Hinter den Spiegeln und auf allen Meeren
März 1, 2009 at 4:10 | In Bloghexe, Filosofaseln, Fremd-Worte, Hexengeschichten, Kultur, Märchenhexe, Real-Poetisches, Spielwiese, verwoben geschroben | 7 CommentsTags: Bücher, Bloggen, Herman Melville, Kultur, Lewis Carroll, Literatur, Märchen
Eine etwas wildwüchsige und ausufernde Philosofaselei zu Wolfs Februargewinnspiel Nr. 2 und zu Jürgenz Stringenz bei mehr als einem Dutzend Eier (bin halt ein Mädchen
)
Vorab gleich mal eine Runde Abwiegeln und Besänftigen. Weil ich den Jürgen nämlich vorher nicht gefragt hab, ob ich ‘ne Fortsetzungs-Soap aus seiner tollen Geschichte machen darf. Aber es war so eine Gaudi, hat so Spaß gemacht und schrob sich irgendwie ganz von selber. Höhere Gewalt sozusagen. Okay, okay, ein bissel Fieber hab ich auch. Dafür nehm ich auch reumütig das Außer-Konkurrenz-Schild mit zu mir rüber. Denn in den Ruch eines Trittbrettfahrers will ich ja nu nicht geraten – nicht mal den eines unzurechnungsfähigen. Einverstanden, Jürgen? Alles gut? Denn man tau.
atürlich war er nicht zersprungen, der kleine, beinebaumelnde Humpty Dumpty mit seiner großen Arroganz und zur Schau getragenen Besserwisserei. Jedenfalls nicht in meiner (einen) Welt hier. Obwohl die ja eher als alle andern diejenige ist, in der die Unordnung eines verschütteten Potts Kaffee nicht wieder in die Ordnung einer Tasse voll der köstlich duftenden und dampfenden Morgenerweckung zurückschwappen kann. Zweiter Hauptsatz der Thermodynamik. Was wollt ihr, stinknormale Entropie das. Aber ich schweife schon wieder ab.
Zurück zu unserer Geschichte. Was also war aus Humpty Dumpty geworden, als der Wal ihm den Rücken gekehrt hatte, aus seinem Übermut nach dem Hochmut – und nach dem Fall?
Er war haarscharf an den spitzen Zacken der Klippe vorbeigesaust und in die salzigen Fluten des Meeres gefallen. In panischer Angst vor dem Ertrinken und ohne auch nur den leistesten Gedanken an die Unsterblichkeit in seinem Eierkopf rief er noch Moby-Dick um Hilfe – vergeblich. Das Rauschen der Wellen verschluckte sein Näselstimmchen.
Doch er ging nicht unter. Nachdem er hilflos eine Weile in den unendlichen Ozean hinausgetrieben war und kurz bevor er zum Solei wurde, verhedderte er sich in den Maschen eines Fischernetzes. – Die Mannschaft des Segelschiffes, auf dessen Bordwand er für einen Moment den Namen “Pequod” lesen konnte, fing gerade ihr Abendbrot. Die Männer hatten alle Hände voll zu tun mit den zappelnden Fischen auf den Planken und keiner von ihnen bemerkte Humpty Dumpty, der unbeachtet gegen eine Taurolle kullerte, die mittschiffs herumlag. In der machte er es sich gemütlich und schlief nach der ganzen Aufregung augenblicklich ein…
Er erwacht im ersten Morgenrot mit dem Gesicht in Richtung Heck. Und reibt sich ungläubig die Augen – eine Geste, die er bei sich selber durchaus unüblich nennen würde. Dort achtern hockt im dämmerigen Gegenlicht ein Mädchen, spärlich bekleidet und mit nassen Haaren bis zum Po, aus denen es gerade das Wasser zu wringen sucht. – Eine Seejungfrau? Eine echte Mermaid…?
So schnell ihn seine dünnen Beinchen tragen, eilt er zu ihr. Und schafft es irgendwie, wenn schon nicht auf ihren Schoß, so doch wenigstens auf ihre Handfläche zu klettern.
“Wer bist du, wie kommst du hierher? Und was willst du hier?”
Sie bläst sich eine Locke aus der Stirn:
“Auf einem Wal bin ich hergeritten. Und was soll ich hier schon wollen – mitsegeln!”
Durch ihren nahen Anblick verwirrt, entgeht ihm völlig, dass sie die Frage nach ihrer Herkunft elegant ignoriert.
“Das hier ist ein Walfänger, voller rauer Kerle, die mit Harpunen und Walspeck um sich werfen. Da ist kein Platz für so ein junges, hübsches Ding…”
“Wer sagt das? Du? Bist du der Kapitän? Oder Gott? Dann herzliches Beileid, denn im Masttopp sind letzthin entrückte Pantheisten gesichtet worden. Die wissen nix von von Gott in persona. Ha, und wie so ein melancholisches Träumerle da oben “sein Ich [vergessen] und die mystische See zu seinen Füßen für das sichtbare Abbild jener tiefen, blauen, unergründlichen Seele [halten], die Menschheit und Natur durchdringt”* – das kann ich auch, träumen sowieso. Im übrigen bin ich älter als du denkst…”
“Mit solchen Traumtänzereien wirst du aber hier keinen Ruhm abräumen. Auf sowas wie dich hat der Kapitän gerade gewartet, Mädchen.”
“Seltsam, dass gerade du von Ruhm sprichst. Du warst doch der, der solche Wortblasen genau das bedeuten lässt, was er draus macht, und nichts anderes – oder?”
“Öh… woher weißt du…? Nun, dann nennen wir es Nützlichsein, Pflichterfüllung… Sagen wir nicht Ruhm, sondern…hm, Glück – durch Einsicht zum Beispiel oder den guten Zweck. Glückseligkeit ist sowieso solch ein Wort, dass viel besser zu euch Mädchen passt.”
Humpty Dumpty schickt einen Blick, in dem gespanntes Lauern und ein kleines Grübeln miteinander uneins sind, zu ihr hinüber. Sie rollt sich auf den Bauch, balanciert ihn vorsichtig zwischen den Fingern und schaut ihm geradewegs in die Augen:
“Jaah, jaah, blaaablaaa! Vom heldischen “A man’s gotta do what a man’s gotta do” bis zum Ruhm ist’s ja bei euch Kerlen nicht weit. Schlepp ruhig den alten Kant auch noch hier an: wem planvolles Handeln fehlt, der wird zur Beute seiner Triebe! Pflichterfüllung! Pffft… frag mal den alten Ahab, wie der die für sich zurchtgezimmert hat – und seinem vernichtenden Trieb doch Sklave ist. Hatten wir hier alles schon mal. Euch kommt immer euer krankes Ego dazwischen.“
“Was weißt du schon vom alten Ahab! Und deine Argumente und deine Logik sind keine, sind… sind Weiberlogik! Die passt in k e i n e Welt.”
“Tsss… was weißt du schon von uns Weibern! Hast nicht mal ‘ne Taille – von einem knackigen Hintern ganz zu schweigen. Wer kleine Mädchen beeindrucken kann, ist noch lange kein Frauenversteher. — Logik? Ach geh, als hättest ausgerechnet du die erfunden. Und selbst wenn – mehr fällt dir dazu nicht ein? Du warst doch immer so spitzfindig wortgewandt in deinem Humpty-Dumptyismus. Ich glaube, du lässt nach, Eiermännchen. Ist das das Alter?“
„Das kommt nur, weil du mich so durcheinander bringst, bin ja schon ganz wirr im Kopf.. Aber das Wort Humpty-Dumptyismus gefällt mir, trotz deiner Respektlosigkeit, Kleines. Und die Frage ist immer noch, wer…”
“Hach, humpty dumpty du doch, was du willst, ich bleib jedenfalls hier. Das mit den Kerls krieg ich schon hin… – Kennst du das Lied von der Seeräuber-Jenny? Oder das von der Dirne Evelyn Roe, das der alte Seebär-Busch gesungen hat?“
“Unterbrich mich nicht dauernd. Frauen! Die Frage ist immer noch… Waaas? – Seeräuber-Jenny? Evelyn Roe?? Himmel! Du willst doch nicht enden wie d i e?“
“Hab ich das gesagt? Ich hab nur gefragt, ob du die kennst. I c h meine immer noch, was ich sag. Tsss, und das dir! Magst du etwa keine Piratenlieder? Hey, nu reg dich mal nicht so auf, ich hab mir schon immer meine Wirklichkeit selber erfunden – und ‘ne Menge dabei gelernt. Du doch auch. Keine Angst, ich komm schon nicht unter die Räder… öhm, Wellen.“
„Du machst mich noch wahnsinnig, Mädchen. Nach Wörtern, meinetwegen sogar Worten die Wirklichkeit humpty-dumptyisch aussehen zu lassen, ist nicht alles. Die Frage ist…“
„Und du willst beim alten Carroll gelernt haben? – Wirklichkeit kann man nicht aussehen lassen – die ist das, was wirkt, deswegen heißt sie ja auch so. Na, und bin ich etwa keine?“
„Und was für eine! Ich weiß schon nicht mehr, was real und was Fantasie ist. Aber hast du denn noch nie etwas von der wahren Welt gehört?“
„Wahre Welt? Was soll das sein? Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners – ist leider nicht von mir, könnte aber von mir sein. Und real ist nicht wirklich, du Superwortverdreher. Wirklich ist nur das, was wir von der Realität wissen – wenn es überhaupt eine gibt…“
„Hör auf! Die Frage ist doch, ob du…“
„Die Frage ist, wer die Macht hat – und das ist alles. Tja, hab ich von dir gelernt.“
„Du bist… bist doch nicht… Vorsicht! Neiiiiiiin….!“
Weiter kommt er nicht. Beim Hervorbrechen der ersten Sonnenstrahlen hinterm Horizont hat sie, unbeschwert und spontan, wie es Mädchen nun mal tun, ihre Hand gehoben, die Augen abzuschirmen. Die Hand, auf der das Ei gesessen hatte. Es gleitet haltlos und nur noch der Schwerkraft gehorchend an ihrem Handgelenk vorbei nach unten. Und zerschellt auf den Planken.
Alice aber tänzelt auf denselben und Barfüßen mit wohlgereihten Zehen nach vorn zum Bug, wo ein einsamer Seemann an der Reling lehnt. Das Schiff krängt ein bisschen nach Lee, gerade genug und gerade rechtzeitig, dass sie das Gleichgewicht verliert und dem Skipper in die hilfreichen Arme fällt. Von dem man im Gegenlicht nicht erkennen kann, ob es der Käpt’n selber ist oder einer von der Mannschaft. – Und keiner ist da, dem auffiele, dass es doch vollkommen windstill ist…
Keiner?
Moby-Dick hebt backbord den Kopf aus dem Wasser. Sieht auf das Mädchen, das er letzte Nacht hergetragen hat und das die Geschichte des Skippers, der Pequod und vielleicht auch seine eigene durcheinanderbringen wird. Schaut auf die Eierschalen und den klebrigen Fleck, der unter der südlichen Sonne zu trocknen beginnt. “Soviel zum ‘Weltverändern’, Eierkopp – wir sehn uns in deiner nächsten.”
Er überlegt ein bisschen, ob die alten Herren Melville und Carroll ihm das hier wohl sehr übel genommen hätten. Stubst noch einmal sanft, doch voller Übermut mit seiner gewaltigen Stirn gegen die Bordwand und schwimmt, den alten Kindervers vor sich hin summend, davon…
“Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.”
*Zitat aus: Herman Melville. Moby-Dick. In der Übersetzung von M. Jendis, Kapitel 35, Seite 266.
Bilder: Segelschiff – via. Mermaid: Tim Thompson, 1999. Via Never Sea Land. „Humpty Dumpty“. James McPartlin, 2003 – via Epilogue.net. Humpty Dumpty (modifiziert) – via. Schmunzel-Moby-Dick: keine Ahnung.
Song: Carson Sage and the Black Riders: Sally Brown. Aus: Final Kitchens Blowout. 1993. (Siehe What about Carson.) Via wolfgpunkts youtube.
My heart would feel to be a crime unless it trembled with the strings*
Januar 19, 2009 at 11:11 | In 2009, Bücherhexe, Fest-Platte, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 1 CommentTags: Dichter, Edgar Allan Poe, Erinnern, Gedichte, Kultur, Literatur, Menschen, Poetry
Ich feiere ihn ja schon seit einem Jahr, ach was sag ich, schon zwei Drittel meines Lebens lang. Seitdem ich in einer stillen Ecke mit einem schmalen Bändchen seiner Erzählungen auf den Knien der Welt um mich verloren ging, mir der Grusel ins Haar kroch und als Gänsehaut den Rücken abwärts fror…
Heute ist der 200. Geburtstag von Edgar Allan Poe.
Grund genug, ihn zu ehren – er ist einer von den ganz Großen.
Grund genug für den poesk geheimnisvollen Geburtstagsgast, der alljährlich an seinem Grab in Baltimore erscheinen soll, sich auf mehr Neugierige als im letzten Jahr einzustellen – und vielleicht eine volle Flasche mitzubringen.
Grund genug für ein bisschen PoePoesie, erst recht, wenn sie grad irgendwie zur akuten Stimmung passt.
A Dream Within a Dream
Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?(1827. Mit deutscher Übersetzung: hier.)
————————-…
Grund genug auch für eine (von vielen) vertonte Fassung? Hmm… vielleicht damit es nicht gar so traurig endet? – und trotz oder wegen des schrägen ‘postsymbolistischen’ Videos? Auch wenn das Stimmchen ein bissel dünn ist: Dem Nachwuchs eine Chance! Und womöglich lässt sich ja aus dem Sound was drehen…? – A Dream without a Dream…
*Textzeile aus: E. A. Poe: Romance (1829).
Bilder: Edgar Allan Poe – via. Rabenmädchen – keine Ahnung; creative commons Lizenz (Urheber bei Bedarf bitte melden).
Video – via youtube.
Dinner for You, kein Kästner und guten Rutsch!
Dezember 31, 2008 at 10:26 | In 2008, 2009, Alles platti, Bloghexe, Fest-Platte, Fremd-Worte, Hexenblabla, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 CommentsTags: Dichter, Kultur, Menschen, Neujahr
uch wenn er sowas von Recht hat, kann man ja nicht schon wieder wie letztes Mal die treue Leserschar mit den unpädagogischen Ermunterungen seines Leib- und Magen-Kästner ins neue Jahr schicken. Hmm, was fangen wir also heuer mit Silvester an und wen haben wir da denn noch so im Angebot?
Tucholsky vielleicht? Nee, den sieht man ja genauso ratlos wie sich selber. Und so richtig aufzubauen vermag er einen irgendwie auch nicht, wa?:
Silvester
Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel -
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt -
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt’s Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? (‘Leichter Mosel’ nur – )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
„Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!“
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister -
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloss Silvester an?
Na dann eben “the same procedure as every year”. Jaaah, “Dinner for One” ist Kult – und Kult ist gut, weil was Konsensfähiges. Außerdem gibts den diesmal sogar in einer raffiniert auf traditionell-avantgardistisch getrimmten Version aus dem Hause LEGO:
Für konservative Liebhaber des Originals in dezentem Schwarz-Weiß und notorische Gewohnheitsgucker natürlich auch selbiges zum alten Preis:
denn egal, was Silvester auch immer mit uns anfängt: kein Jahresende ohne Miss Sophie mit dem gesunden Appetit und ihren verblichenen Verehrern sowie dem dienstbaren besoffenen Butler. Oder?
Ha! Und zu guter Letzt dann doch noch was Erhebendes von einem Positivdenker – leider auch schon verblichen:
Wünsche zum neuen Jahr
Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit
Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass
Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre wasStatt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh
Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du
Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gutIn Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht
Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht
Und viel mehr Blumen, solange es geht
Nicht erst an Gräbern – da blühn sie zu spätZiel sei der Friede des Herzens
Besseres weiß ich nichtPeter Rosegger. Aus: „Mein Lied“
Was quatsch ich hier eigentlich noch rum? Wo ich doch nur sagen wollte:
Kommt gut rüber ins neue Jahr, Leute! Und durch natürlich auch. Wir sehn uns.
Eure Hex’
Ein eiserner Vorhang aus verschlungenen Hieroglyphen…
November 15, 2008 at 10:18 | In BildungsLückenbauten, BlogMist, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Werbehexe | 2 CommentsTags: Kultur, Russland, Bilder, Netz-Funde, English Russia, Internet
…sind für so manchen Zeitgenossen auf knapp fünf Sechsteln der Erde kyrillische Schriftzeichen. Selbstredend auch unter Verwendung derselben verfasste Texte. Zum Beispiel russischsprachige.
So kommt es dann, dass nicht nur der Realreisende in bären- und beerenreiche Gegenden oder nach Sankt Petersburg unversehens zum gefühlten Analphabeten wird und vor Ort nicht mal aufs Klo findet. Nein, auch der emsige Netzarbeiter und der Freizeitwebber stoßen auf den wissbegierigen Surftouren Ihrer Neugier im www durchaus schon mal schmerzlich mit der Nase gegen den Rand desselben, wenn sich plötzlich ihre Augen in Kyrilliza verheddern und die Gedanken lang hinschlagen. Jaja, Ihre auch – nun geben Sie’s schon zu.
Da freut man sich doch so als abseitig akademischer Wahlrusse gemeinsam mit der einschlägig benachteiligten Mehrheit über freundliche Anglorussen und ihr Serviceangebot zwecks allgemeiner Erbauung und Umschiffung von Sprachklippen – “just because something cool happens daily on 1/6 of the Earth surface”. Übrigens durch sein vorwiegend visuell ausgerichtetes Konzept auch für Pisa-definierte Zielgruppen geeignet.
Also, liebe Nicht-Kyrillen, Hobbyrussen und solche, die es vielleicht nie werden wollen, wenn Sie demnächst mal
den Besuch einer jener legendären Russendiscos – oder ‘ner Party – vorbereiten (in Gesellschaft welcher Spezies auch immer),


eine Recherche zu optimaler Spamentsorgung oder ultimativ guerillierenden Strategien für Computer-Werbung starten,


im Auftrag ihrer AA-Selbsthilfegruppe nach Alternativen suchen,
eine Anleitung zum Selberschnitzen Ihres umweltfreundlichen Eigenheims aus echter russischer Birke brauchen,
schon längst gerne gewusst hätten, wie Teamwork po-russki geht,
sich Einblick verschaffen möchten, wie die Drogenmafia Photoshopping und die Liebe zum russischen Wald schamlos für ihre Zwecke ausnutzt, einen virtuellen Spaziergang durch die brillant gepixelte Heimatstadt Dostojewskis oder das alte Russland mit Lew-Tolstoi-Flair machen wollen oder was weiß denn ich, wonach Ihnen grad so ist respektive, auf welchen Zufallsfund mit Substanz oder Witz Sie so abfahren – dann schaunse doch einfach mal rein bei denen von English Russia.
Na denne: Viel Vergnügen! Oder wie die Russen sagen: Большое удовольствие вам!
Bilder via English Russia; russischer „Breakdance“: via youtube.
Idee: Спасибо Волк!
Dies kann als eine Art Update zu Der Kyrill und sein Method gesehen werden.
Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 2)
Juli 15, 2008 at 2:50 | In 2008, BildungsLückenbauten, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexenritte, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 4 CommentsTags: 2008, Basel, Bilder, Dichtung, Johann Peter Hebel, Literatur, Reisen, Schweiz, Stadtansichten
Z’Basel an mim Rhi,
jo dört möchti si!
Weiht nit d’Luft so mild und lau,
und der Himmel isch so blau
an mim liebe Rhi!
(Johann Peter Hebel: Erinnerung an Basel.
Aus: Alemannische Gedichte)
So kurz die Zeit auch ist, ein Baselbummel muss schon sein. Am Samstag stürzen wir uns mutig ins Getümmel. Das wäre doch gelacht, wenn eine Großstadtpflanze Angst vor fußballverrücktem Tourigewühl hätte. Die Neugier ist sogar groß genug, sich die Affenhitze zum Bummelwetter schönzureden.
Von unserem ländlichen Domizil geht’s aber erstmal wieder mit dem Auto in die Stadt. Dass das nicht gerade die genialste Idee war, merken wir spätestens auf der Suche nach einem Parkplatz. Vielleicht hätten wir doch das Tram nehmen sollen (ja, so heißt es dort: DAS Tram), ’s Basler Drämmli oder die Trämli, wie die Eingeborenen liebevoll sagen. In unserem Fall wär’s eins von den sonnengelben gewesen, da wir ja von auswärts kommen. Denn das innerstädtische Drämmli ist grün. Abgesehen davon, dass das hübsch aussieht, orientiert es sich so recht gut in dem regen Straßenbahnverkehr -Basel ist eine Tram-Stadt. Und das seit weit über 100 Jahren. Und man muss da nicht extra einer Statistik glauben, nach der – bei einer Einwohnerzahl von übern Daumen gepeilt 165 000 – jährlich an die 89 Millionen Fahrgäste in die gelben und grünen Wagen klettern, sondern nur einen Nachmittag lang durch das Gewirr der vielen blanken Schienen stolpern.
Wir aber pirschen uns zunächst mit unseren privaten Pferdestärken durch schmale Gassen und über Kleinbasel an die auf der andern Rheinseite gelegene Altstadt von Großbasel heran. Und irgendwo hat dann doch noch ein schmales Plätzchen im dritten Stock eines Parkhauses auf uns gewartet. Kleinbasel oder einheim’sch Glaibasel, seit eh und je das Viertel der unteren Zehntausend und mit hohem Migrantenanteil, muss dem Basler sowas sein wie dem Berliner sein Kreuzberg, nur hübscher anzuschaun.
Weiter geht’s per pedes und schon nach den ersten Schritten durch klaustrophobisches Gewimmel in Richtung Mittlere Rheinbrücke ist klar: die Flipflöpse an den Füßen waren die einzig goldrichtige Wanderschuhwahl. Wir befinden uns kurzzeitig im Auge des Orkans, das hier nicht wie allerorten schnöde Fanmeile heißt, sondern eine FanZone ist. Was nicht im Geringsten übertrieben scheint, denn das Zentrum ist weiträumig mit Großleinwänden, Tribünen, Zeltpavillons und Toiletten-Hüsli zugebaut. Das runde Leder hat die City voll im Griff. Hinter mir eröffnet eine Mutter ihrem Dreikäsehoch im gängigem Baseldeutsch überflüssigerweise, dass man jetzt auf die Fäään gehe, und sicherheitshalber, dass die Fäään lustig würde.
Uf der breite Bruck,
für si hi und zruck,
nei, was sieht me Here stoh,
nei, was sieht me Jumpfere goh,
uf der Basler Bruck.
Über den Rhein hätten wir auch mit der Fähri schippern können, einem überdachten Bötchen, das mich irgendwie an diese asiatischen Fischerboote erinnert.
Doch wir kämpfen uns über die ‘braite Brugg’ und schaun aus sicherer Entfernung auf das muntere Treiben unten am Ufer. Dass die aufgespannten Leinwände heute tot sind, scheint keinen Menschen zu interessieren: man zeigt Flagge, trägt die Wangen in den jeweiligen Nationalfarben und abenteuerliche Kopfbedeckungen aus dem Fan-Shop seiner Wahl. Aus den Lautsprechern dudeln – nein, keine Alpenjodler, sondern aktuelle Hits. Europa sonnt sich auf der holzgezimmerten Tribüne, die bis ans Wasser reicht. Und einige Fußballjünger und -rinnen haben einen andern Sport für sich entdeckt: sie schwimmen, solo oder in munteren Schwärmen, den Rhein hinunter. Manche sogar in voller Straßenmontur einschließlich Hut und Schuhen, andere mit einem Seil um das Badeoutfit geschlungen, an dem eine wasserdichte Plastikboje mit der restlichenTagesgarderobe dümpelt. In die werden sie ein Stück flussabwärts wieder hüpfen und solcherart nicht zu Lande an den Ausgangsort zurück müssen.
Hm, schwimmen im Rhein? – na, ich weiß ja nicht… wohin fließen eigentlich denen ihre Abwässer der Chemie- und Pharmaindustrie?
Nachdem wir genug in den Rhein rein geguckt haben, flüchten wir uns drüben endlich in die stillen idyllischen Gassen des alten Basel. Hier scheint die Zeit ein bisschen stehen geblieben zu sein. Jahrhundertealte Häuser stellen sich uns mit Namen vor
und munter fließende Brünnlein werben – unterstützt durch amtliche kleine Schildchen – plätschernd mit Trinkwasser. Was für ein Labsal an so einem Tag.
Gleich im ersten Gässli hinter der Brücke links hoch, dem Rheinsprung, verliebe ich mich – in ein Lädchen, Scriptorium geheißen. In der Auslage der winzigen Schaufenster erfreuen Schreibfedern aller Sorten und diverses nostalgisches Schreibzubehör, Gänsefederkiele und kugelige, antike Fässchen mit geheimnisvollen, bunten Tintenrezepturen das Herz. Ein puppenstubengroßes Paradies für alle Stadtschreiber, Kalligrafen und -fininnen. (Das Lädchen ist da rechts an der Ecke, die einschlägigen Schaufensterbilder baseln leider noch in der Schweiz rum, da mit geliehener Kamera aufgenommen).
Südliches Flair verströmen die schattigen grünen Innenhöfe, auch sie mit glucksenden Wasserspendern.
In der Münsterschuel,
uf mim herte Stuehl,
magi zwor jetz nüt meh ha,
d’Töpli stöhn mer nümmen a
in der Basler Schuel.Aber uf der Pfalz
alle Lüte gfallt’s.
O, wie wechsle Berg und Tal,
Land und Wasser überal,
vor der Basler Pfalz!
Ein unbedingtes Muss ist ein Blick auf das Stadtpanorama von der Pfalz aus, einem Aussischtspunkt oben über dem Rhein, zu dem uns die herrlich verwinkelten Gassen führen. Leider hat sie etwas unter dem allgemeinen Fußballwahn gelitten, denn überall liegen Berge von Müll zwischen den einladenden Bänken, dessen die Partner für e suuberi Stadt offenbar nur schwer Herr werden. Und ein verträumtes Motiv für ein Bild der Münsterkirche nebenan zu finden ist nicht so einfach, da der ganze Platz von einer des bereits erwähnten aktuellen Ereignisses verdächtigen Konstruktion aus Kunststoffplanen und Aluminiumstreben eingehüllt ist.
In trauter Nachbarschaft mit derselben schlummern da auch noch die rankenumkränzten Fensteraugen der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel im ehemaligen Domherrenhaus vor sich hin, einer Einrichtung mit Tradition.
Und durch diese hohle Gasse müssen wir kommen, um uns zum Marktplatz durchzuschlagen.
In ihr riecht es ziemlich streng, was eine heimliche Vermutung durch unsere empfindlichen Näschen wehen lässt: dass nämlich mehr als nur ein fußballseliger Nachtschwärmer für sein dringendes natürliches Bedürfnis nicht mehr rechtzeitg das exklusiv aufgestellte Hüsli gefunden hat. Doch zu guter Letzt nicht noch einen Blick auf das Basler Roothuus und dessen beeindruckende Architektur und Wandmalereien zu erhaschen, wäre ein sträfliches Versäumnis.
Ach, fast hätt’ ichs vergessen: fasziniert hat mich eine Idee dieser findig kreativen Schweizer. Sie haben für ihre Sommergäste Sonnensegel über ihre Straßen gespannt, keine einfachen Schattenspender, nein, auf die transparenten Stoffbahnen sind überdimensionale Fotos projiziert, und zwar von der jeweiligen Hausfassade unter ihnen. Sie wirken wie riesige Spiegelbilder – eine Wahnsinnsidee und ein Wahnsinns-Anblick.


Was soll ich sagen? Viel zu kurz war die Zeit (und viel zu lang wieder Hexis Geschreibsel darüber
). Aber es war wunderschön und ich komme gern wieder in eure sympathische Stadt, ihr Basler.
Nachplappern:
Die zitierten Verse, sind, wie schon eingangs ver-urhebelt, von Johann Peter Hebel, einem Sohn dieser Stadt. Dem – wo ihm selbst der große Herr Geheimrat in Verehrung zu Füßen lag – man selber zu eigner Schande lange viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat.
Das wird im Blog in Form spannender Stöberresultate demnächst mal zu behebe(l)n sein. Das Gedicht “Erinnerung an Basel” gehört zum Zyklus seiner “Alemannischen Gedichte”. Von ihm der Frau Meville gewidmet, Tochter der Papierfabrikeigner in Höfen bei Schopfheim im Wiesental, die seinerzeit daselbst das Papier für eben jene Gedichte herstellten. Doch die Basler haben es mit fliegenden Fahnen für sich vereinnahmt, es mit einer Melodei versehen und zu ihrer Stadthymne gemacht. Respektvoll deshalb hier nochmal der Volltext in alemannischer und in baseldeutscher Version. Und wenn jetzt etwa einer, womöglich gar einer der torejubelnden Public- und Private-Viewer meint “Kennich nich, nie gehört!”, so irrt sich der. Denn es avancierte auch längst zur Basler Fußballhymne – womit wiederum der Bogen zu den aktuellen Stadtereignissen geschlagen wäre – puuuh. Ob die auf der Tribüne der Basel Arena allerdings alle wissen, wem sie ihr Liedl verdanken?
P.S. Teil 3 – der vor allem von einem gecancelten Rückflug gen Berlin sowie den äußerst hülfreichen Ratschlägen des Bodenpersonals eines internationalen Flughafens zur Therapierung desselben handeln tät’ – bleibt ungeschrieben. Sonst denkt hier noch einer, das wird ‘ne Soap…
Bilder: selber gemacht. Hebels Gedicht „Z’Basel am mym Rhy“: Von der Website Hausen im Wiesental.
Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 1)
Juli 8, 2008 at 1:15 | In 2008, Alles platti, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexengeschichten, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Wetter-Hexe | 6 CommentsTags: Basel, Reisen, Schweiz, Unterwegs
Ein Reisebericht
Die Hex’ war auf Reisen. Vorletztes Wochenende. Statt wie gewohnt auf dem Besen zu reiten, leistete sie sich diesmal ausnahmsweise den ausschweifenden Luxus eines Billigfliegers. Schließlich ging es um die würdige Audienz bei einem kleinen benachbarten Bergvolk Und, wer haat’s erfundn? – Na, die Schweizer natürlich.
Oh ja, und los ging es wirklich lausig früh, mitten im besten Tiefschlaf quasi. Aber so ein Wochenend ist ja höllisch kurz, weswegen man es so weit wie möglich zu strecken sucht. Von Frühtau dagegen keine Spur – nur das blanke Morgengrauen und die letzten Schnaufer einer lauwarmen Sommernacht, die wieder einen bruzzelheißen Tag androhen. Die Jacke kann also schon mal ins Aufgabegepäck – da weiß man wenigstens, wofür man inzwischen stolze Siebenfuffzich abdrückt.
Ha, und wer hat eigentlich das Timing verbrochen? Während traumatisierte Einheimische auf der Flucht vor dem Hype um eine aufgepumpte Lederblase ihrer Stadt den Rücken kehren, mache ausgerechnet ich mich auf gen Basel. Allerdings möchte ich dazu ausdrücklich angemerkt wissen, dass mitnichten und auf keinsten Fall dieses über den grünen Rasen kullernde Ding auch nur das Geringste mit Hexis Reiselust zu tun hat, sondern ein längst fälliges Familientreffen nach freudigem Ereignis. So!
Über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer flugbereiter Großstädter zur Eincheckzeit schröbe man wieder mal ganze Bände. Wie von dieser penetranten Schickse im Papageien-Look vielleicht, die als Kunst- und Künstlerkennerin erkannt werden will. Und darob balzend und voll Selbstbefriedigungsdarstellungstrieb, vor allem aber mit Durchsagenlautstärke ihren Begleiter, einen sympathischen kleinen Italiener, pseudokompetent zutextet:
“Also dieses Üvent war doch großartüg pörformt, fündest du nücht?
UnddieAusstrahlungdesAmbiente -einfachtoooollll. JaderBlablablaverstehtseinMötjöh. UnddieKollegenwarnjasoooechauffiert. UnddiesehüstorüschenMauern, haaaach! ——– üchmussmirmalsoeinArchütekturbuchkaufen, üchbringdieStüüleimmerdurcheinander… GotükundRomantükundBarockoko undso….”
Oder über die Spezies der aufgeregt durch die Halle flatternden Urlaubsmuttis. Beim Anblick ihres gigantischen Kosmetikarsenals im Handgepäck, mit dem sie zum Sicherheitscheck antreten, drängt sich hartnäckig die Frage auf, was denen wohl unterm frisch frisörgestylten Pony tickt. – Dass die Riesenschilder vor ihrer Nase für böse Terroristen da hängen? Oder packen die gerne all ihre Spraydöschen und Flakönchen und Tübchen in der Öffentlichkeit aus – und halten damit den ganzen Abfertigungsbetrieb auf? Und überhaupt, wieviel von dem Kram braucht frau unterwegs auf dem Hüpfer nach Palma De Malle?
Endlich an Bord der A 319 denkt man noch an ‘ne kleine Mütze voll Schlaf, um den unchristlich frühen Aufbruch halbwegs zu kompensieren. Das ist sowieso das Beste, denn, zu meiner Schande sei’s gesagt, die Hex’ – gewiefte Besenpilotin hin oder her – ist nicht frei von Flugangst. Was liegt also näher, als das mulmige Gefühl in der Magengegend einfach wegzudösen. Das sich spätestens einstellt, als die Maschine mit einem unheilvollen Quietschen, Knarren und Stöhnen im Bauch losrollt. Ach nee, halt, nachm Start kommt ja noch die obligatorische Demonstration des Rettungsprozedere durch die Mädels von der Crew – wovon einem auch nicht grad wohler wird. Unverzichtbar daran ist vor allem die Instruktion zur Handhabung der Schwimmwesten. Weil man nämlich angesichts des aktuell zu überfliegenden Territoriums vorm inneren Auge gestochen scharf die wilden Wogen des mittel- und süddeutschen Ozeans an den Strand schwappen sieht. Aber höchstwahrscheinlich steuert der Pilot im Ernstfall mit traumwandlerischer Routine die Mitte des Rheins oder den Bodensee an. Und so gesehen sind denn auch die blauweißen Lederhösner und die Eidgenossen Seefahrernationen – oder wenigstens Küstenvölker, jawoll.
Der Minutenschlaf hat gut getan und ich klettere unternehmungslustig die Gangway hinunter. Auf gehts, Basel ich komme!
Naja, noch nicht ganz, denn vorher ist nochmal volle Konzentration gefragt, damit man nicht unversehens im falschen Land landet. Der Baaasler Flugchchafen ist nämlich, wenn mans ganz genau nimmt, nur die Hälfte von einem ganzen, ein weltweit wohl einmaliges Phänomen, worauf in gewisser Weise schon sein stolzer Name Basel-Mulhouse-Freiburg hindeutet. Bekanntlich liegt er mitten im Dreiländereck, putzigerweiser nicht mal auf schweizer, sondern auf französischem Boden. Und die Schweizer und die Franzosen betreiben ihn – in bestem europäischen Geist – gemeinsam. (Die deutsche ‘Ecke’ hingegen ist nur Anhängsel ohne Stimmrecht im trinationalen Beirat und Mitnutzer.) Nun heißt es nur noch den eidgenössischen Ausgang finden.

Das klappt hervorragend beim ersten Versuch. Das Empfangskommando hinter der Scheibe trippelt schon ungeduldig hin und her – ich werde abgeholt. Durch die stressfreie Gemächlichkeit an der Zollkontrolle auf die landestypische Mentalität vorbereitet sowie nach der bedingungslosen Kapitulation vor einem irreführend SchweizerDEUTSCH (okay, oder -dütsch) genannten Idiom folgt erstmal stürmisches Umarmen mit meinen schwiizer Ausländern.
Später dann im Auto, unterwegs in den Basler Speckgürtel und zum Domizil für die nächsten drei Tage, sehe ich beim ersten so herbeigefieberten Blick auf die Stadt – nichts.
Ehrlich – denn der Eindruck ist ein ziemlich unterirdischer, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir düsen nämlich auf der Stadtautobahn zwecks Verkehrsentlastung durch ein wirr verschlungenes Tunnelsystem und als ich die Sonne endlich wiedersehe, sind wir schon wieder draußen aus der Stadt – links und rechts nur noch grüne Berge, drauf hier und da eine malerische Burgruine. Dafür treffen wir jetzt einen niedlichen kleinen Kreisverkehr nach dem andern, auf den meisten der Rondells wachsen ebenso niedlich kleine Birkenschulen. Und dann sind wir in Reinach, der zweitgrößten Gemeinde des Kantons Basel-Land (respektive Basel-Landschaft, wie es auf Einheimisch offiziell heißt). Gelegen laut einschlägiger Information “am Südfuss des Brruderchchcholz (Bruderholz) im Birstal”.
Hach, gibt es eigentlich eine noch hübscher und noch schweizerischer klingende Ortsbeschreibung!?
Dafür gibts auf Grund offensichtlich unheilbarer epischer Breite der Verfasserin die Basel-Bummel-Bilder erst in Teil 2.
P.S. Beim Titelsong – sorry, er war beim Schreiben so eine Art böser Ohrwurm und ich kann nix dafür! – denkt der Liebhaber des gepflegten Klamauks ja an die allseits beliebten Otto-Waalkes–Interpretationen. Allerdings fehlt bei d e m in schamloser Ignoranz das Schweizer Beispiel. Reichen wir also das einzige verfügbare nach. – Achtung! Schräge Blasmusik – mit einzwei… hm, oder drei Verbläsern…
Marina reloaded: Verse auf Tapeten
Oktober 14, 2007 at 7:20 | In 2007, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 6 CommentsTags: Kultur, Gedichte, Poetry, Niederlande, Russland
Ein Update zu: Wenn ich nicht liebe… – aus leicht verschlafenem aktuellen Anlass
Leiden, die alte Universitätsstadt der Niederländer, ist ein Ort der wahren und Realen Poesie. Das verdankt sie nicht nur dem glücklichen Umstand, dass Rembrandt in ihren Mauern geboren ist, auch nicht alleine den idyllischen Kanälen und den vielen kleinen Schiffen mit den in den Himmel ragenden Masten. Nein, Leiden ist die Stadt der sprechenden Mauern.
Das ist ja nun erstmal nichts Besonderes und gleich gar nicht einmalig: Reklameposter, wahlweise Graffiti, Spontanschmierereien oder (ggf. einschlägige!) Verbotsschilder finden sich schließlich in jedem Kaff an jeder nur irgendwie zugänglichen freien Mauerfläche. Nicht so in Leiden.
Es begann 1992. Und seit nunmehr gut fünfzehn Jahren läuft die internationale Lyrik dort und
nur dort der plakatierten Werbung den Rang ab: eine ganze Stadt ist vollgeschrieben mit – Gedichten. Ihre Häuserwände zieren in Originalsprache Verse von Shakespeare, Rimbaud, Rilke, Blok, Neruda, Bachmann und wie sie alle heißen, gelegentlich auch mit Übersetzungen ins Englische oder Niederländische. (Möchte man eigentlich wissen, wie das Gros der Häuslebauer im Lande der Dichter und Denker zu derartiger Außengestaltung seiner Eigenimmobilie stünde?) Es ist ein stummes aber grandioses Festival der Dichter der Welt. Die Einer – so er denn mag und die entsprechende Traute hat – direktemang von den Fassaden herab deklamieren kann. Über hundert große Poeten wurden inzwischen an den Giebeln und Mauern von Leiden verewigt…
Die erste, der 1992 diese Ehre zuteil wurde, war aus welchen erstaunlichen Gründen auch immer Marina Zwetajewa. Das Haus Nieuwsteeg 1 reichte ihr die Wand und trägt seitdem ihr Gedicht „Моим стихам, написанным так рано…“ (Mojim sticham, napisannym tak rano…). In einer deutschen Version könnte es so klingen:
Meinen Versen, die ich früh geschrieben,
Als ich noch nicht wusste, dass ich Dichter bin,
Die wie Spritzer aus Fontänen sprühten,
Funkenflug, der aus Raketen springt,Die wie kleine Teufel eingedrungen,
Wo der Weihrauch träumt, ins Heiligtum,
Versen, ob vom Tod, ob von der Jugend,
– Versen, die noch ungelesen ruhn!Verstreut sind sie im Staub der Bücherläden,
Wo niemand sie gekauft hat, kaufen wird,
Meinen Versen wird, wie teuren Reben,
In der Zukunft einst ein Platz gebührn.
Beinahe kommt es einem so vor, als hätten die Initiatoren der Häusergedichte von Leiden gewusst, dass es passt – Marinas Poesie hat sich schon immer gut mit Wänden vertragen. Die Zwetajewa hatte die Angewohnheit, die Tapeten ihres trauten Heims als Notizbuch zu benutzen und ihre Eingebungen dort mit schneller Hand hinzukritzeln. In der ersten Moskauer Wohnung der jungen Familie Efron-Zwetajewa, die heute als Museum eingerichtet ist, kann der Besucher die vollgeschriebenen Wandverkleidungen sehen. Die Schrift ist nicht von ihrer Hand, sondern nachgestaltet, denn das Domizil hat seit 1922, als Marina mit den Kindern ihrem Mann in die Emigration folgte, nachvollziehbar oft den Besitzer und auch die Tapeten gewechselt.
Und dann ist da noch eine ’sprechende’ Mauer, auch sie mit dem Namen Marina Zwetajewa verbunden. Sie gehört zu einem Haus in Berlin-Wilmersdorf – der ersten Wohnung ihres rastlosen Exils. Allerdings ist diese Mauer traurigerweise seit einem Jahr verstummt, hat aufgehört, vom Leben einer großen Dichterin zu erzählen. Denn die Gedenktafel, die sich dort befand, ist nach einer Fassadensanierung 2006 nicht mehr angebracht worden.
Nun, was soll’s. Was braucht Poesie, wie sie realer und herzwärmender kaum sein kann, schwere marmorne Tafeln, wie sie (offenbar) künstlicher und kühler nicht sein können…
Andere machen stattdessen Lieder daraus. Eins singt Alla Pugatschowa, erfolgreiche Musikdiva mit viel Stimme, die mir allerdings fast am besten so wie hier gefällt – zu schlichter Gitarrenbegleitung, nicht ins Schlagerträllern oder woandershin abgleitend. Mag die kleine Melodie ein nachträgliches Geburtstagsständchen für Marina zu ihren eigenen Versen sein (russischer Text und deutsche Fassungen hier oder da).
Am letzten Montag wäre sie 115 Jahre alt geworden.
Fastfood für Deppen oder nur ein bisschen Babylon?
September 26, 2007 at 4:15 | In Berlin, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Hexenküche, Kultur, MarktLückenbauten | 9 CommentsVon Döner und russischen Pelmeni
Einmal in der Woche halte ich eine mobile Sprechstunde in einer Schöneberger Sprachschule ab, mit deren Inhalten ich hier um des Himmels willen keinen langweilen will. Und derentwegen ich durch die Potsdamer Straße muss. Dieses Unterfangen setzt einen markanten Wesenszug interkultureller Prägung voraus, eine antrainierte indianische Gelassenheit nämlich. Denn mehr als atemberaubende fünfsechs km/h sind nicht drin, da außer den Anliegern und einem selbst gefühlte zwei Drittel aller Berlin-Touristen, dreieinhalb Filmdrehs und mindestens ebenso viele Baustellen permanent und immerdar auf diesem Schrumpfmeilchen stattfinden.
Zum Glück ist die Schleicherei meistens ganz kurzweilig. Man kann entweder zuschauen, wie sich die Menschenschlange um die Neue Nationalgalerie wickelt, in der noch bis Oktober
die schönsten Franzosen aus New York zu Besuch sind, oder mit sich selber wetten, wie oft der Audi mit Münchner Kennzeichen noch unschlüssig rechts blinkt, um am Ende links abzubiegen. Man kann sich auch die Zeit damit vertreiben, die MultiKulti-Biergärten zu zählen.
Oder die putzigen Auffahrunfälle.
Oder das Programm vom Wintergarten zu studieren.
Oder die Besucher der Erotik-Shops zu beobachten.
Oder die lustigen Benamsungen der ungezählten gastronomischen Lokalitäten zu lesen…
Über eine von denen muss ich immer grinsen. Sie prangt auf einem Riesenschild über so einem Döner-Imbiss von etwas mehr als Telefonzellengröße und lautet DURAK. Nun bin ich ja des Türkischen weitaus unkundiger als einer Handvoll andrer Sprachen und vermutlich handelt es sich bei diesem Markenzeichen schlicht und einfach um den guten Namen einer alteingesessenen Händlerdynastie vom Bosporus. Auf Russisch, von dem ich ein paar Silben mehr verstehe, bedeutet Durak (дурак) soviel wie Dummkopf, Trottel… Depp. Und jedesmal, wenn ich das Schild lese, frag ich mich schmunzelnd, wie werbeträchtig es wohl für anwohnende Russisch-Mutterzüngler sein mag. Ob selbige sich sicherheitshalber oder boykottierend – und ohne dabei auch nur einen Gedanken an tonnenweise Gammelfleisch zu verschwenden – den Genuss des dort bereiteten Fleischgeschnipsels in der Fladenbrottasche verkneifen? Und ob der brave Verkäufer des osmanischen Fastfood, das so mancher immer noch in dem Irrtum mampft, es sei, so wie es ist, in Berlin-Kreuzberg erfunden worden, um das Hintersinnige auf seinem stolzen Schild überhaupt weiß? Und auf einmal ahnt man wieder vage – wenigstens in Marktnähe – was interkulturelle Kompetenz wert sein kann.
Lukullisches aus der russischen traditionellen Küche findet sich übrigens in der Ecke um die Potsdamer herum kaum, fällt mir da gerade auf. Das Einzige, was da in kyrillischen Lettern umworben wird, ist, glaub ich, ein Nagelstudio. Dabei kann ich mich wirklich an ein paar sehr
leckere Sachen erinnern, die es wert wären, die Marktnische zu bevölkern, auch wenn es die eine oder andere gegenteilige Meinung gibt. Tssssss, muss man also, frisch manikürt, den Bären selber jagen… öhm, selber russisch köcheln?
Für diejenigen, die diesbezüglich weder die nötige einschlägige Erfahrung noch das so empfehlenswerte wie totalitäre Kochbuch der Kaminers (amazon-Kurzbeschreibung: Lach dich satt! – und das bitte wörtlich nehmen) ihr Eigen nennen, hier mal so als Kostprobe und für den heroischen Selbstversuch das Rezept eines echten Klassikers – vom vielen Reden wird man schließlich nicht satt. Achtung, es ist einfach, aber etwas aufwändig und macht am meisten Spaß als lustige Alle-machen-mit-Kocherei.
Zutaten (für vier Personen):
Für den Teig:
500 g Mehl
1 Ei
200 ml Wasser
Salz
Für die Füllung:
400 g Gehacktes halb Schwein, halb Rind
50 g Butter
2 – 3 EL Sahne
1 – 2 Zwiebeln
Salz
Muskatnuss
schwarzer Pfeffer und andere Gewuerze nach Gewohnheit und Geschmack
ZUBEREITUNG:
Das Hackfleisch mit der Zwiebel vermengen und würzen. Wer möchte, kann auch noch fein geschnittene Weißkohlstreifen hineinmengen.
Die Eier mit Wasser, Mehl und Salz zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten und etwas ruhen lassen.Den Teig halbieren. Die erste Hälfte dünn ausrollen und mit einem runden Ausstecher (ca. 5 – 6 cm Ø) Teigkreise ausstechen. Die richtige Größe für die Teigkreise hat auch ein normales Trinkglas, dessen Rand nicht allzu dick sein sollte.
Auf jeden Kreis ca. 1 TL von der Hackfleischmischung geben.
Diese dann zu Pelmeni formen. An den Rändern fest andrücken.
Ebenso mit der zweiten Teighälfte verfahren.
Einen Topf mit Wasser zum Kochen bringen. Salz, Pfeffer und 3-4 Lorbeerblätter dazugeben. Die Pelmeni ins kochende Wasser geben und ca. 5 Min. darin garen lassen.
Die Pelmeni können mit der Brühe, die mit Crème fraîche verfeinert und/oder ein bisschen angedickt wird, oder mit Tomatensauce serviert werden. Gaaanzganz lecker auch mit einem großen Klecks Schmand pur.
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Hochhaushex'

