aber, wie ich an allem merke,
dort ein so verwegner Menschenschlag beisammen,
daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht,
sondern daß man Haare auf den Zähnen haben
und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“
Johann Wolfgang von Goethe: In einen Brief an Eckermann, 4. Dezember 1823.
Bei einem meiner wöchentlichen Stop-and-Go-Kämpfe auf vier Rädern durch die Potsdamer ist sie mir zum ersten Mal aufgefallen, diese seltsame Skulptur auf dem Mittelstreifen, schräg gegenüber der Staatsbibliothek. Ein Kerl mit Vollbart, Zylinder und Radmantel, ohne Beine, die in dem grob behauenen Findling unter ihm zu stecken scheinen, auf dem er Tag für Tag hockt und gelassen auf die Neue Nationalgalerie blickt, während der Berliner Großstadtverkehr links und rechts an ihm vorbeirauscht.
Wer ist dieser Typ mit dem Hut und dem Droschkenkutscher-Outfit der Goldenen Zwanziger, hab ich mich gefragt. Und weil einfach dort anhalten und nachschauen mitten in der Rush Hour wohl sämtliche Benzindroschken-Kutscher gegen mich aufgebracht hätte, blieb nur die Alternative, der Bildungslücke nach bester Bloggermanier hinterherzugooglen:
Gustav Hartmann heißt der betagte Knabe. Und er war Droschkenkutscher, hingegen alles andere als gelassen. Zwar geborener Magdeburger, doch ein echtes Berliner Original, dem Volksmund und mir entweder gar nicht oder längst als der Eiserne Gustav bekannt. Was er neben dem – 1938 erstmals bei Rowohlt erschienenen – gleichnamigen Buch von Hans Fallada und der danach ins Bild gesetzten 50er-Jahre-Filmkomödie von Georg Hurdalek mit Heinz Rühmann in der einschlägigen Hauptrolle vor allem einer spektakulären Selbstinszenierung und Protestaktion verdankt.
Der echte Eiserne Gustav, Fuhrunternehmer und Pferdetaxenbesitzer, musste Ende der zwanziger Jahre erleben, wie die sich unaufhaltsam ausbreitenden Bezinkutschen sein Gewerbe bedrohten und die motorisierten Taxifahrer ihm die Kundschaft streitig machten. Mit Herz und Energie und seinem (Wahl)Berliner ‘eisernen’ Dickschädel beschloss er also als rüstiger Endsechziger vor achtzig Jahren, nicht sang- und klanglos Pleite zu machen, sondern mit einem Spektakulum: einer Droschkenfahrt nach Paris in fünf Monaten mit ihm selber auf dem Kutschbock seines Einspänners und seinem Gaul Grasmus davor. Er befand sich mit dieser Idee in jenem Jahr 1928 der Rekordjagden in bester Gesellschaft mit Charles Lindbergh, dem Ozeanüberflieger, dem schnellsten Wüste-Gobi-Durchquerer Sven Hedin, dem einbeinigen Höchste-Gipfel-Erklimmer und wer weiß wem sonst noch.
Dem entsprechend wurde er nach über 2000 Kilometern bei seiner Ankunft in Paris – genau an seinem 69. Geburtstag – auch gefeiert. Und zwar nicht nur für diese Leistung von Mann und Pferd, sondern auch für seinen erhebenden Beitrag zur Völkerverständigung, die er in der Hauptstadt des feindlichen Frankreich als Friedensbote zelebrierte. Und er ließ es sich natürlich samt seinem Gaul nicht nehmen, die Tour gleich retour nach Berlin zu machen, und wurde auch zu Hause pompös empfangen.
Übrigens hieß besagter Klepper “Grasmus” eigentlich Erasmus, doch Gustav hatte das schnörkelige Sütterlin-E auf der Kaufurkunde irrtümlich für ein G gehalten. Somit trug der einmalige Vierbeiner einen einmaligen Namen, für den sein vorgesetzter und nicht auf den Kopf gefallener Zügelhalter eine von echtem Berliner Mutterwitz triefende Erklärung vorzubringen hatte: “Der heißt Grasmus, weil er aus Gras Mus macht!” Zu den durch Falladas Buch genährten Legenden gehört allerdings die Behauptung, dass er die motorisierten neuen ‘Droschken’ in Bausch und Bogen verteufelte – schon vor seiner Paris-Tour war er selbst im Besitz eines Taxis.
Nach seiner Rückkehr gründete Gustav Hartmann eine Stiftung für die Hinterbliebenen von Taxifahrern, die bei der Ausübung ihres Berufes ums Leben kamen.
Über sechs Jahrzehnte nach seinem Eingehen in den Droschken- und Taxikutscherhimmel musste sich sein Eisenschädel noch einmal bewähren. Seine nachgeborenen Berufsgenossen sponsorten ihm 2000 in dankbarer Erinnerung ein Denkmal, geschaffen von Gerhard Rommel. Doch seinen Standort mussten sie erkämpfen – denn nach kommunalpolitischer Lesart kamen die ursprünglich gewünschten Stellplätze (Wannsee, Tiergarten, am Brandenburger Tor, im Nikolaiviertel, Unter den Linden) nicht in Frage. Weil: die hatten alle schon ein Denkmal.
Jetzt schaut er die Potsdamer Straße entlang und passt da ganz gut hin, wie ich finde: denn die hat sogar eine extra (Bus- und) Taxi-Spur.
Heut ist der siebzigste Todestag von Gustav Hartmann. Und die Berliner Taxifahrer ziehen, auch wenn sie keine Zylinder mehr tragen, immer noch ihren Hut vor dem Eisernen Gustav.
Bilder: Gustav Hartmann mit Frau und Gaul in Paris. Via mdr.de. Gustav-Hartmann-Denkmal: Wikimedia Commons. Rest – Creative commons Lizenz; eventuelle Urheber bei Bedarf bitte melden.
Trailer Der Eiserne Gustav – via youtube.
…Where’d All The Good People Go?
Oktober 4, 2008 um 10:07 nachmittags | Veröffentlicht in 2007, 2008, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Free Burma, Geschichtsbuch, Hexen-Gedanken, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, So Momente halt... | 1 KommentarSchlagwörter: Blogger, Blogosphäre, Erinnern, Free Burma, Gesellschaft, Leben, Menschen, Oktober, Politik, Solidarität
Heute vor einem Jahr – do you remember?
Wisst ihr noch?
Heute auf den Tag genau vor einem Jahr gab es neben vielen Real-Life-Bekundungen auch in der internationalen Blogosphäre einen großen und herzwarmen Akt der Solidarität für ein kleines gebeuteltes Volk, von dem viele damals vielleicht zum ersten Mal ergoogelten, wo dieses Land überhaupt liegt.
Dem Aufruf “One blogpost for Burma” folgten damals in einer konzertierten Aktion tausende Blogger über Ländergrenzen und Ozeane hinweg.
Erinnert ihr Euch? Die Regierung und das Militär von Myanmar (Burma, Birma) erstickten damals die friedlichen Proteste der Mönche in den Safrankutten und verzweifelter Menschen in diesem Vielvölkerstaat gegen Hunger und Repressionen und für ein freies Burma mit Terror und Blut. Und der Bloggertag der moralischen Unterstützung, dessen stringente Organisation über engagierte Aktivisten und deren Netzwerke mich schwer beeindruckte, stieß allerorten auf offene Augen und Ohren. – Wenn man mal von den paar nörgelnden kritischen Stimmen absieht, die den Organisatoren und dem solidarisch geeinten Bloggervolk Aktionismus, Einäugigkeit hinsichtlich des Elends der Welt und was weiß ich noch vorwarfen…
Es ist still geworden um die Ereignisse und die Situation in Burma. Nicht z u still? Gar totenstill?
Oh, falls es einer nicht weiß, es hat sich nicht viel geändert dort, nachdem der Widerstand und Protest der Septembertage von 2007 durch die Diktatoren gebrochen wurden. Schon gar nicht zum Besseren, nachdem zu allem Überfluss der Zyklon Nargis auch Myanmar heimgesucht und verheerende Zerstörungen hinterlassen hat. (Hand aufs Herz, wer hat bei Deutschland hilft mitgemacht und für die Opfer gespendet?) Das Land ist weitgehend nach außen abgeschirmt, auch der Zugang zum www. Viele der damals Verhafteten sitzen immer noch in den Gefängnissen, viele Mönche und Dissidenten sind verschwunden, getötet, hinter die Grenzen der Nachbarstaaten oder weit weg geflohen oder untergetaucht. Der Hunger, Zwangsarbeit und Repressionen – es gibt sie immer noch. Mit dem unter Einschüchterung und Druck abgehaltenen Referendum über eine Verfassung – von deren Ausarbeitung die Opposition ausgeschlossen war – hat die Militärdiktatur im Mai 2008 ihre Macht festklopfen lassen. Scheinheilige ‘Schönheitskorrekturen’ der Machthaber sollen die Weltöffentlichkeit täuschen…
Um an diese Informationen zu kommen, muss man heuer schon ein bisschen im Netz kramen. Man stößt auf Burma-Seiten, auf denen man hin- und her gerissen zwischen Besorgnis und Enttäuschung, ja, sogar eigenem schlechten Gewissen, seit Herbst 2007 keine Aktivitäten mehr verzeichnet. Ja, es ist still geworden…(Das letzte deutliche Lebenszeichen der Free-Burma-Initiative vom vorigen Jahr habe ich als Umfrage zur Aktion vom 4. Oktober 2007 in Erinnerung. Und die Free-Burma-Banner sind von den meisten Blogs mit der Zeit wieder verschwunden.)
Totenstill? Nein, ganz so ist es nicht. Es gibt – auch in Deutschland – viele Aktivisten, die sich unermüdlich für die Menschen in Burma einsetzen, zum Beispiel hier oder hier oder hier. Ein Schweizer Journalist hört nicht auf, über die Situation dort zu berichten, ebenso das zweisprachige (Englisch und Burmesisch) Online-Magazin BURMA DIGEST.
Das aus den USA agierende web-Projekt Avaaz.org unter der Leitung des kanadischen Weltbürgers Ricken Patel mobilisiert via www erfolgreich eine internationale Community. (Danke an stefan888 für den erhellenden Blog-Beitrag.)
Und trotzdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, als hätten die Kritiker und Skeptiker der Bloggeraktion “Free Burma” von vor einem Jahr irgendwie Recht behalten – was meint i h r? Bauen die Menschen dort – und überall in der Welt – nicht weiter und immer wieder auf uns? Müssen wir nicht mehr tun?
Ach ja, und verdächtigt jetzt wen ihr wollt des Gutmenschentums. Ich jedenfalls bin ins Grübeln geraten – und sollte ein besserer werden, glaube ich. Und wäre ich es dann einmal, empfände ich diesen Verdacht als eine Ehre…
Glittering Saffron
(by NAY YU, via BURMA DIGEST)Where are those voices of ‘Metta’?
While the Evils still in power
Where are those Saffron power?
Glittering in the sky
Deep in our mind
Though Evils rule our land
With their bloody hands.
Where are those ‘Sons of Buddha’?
While the guns still pointing our hearts
Where are those ‘Peaceful Walks’?
Glittering beyond the horizon
Still shining for the by-gone
Though Evils rule our land
With thier bloody hands.
Quellen: Bild “Free Burma” – StuCkCaRBoy; Videos via Youtube (1, 2 und 3: Song von Jack Johnson: “Where’d All The Good People Go”.)
Bloggen Sie auf WordPress.com. | Theme: Pool von Borja Fernandez.
Einträge und Kommentare Feeds.







Hochhaushex'





