Spätsommergewitter

August 25, 2009 at 11:54 | In Alles platti, Berlin, Bilderhexe, Bloghexe, Hexenblabla, Hexenlieder, Hexentanz, Real-Poetisches, Spielwiese, Wetter-Hexe, Zuhaus-Hexe | 5 Comments
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Hmm… das soll Urlaubswetter werden? Na, ich weiß ja nicht.

gewitterhimmel ohne rb häuser
regen an der Fensterscheibe
Regenbogen kla Karreeregenbogen mit hochhäusern vk

Der Sommer atmet aus

buchstabe b 1öen pfeifen um die Eckeregenschirm marg vkl
und ein Windstoß – so ein Schuft! -
zerrt mich dreist dort in die Hecke,
zaust mein Haar, nimmt mir die Luft.

Ein Hut und Nachbars Abendzeitung
spielen Haschmich übern Platz,
Mutter Nachbar voll Verzweiflung
hinterher, doch – für die Katz’.

Im Blitz-Licht posen Sturmwindsbräute,
Donner grollt, was uns gleich blüht,
Nass klatscht auf versprengte Häute,
Alles rennet, rettet, flieht.

Vor dem Fenster dräut das Wetter -regenflugobjekt5_2
Dieser Sommer atmet aus.
Schirme zu Rhabarberblättern
formt verschmitzt er außer Haus.

Doch noch hat er sich nicht verzogen,
weiß, was sich schickt so hintennach:
malt tröstend einen Brückenbogen
zum Drüber-GSehn uns übers Dach…

Ist’s das wirklich schon gewesen -
Sommerbarfußmädchenglück?
Gut. Von heut an bis zum nächsten
lieb ich mich dahin zurück.

Jaah… der gute alte Regenschirm; wollte wer so einer sein?: in einem richtigen Wolkenbruch, der von allen Seiten regnet (manchmal sogar von unten), der so vieles davonweht und -schwemmt, ist er zu nichts nütze. Und wenn’s dann wieder sommert und die Pfützen fußwarm sind, wird er in der Ecke oder an einem einsamen Haken vergessen. So richtig was wert ist so einer einem vielleicht doch nur bei einem laaangen langweiligen Landregen……?

Der musikalische Sommerschlussverkauf hat heute was Einschlägiges für Ostrock-Fans, von einer, die es konnte, wie ihre Jungs auch – Tamara Danz. Unvergessen und unvergesslich… groß…

Hmjah… das lürüsche Gewitter oben ist Hexenwerk. Hobby-Poesie – nur ein Spaß. Seid also nachsichtig mit mir, Gereimtes hab ich seit Jaaahren nicht mehr öffentlich gemacht.

Quellen: Die Bilder sind noch regenfeucht, von von eben und vom Samstagswolkenbruch über Berlin. Selber gemacht, bis auf die Regenschirme – dort nur das mausgezitterte fliegende Kritzelmädchen. ;)
Video: Silly: Bye Bye my Love. Aus: Bye Bye… – Best of Silly Vol. 1 (1996). Via youtube.

Mit Tschechow nach Marzahn

Februar 1, 2009 at 10:46 | In 2009, Alles platti, Berlin, BildungsLückenbauten, Bücherhexe, Drumherum und anderswo, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 3 Comments
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Über Mohrrüben und das Leben und ein paar seltsame Begegnungen in der S-Bahn

„Ich empfehle von Herzen, Tschechows Werke
so oft wie möglich zur Hand zu nehmen und
durch sie hindurchzuträumen, wie das ein Leser tun soll.“

(Vladimir Nabokov)

schild-btt-1Berlin Alexanderplatz.

Ich sehe ihn schon von weitem, wie er mit wehenden Mantelschößen von der Rathausseite heranstürmt und muss schmunzeln, als er entschuldigend seinen Hut vor einem regenbogenfarbenen Punk zieht, der ihm rempelnd vor die eilenden Füße gekollert ist. Der Typ schaut ihm mit offenem Mund hinterher.

„Da sind Sie ja, Anton Pawlowitsch, willkommen, ich freue mich. Nur vielleicht hätten wir doch lieber im Taxi statt mit der S-Bahn….?“

„Die Freude ist ganz meinerseits. Aber, aber Kindchen, Sie auch? Der Wirt meiner netten Pension hatte schon so ein kleines Entsetzen in den Augen, als er erfuhr, was ich vorhabe. Wissen Sie, ich bin durch Sibirien gereist und hab vor 120 Jahren die Abgründe Russlands auf Sachalin gesehen. Wer wird da vor den Abgründen einer Stadt des zivilisierten 21. Jahrhunderts die Hosen voll haben?”

Tschechow-Skulptur mit Regenschirm TomskEr zwinkert mir mit blitzenden Augen zu und rückt unternehmungslustig seinen Hut in die Stirn. Ich zwinkere zurück:

“Sie haben Recht. Ich w o h n e da – seit …zig Jahren, gleich um die Ecke. Und ich wette, Ihr Wirt ist noch nie in Marzahn gewesen. Solche Leute pflegen das Abgründige dort am besten zu kennen. Kommen Sie, hier die Treppe hoch. Wir schaffen die nächste Bahn noch.”

“Wie fahren wir, ist es weit bis zum Theater?” – “Mit der Linie 7 bis Ahrensfelde, Endstation. Noch ein paar Meter zu Fuß und schon sind wir da. Nicht länger als eine halbe Stunde.”

Die Bahn ist mäßig besetzt.
Uns schräg gegenüber am Fenster sitzt ein hitzig streitendes Pärchen, russischer Landadel, vorletztes Jahrhundert, das sich zur Gaudi der Umsitzenden nicht um die Lautstärke schert. Streitpunkt? Das liebe Geld, was sonst?:

Sie: …Überdies sind es heute gerade sieben Monate, daß mein Mann gestorben ist, und ich befinde mich gegenwärtig in einer Stimmung, die mich am wenigsten zur Beschäftigung mit Geldsachen disponiert.
ER: Und ich befinde mich gegenwärtig in einer solchen Stimmung, daß ich, wenn ich morgen die Prozente nicht bezahle, beinvoran aus dem Schornstein fliege. Man konfisziert mir mein Gut!
Sie: Übermorgen erhalten Sie Ihr Geld.
Er: Ich benötige das Geld nicht übermorgen, sondern heute.
Sie: Verzeihen Sie, aber heute kann ich Ihnen nicht bezahlen.
Er: Und ich kann bis übermorgen nicht warten.
Sie: Was soll man denn tun, wenn ich’s jetzt eben nicht habe!
Er: Kurzum, Sie können nicht bezahlen?…
Sie: Ich kann nicht…
Er: Hm!… Ist das Ihr letztes Wort?
Sie: Ja, mein letztes.
Er: Das letzte? Positiv?
Sie: Positiv.
Er: Ergebensten Dank. Das wolln wir auch so notieren.

In der kurzen Funkstille zwischen den beiden lupft mein Begleiter grüßend den Hut zu ihnen hinüber und wendet sich mir wieder erwartungsvoll zu:

tschechow_ohne-tolstoi-aus-russl_journal“Nun, erzählen Sie, Kindchen, erzählen Sie! Wie kam es zu dieser Ehre, in dieser Siedlung mit den hohen… den Hochhäusern ein Theater nach mir zu benennen?”

„Oh, man verehrt Sie, Anton Pawlowitsch, heute wie damals. Und hat Sie sicherlich wissen lassen, dass Sie heute Abend viele Landsleute treffen werden, Rückkehrer in das Land ihrer Wurzeln, die Ihre Muttersprache sprechen und ihren Tschechow im Bücherregal stehen haben. Und sie teilen diese Verehrung durchaus mit vielen ihrer deutschen Nachbarn. Dass es das Theater überhaupt gibt – ja, solche Schnörkel malt das Leben -, verdankt sich auch ein bisschen den vorhin erwähnten ‘Abgründen’. Kultur braucht Geld und manchmal, vor allem in, wie wir es heute gern nennen, sozialen Brennpunkten, öffnet die Stadt ihr Säckel dafür. Und aus diesem Säckel fließt es erstaunlicherweise und auch zum Segen des Theaters unverdrossen, auch wenn es dort im Viertel inzwischen nicht mehr gar so lichterloh brennt, wie ich meine. Was der Kultur da aber nur zum Wohle und gut sein kann…“

Der Streit neben uns flammt wieder auf:

dame_mit_dem_huendchen_me

Sie: Sie verstehen sich nicht in weiblicher Gesellschaft zu benehmen!

Er: Nein, ich verstehe mich sehr wohl in weiblicher Gesellschaft zu benehmen!

Sie: Nein doch! Sie sind ein ungezogener, grober Mensch! Anständige Menschen sprechen nicht so mit Frauen!
Töricht und grob.

Er: Töricht und grob! Ich verstehe mich in weiblicher Gesellschaft nicht zu benehmen! Meine Gnädige, ich habe in meiner Zeit mehr Frauen gesehen, als Sie Sperlinge! Dreimal hab ich mich im Duell geschossen wegen Frauen, zwölf Frauen habe ich verlassen, neun verließen mich! Tja-wohl! Es gab eine Zeit, da spielte ich den Narren, raspelte Süßholz, redete Honig, sprühte Perlen und knixte mit den Füßen [. ..] Ich liebte leidenschaftlich, auf jegliche Manier, hol mich der Teufel, schwatzte wie eine Elster über Frauen-Emanzipation, habe mein halbes Vermögen auf Zartgefühl verlebt, aber jetzt – gehorsamer Diener! Jetzt führt ihr mich nicht mehr an! Genug! Sschwarze Augen, rote Lippen; Grübchen auf den Wangen, Vollmond, Flüstern, scheues Atmen — für das alles gebe ich heute, meine Gnädige, auch nicht einen Kupferdreier! [...] In der Liebe versteht sie nichts weiter als winseln, miauen und den Kopf hängenlassen! Wo ein Mann leidet und opfert, drückt sich ihre Liebe bloß darin aus, daß sie mit der Schleppe schwänzelt und uns um so fester an der Nase führt [...] Nun sagen Sie mir auf Ehre und Gewissen: Haben Sie je eine Frau gesehen, die aufrichtig, treu und beständig war? Nein, Sie haben sie nicht gesehen! Treu und beständig sind allein Greisinnen und Mißgeburten! Eher noch treffen Sie eine gehörnte Katze oder eine weiße Waldschnepfe, als eine beständige Frau!

Sie: Erlauben Sie, wer ist denn dann Ihrer Meinung nach treu und beständig in der Liebe? Etwa der Mann?

Er: Tja-wohl, der Mann!

Sie: Der Mann! Der Mann treu und beständig in der Liebe! Sagen Sie, was für eine Neuigkeit! [...] Die Männer treu und beständig! Wenn wir schon davon reden, so will ich Ihnen sagen, daß von allen Männern, die ich je gekannt habe und kenne, der allerbeste mein verstorbener Gatte war… Ich liebte ihn leidenschaftlich, mit meinem ganzen Wesen, wie nur eine junge, denkende Frau zu lieben vermag; ich gab ihm meine Jugend, mein Glück, mein Leben, mein Vermögen, ich atmete ihn, betete zu ihm wie eine Heidin, und… und was? Dieser beste aller Männer betrog mich gewissenlos auf jedem Schritt! Nach seinem Tode fand ich in seinem Tisch eine Schublade voll von Liebesbriefen, und bei seinen Lebzeiten ließ er mich — schrecklich zu denken! — zu ganzen Wochen allein, machte vor meinen Augen anderen Frauen den Hof, betrog mich, warf mit meinem Geld herum, machte sich über meine Liebe lustig .. . Und, ungeachtet alles dessen, liebte ich ihn und war ihm treu . . .

Er: [...] Mir unbegreiflich, für wen Sie mich halten? Als ob ich nicht weiß, warum Sie diese schwarze Maskerade tragen [...] Gewiß doch! Das ist so geheimnisvoll, so poetisch! Fährt am Gutshaus irgendein Leutnant oder ein wildgelockter Dichter vorüber, so blickt er auf die Fenster und denkt: „Hier wohnt jene geheimnisvolle Tamara, die sich aus Liebe zu ihrem Gatten in ihre vier Wände vergraben hat.“ Wir kennen doch diesen Hokuspokus! [...]

Sie: Wie unterstehn Sie sich, mit mir derart zu reden?

Er: Bitte, schreien Sie nicht, ich bin Ihnen kein Verwalter! Lassen Sie mich doch die Dinge beim rechten Namen nennen. Ich bin keine Frau und pflege meine Meinung direkt herauszusagen! Also, schreien Sie bitte nicht!

Sie: Ich schreie nicht, Sie schreien! Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!…

Wir sehen uns grinsend an. “Ich hoffe, Sie haben Ihr Notizbuch dabei, lieber Anton Pawlowitsch. Die Luft an dem Ort, an den wir uns begeben, riecht nach Geschichten, wie Sie sie lieben.” „Du fragst: was ist das Leben? Das ist, als wollte man fragen: was ist eine Mohrrübe? Eine Mohrrübe ist eine Mohrrübe, mehr ist darüber nicht zu sagen“, murmelt er. Kramt in seinen Taschen und nickt. “Und weiter, Mädchen? Erzählen Sie weiter.”

Dazu soll es zunächst nicht kommen. Denn am Ostkreuz steigt ein Kontrolleur zu:

“Ihre Fahrkarten, bit–te!” ruft er, lustig mit der Zunge klappernd. [...]

Verschlafene, ins Halbdunkel gehüllte Gestalten fahren zusammen, schütteln die Köpfe und reichen ihm ihre Fahrkarten.

“Ihre Fahrkarte, bit–te!” wendet sich Podtjagin an einen Passagier [...], einen hageren Menschen, der sich in einen Pelzmantel und eine Decke gehüllt hat [...] “Ihre Fahrkarte, bit–te!”

Der hagere Mensch gibt keine Antwort. Er schläft. Der Oberschaffner berührt seine Schulter und wiederholt ungeduldig: “Ihre Fahrkarte, bit–te!”

Der Passagier fährt zusammen, öffnet die Augen und blickt Podtjagin entsetzt an. “Wie? Was? Wer?” “Ich sage Ihnen doch: Ihre Fahrkarte! Sind Sie so gut!”

“Mein Gott!” stöhnt der hagere Mensch und verzieht weinerlich das Gesicht. “Du lieber Gott! Ich leide an Rheumatismus … drei Nächte habe ich nicht geschlafen, habe extra Morphium eingenommen, um einzuschlafen, und Sie kommen mit Ihren Fahrkarten! Das ist doch grausam, unmenschlich! … Es ist grausam und unnütz! Was brauchen Sie plötzlich meine Fahrkarte? So dumm!”

Podtjagin überlegt sich, ob er sich verletzt fühlen soll oder nicht, und entschließt sich für das erstere. “Schreien Sie bitte nicht! Hier ist kein Wirtshaus!” sagt er.

“Im Wirtshause sind die Leute viel menschlicher …”, sagt der Passagier hustend. “Jetzt muß ich zum zweitenmal einschlafen! Es ist doch merkwürdig: das ganze Ausland habe ich bereist, und kein Mensch hat von mir meine Fahrkarte verlangt; hier aber kommen sie jeden Augenblick, wie wenn der Teufel sie stieße! …”

“Fahren Sie dann ins Ausland, wenn es Ihnen so gut gefällt!”

“Es ist dumm, verehrter Herr! Jawohl! Es genügt ihnen nicht, daß sie die Passagiere durch Kohlendunst, Hitze und Zugluft halb hinmorden, sie müssen sie auch noch mit allen diesen Formalitäten plagen. Meine Fahrkarte braucht er plötzlich! Gott, welch ein Eifer! Wenn es doch der Kontrolle wegen wäre, aber der halbe Zug fährt ohne Fahrkarten!”

“Hören Sie mal, Herr!” braust Podtjagin auf. “Wenn Sie nicht aufhören, zu schreien und das Publikum zu belästigen, so muß ich Sie auf der nächsten Station aus dem Zuge weisen und über Ihr Benehmen ein Protokoll aufnehmen!”

“Es ist empörend!” schimpft das Publikum. “Wie er dem kranken Menschen zusetzt! Hören Sie mal, man muß doch Rücksicht nehmen!”

“Der Herr schimpft aber selbst!” entgegnet Podtjagin feige. “Gut, ich verzichte auf seine Fahrkarte … Ganz wie Sie wünschen … Aber Sie wissen doch, daß das meine Pflicht ist … Wenn es die Dienstinstruktion nicht verlangte, dann natürlich … Sie können sogar den Stationschef fragen … Sie dürfen jeden fragen …”

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Der frustrierte Kontrolljagin verlässt an der nächsten Station die Bahn – nicht, ohne dass mein Nachbar ihm ein grübelnd verträumtes Lächeln hinterher schickt. Und obwohl das aufgelöste Publikum sich langsam wieder beruhigt, ahne ich: das wird nix mehr mit einer gepflegten und ungestörten Unterhaltung bis zur Endstation. Ich fass mal zusammen – und kann’s dem großen Kollegen ja dann ausdrucken, wenn er mag.

blick-inDas Berliner Tschechow-Theater kenn ich ja schon aus der Zeit, als es noch ganz woanders war, was sag ich, als es noch nicht mal so hieß und das Publikum sich noch an den kleinen runden Kaffeehaustischen niederließ. Ich war sogar an einem der großen Erfolge des Vorgängers beteiligt: einer Filmvorführung und Diskussion zu Günter Kottes “Lieber Wolodja” über den heißgeliebten Volksbarden Wladimir Wyssozki. In Anwesenheit des Filmemachers, der seinen Spuren in Moskauer Kneipen und anderswo gefolgt war. Die Resonanz und Sachkenntnis der Leut’ hat uns damals umgehauen und wir mussten bei Nachbars noch Stühle borgen gehn. Das war zu der Zeit, so Ende der Neunziger, als ich in der Ecke noch ein eigenes und wohlbesuchtes soziokulturelles Projekt am Leben erhielt und, meist vergeblich, bei den ansässigen Vertretern des Stadtsäckels um ein paar Kröten bettelte.

Die Intendantin des späterhin Tschechow-Theaters, die beiläufig kein Mensch Intendantin nennt, ist Slowakin und promovierte Kulturwissenschaftlerin und ruiniert mit ihrem Engagement für den Laden nix, außer Tag für Tag ihre Gesundheit. Ich hab selbiges in und aus ihr – spätestens – ohne Wenn und Aber schätzen gelernt, als sie mir dereinst quasi für lau und aus Kollegialität geholfen hat, ein multikulturelles Event in der Heiligkreuz-Kirche in Kreuzberg für 800 Leute aus allen Bundesecken auf die Beine zu stellen. Freundinnen wurden wir schon vorher. Und von der Hilfe hat sie a u c h was gehabt: von den erstaunlich zahlreichen Kontakten zu Künstlern, die bereit waren, damals für unsere kärglichen Euronen (oder ohne) aufzutreten, zehrt sie noch heute.

autorenlesung-tschechow-1Und das Theater, entstanden zuvörderst aus dem Wunsch russlanddeutscher Zuwanderer, ihre eigene Kultur und Sprache in das Leben im Kiez einzubringen, ist ihr Baby. Sein Markenzeichen sind zweisprachige Theateraufführungen v.a. von komödiantischen Tschechow-Einaktern wie “Der Bär”, “Der Heiratsantrag” etc. Was allerdings der Vielseitigkeit des Programms in keiner Weise gerecht wird. Das reicht quer durch alle Kunstgenres und Zielgruppen. Neben Konzerten, Kinderbespaßungen, Kabarettaufführungen und was weiß ich noch alles können Maler ihre Bilder ausstellen, Amateurtänzer ihre ersten Lorbeeren sammeln und No-Name-Autoren an die Öffentlichkeit treten und an ihrem Ruhm arbeiten – wenn sie sich denn trauen.

Bahnhof Mehrower Allee. Nun wird es aber Zeit, meinen guten Anton Pawlowitsch von dieser pelzbemantelten Landsmännin loszueisen. Die muss ihn erkannt haben und versucht gerade, ihm ihre selbstgestrickten dramatisch-literarischen Werke anzuschwatzen:

“Sehen Sie, ich … ich …”, sagte die Dame, indem sie Platz nahm, in noch größerer Erregung. “Sie erinnern sich meiner nicht … Ich heiße Muraschkina … Sehen Sie, ich bin eine große Verehrerin Ihres Talents und lese stets mit Genuß Ihre Aufsätze … Glauben Sie nur nicht, daß ich Ihnen schmeicheln will, – Gott behüte! – ich lasse Ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren … Immer, immer lese ich Ihre Aufsätze! Einigermaßen stehe ich auch selbst der Schriftstellerei nicht ganz fern, d.h. natürlich … ich wage es nicht, mich eine Schriftstellerin zu nennen, aber auch ich habe schon einige Tropfen Honig in den Bienenkorb der Literatur gebracht. Zu verschiedenen Zeiten sind von mir drei Erzählungen für die Jugend erschienen, – Sie haben sie natürlich nicht gelesen … ich habe auch viel übersetzt und … und mein verstorbener Bruder war Mitarbeiter der Zeitschrift ‘Djelo’.”

“So, so … hm … Womit kann ich dienen?”

eingangstur-btt-bea“Sehen Sie … (Die Muraschkina senkte die Augen und errötete). Ich kenne Ihr Talent … und Ihre Anschauungen [...] und möchte gerne Sie um Ihre Ansicht oder eigentlich um Rat bitten. Ich bin, pardon pour l’expression, mit einem Drama niedergekommen, und bevor ich es an die Zensur schicke, möchte ich Ihr Urteil hören…”

“Oh, entschuldigen Sie tausendmal, dass ich Ihr angeregtes Gespräch unterbreche, aber wir sind da, Anton Pawlowitsch.” Er wirft mir einen dankbaren Blick zu, schlägt den Kragen hoch und folgt mir auf den Bahnsteig. Das streitsüchtige Paar aus dem Zug scheint denselben Weg zu haben wie wir. Wenige Minuten später stehen wir am Fuß eines Elfgeschossers. An der Eingangstür zum Ladentheater erwartet man uns schon – also mehr ihn, glaub ich.

Das Pärchen ist backstage verschwunden. Wen wunderts? – gegeben wird heute “Der Bär”. Zweisprachig.

P.S. Viel zu lang! – jaja, ich weiß. Aber ich konnte nicht anders. Und jaja, drei Tage zu spät… ich weiß, ich weiß. Aber es war ja nur die Generalprobe; runder Geburtstag ist nächstes Jahr, da passt’s dann. ;)

Bilder: Tschechow-Denkmal in Tomsk: Wikimedia commons. Tschechoew-Porträt: RusslandJournal (modifiziert). Dame mit Hündchen-Szenenbild: Deutsches Filminstitut.de. Autorenlesung: Feelgoodradio-Archiv. BTT Marzahn: selbereigene.
Song: Wladimir Wyssozki: „За меня невеста…“ (Sa menja newesta…) – via youtube.
Textquellen: Anton Tschechow: Der Bär, OdysseeTheater Wien. Anton Tschechow: Ja, das Publikum! und Das DramaGutenberg Projekt.
I

Das Mädchen des Tages

Januar 22, 2009 at 12:52 | In Alles platti, Berlin, BlogMist, Dings des Tages, Drumherum und anderswo, Hexen-Unfug, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 2 Comments
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Dings des Tages (2)

augenaufschlagHat sie nicht einen sexy Augenaufschlag, die sonnige kleine Französin? Und dieses verschmitzte Lächeln, ist es nicht süüüß?

Welcher Kerl, sogar wenn er auf zwei Beinen, ohne Pferdestärken unter der Mütze und mit keinem Tiger im Tank unterwegs ist, möchte da nicht zurückblinzeln. Wo ja nicht mal ich, die ich unvelwechserbar selber ein Mädchen bin, nicht anders konnte, als ihr verschwörerisch schnell mal mit dem linken Auge zuzuzwinkern – nur keine Gelegenheit auslassen, in dem trostlosen Mistwetter einen kleinen Lichtblick zu erhaschen. Heißgeliebter realpoetischer Alltagskitsch.

verschmitztes-lacheln1

Die – nein, keine Gnade! ;) – dazugehörige Schnulze des Tages:

Wahlweise auch in der Cover-Version der Typen ohne Leben im Beinkleid oder auch Bullys Mädchen im Planwagen. Aaaaaah! Okayokay… bin ja schon weg. ;)

Bilder: Meine, aufgenommen beim Vorbeihetzen auf dem morgendlichen Dienstweg in Friedrichshain, Weidenweg.

zwei-scheinwerferaugen

Das Dings des Tages…

Januar 14, 2009 at 11:41 | In Alles platti, BlogMist, Bloghexe, Dings des Tages, Drumherum und anderswo, Hexentanz, Real-Poetisches, Unnützes Wissen, Zuhaus-Hexe | Leave a Comment
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wild-thing…ist ein Versuch, durch mehr oder weniger regelmäßige Futtergaben für diese neu erschaffene Rubrik des Hexenblogs einen therapeutischen Beitrag zur Selbstdisziplinierung der ansässigen Besenfliegerin zu leisten. Und zu besserer Ausnutzung ihrer oft spärlichen Zeitreserven. Vor allem und zuvörderst aber, die Plattenbauromantik, die mitnichten so ärmlich ist, wie sie für sich Manchen vielleicht anfühlt, und natürlich erst recht den geneigten Leser nicht weiter so scham- und lieblos vor sich hin hungern zu lassen. ;)

Ähm… was noch lange nicht heißt, dass die Fütterung täglich erfolgt, nur nicht gleich überfressen übertreiben. Dennoch handelt es sich hierbei eindeutig und ohne Frage um ein Projekt „Gute Vorsätze fürs neue Jahr“. Na, schaun wir mal.

Die etwas diffuse Namensgebung soll dabei kein Im-Trüben-Fischen, Im-Dunkeln-Tappen, Im-Nebel-Stochern oder ähnlich Unentschlossenes suggerieren. Nein, sondern derdiedas Dings des Tages will uns lediglich ein sonniges Offenhalten aller Optionen für Bemerkenswertes, Lustiges, Ab- und Tiefgründiges, Helden- und Zauberhaftes oder auch ganz und gar Unnützes bedeuten. Ich lasse mich da mal selber überraschen. Man fängt ja irgendwann an, seinen Blog auf Schritt und Tritt in sich mitzuschleppen, wenn ihr wisst, was ich meine. :) In diesem Sinne.

Sozusagen als Premierendings – tadaaa! – darf ich vorstellen?:

Der Nachzügler des Tages!

oller weihnachtsbaum

Entdeckt bei mir vorm Haus einzwei Stunden nach der jüngsten Abholung der nadelnden Weihnachtsüberreste. Man hofft für ihn, der ja – unwissend und schuldlos – diese Verspätung nicht selbst zu verantworten hat, dass die BSR-Muskelmänner ihn bei ihrer unwiderruflich letzten Runde für dieses Jahr noch finden. Und denkt wieder mal an das traurige Ende des eitlen kleinen Tannenbaums vom Hans Christian Andersen.

Wenigstens liegt er brav und unaufdringlich in der ihm zugewiesenen Ecke. In meinem Friedrichshainer Dienstbezirk kollern diese abgewrackten Stachelviecher hemmungslos vor deinen Füßen übern Gehweg. Und du hebst verunsichert und fluchtbereit den Blick nach oben, weil du nicht sicher sein kannst, ob sie nur der verspielte Nordost dorthin geweht hat oder doch die hauptstädtischen Südschweden bei einem nicht näher benannten Möbelhaus Knut feiern gelernt haben. (Ich werd den Teufel tun und hier Schleichwerbung begehen!)

Passt also schön auf, dass euch nix auf den Kopf fällt, lernt lieber was über das Maibaumwerfen in meiner weiland Heimat. Und nicht verzagen! Denn eins ist sicher: der nächste Frühling kommt bestimmt.

Bilder: Wild Thing: allposters.de. Bummelbaum: Selbereigenes.
Song: Die Ärzte: die Ärzte Jäg Alskar Sverige. Via youtube.

Dinner for You, kein Kästner und guten Rutsch!

Dezember 31, 2008 at 10:26 | In 2008, 2009, Alles platti, Bloghexe, Fest-Platte, Fremd-Worte, Hexenblabla, Hexentanz, Kultur, Real-Poetisches, So Momente halt... | 3 Comments
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buchstabe-auch wenn er sowas von Recht hat, kann man ja nicht schon wieder wie letztes Mal die treue Leserschar mit den unpädagogischen Ermunterungen seines Leib- und Magen-Kästner ins neue Jahr schicken. Hmm, was fangen wir also heuer mit Silvester an und wen haben wir da denn noch so im Angebot?

Tucholsky vielleicht? Nee, den sieht man ja genauso ratlos wie sich selber. Und so richtig aufzubauen vermag er einen irgendwie auch nicht, wa?:

Silvester

Was fange ich Silvester an?
Geh ich in Frack und meinen kessen
Blausanen Strümpfen zu dem Essen,
Das Herrn Generaldirektor gibt?
Wo man heut nur beim Tanzen schiebt?
Die Hausfrau dehnt sich wild im Sessel -
Der Hausherr tut das sonst bei Dressel -,
Das junge Volk verdrückt sich bald.
Der Sekt ist warm. Der Kaffee kalt -
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Wälz ich mich im Familienschoße?
Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce,
Dann gibt’s Gelee. Dann gibt es Krach.
Der greise Männe selbst wird schwach.
Aufsteigen üble Knatschgerüche.
Der Hans knutscht Minna in der Küche.
Um zwölf steht Rührung auf der Uhr.
Die Bowle -? (‘Leichter Mosel’ nur – )
Prost Neujahr!
Ach, ich armer Mann!
Was fange ich Silvester an?

Mach ich ins Amüsiervergnügen?
Drück ich mich in den Stadtbahnzügen?
Schrei ich in einer schwulen Bar:
„Huch, Schneeballblüte! Prost Neujahr -!“
Geh ich zur Firma Sklarz Geschwister -
Bleigießen? Ists ein Fladen klein:
Dies wird wohl Deutschlands Zukunft sein…
Prost Neujahr!
Helft mir armem Mann!
Was fang ich bloss Silvester an?

Na dann eben “the same procedure as every year”. Jaaah, “Dinner for One” ist Kult – und Kult ist gut, weil was Konsensfähiges. Außerdem gibts den diesmal sogar in einer raffiniert auf traditionell-avantgardistisch getrimmten Version aus dem Hause LEGO:

Für konservative Liebhaber des Originals in dezentem Schwarz-Weiß und notorische Gewohnheitsgucker natürlich auch selbiges zum alten Preis:

denn egal, was Silvester auch immer mit uns anfängt: kein Jahresende ohne Miss Sophie mit dem gesunden Appetit und ihren verblichenen Verehrern sowie dem dienstbaren besoffenen Butler. Oder? ;)

Ha! Und zu guter Letzt dann doch noch was Erhebendes von einem Positivdenker – leider auch schon verblichen:

Wünsche zum neuen Jahr

Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit
Ein bisschen mehr Güte und weniger Neid
Ein bisschen mehr Liebe und weniger Hass
Ein bisschen mehr Wahrheit – das wäre was

Statt so viel Unrast ein bisschen mehr Ruh
Statt immer nur Ich ein bisschen mehr Du
Statt Angst und Hemmung ein bisschen mehr Mut
Und Kraft zum Handeln – das wäre gut

In Trübsal und Dunkel ein bisschen mehr Licht
Kein quälend Verlangen, ein bisschen Verzicht
Und viel mehr Blumen, solange es geht
Nicht erst an Gräbern – da blühn sie zu spät

Ziel sei der Friede des Herzens
Besseres weiß ich nicht

Peter Rosegger. Aus: „Mein Lied“

Was quatsch ich hier eigentlich noch rum? Wo ich doch nur sagen wollte:
Kommt gut rüber ins neue Jahr, Leute! Und durch natürlich auch. Wir sehn uns.

Eure Hex’

Everyone I know goes away in the end…

September 12, 2008 at 11:56 | In Alles platti, Drumherum und anderswo, Hexentanz, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Zuhaus-Hexe | 5 Comments
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latte-Wohnen ist manchmal ganz schön anstrengend.

Ich bin genervt. Denn mein Herr Unter-Nachbar, 10. Stock, links, hämmert mir seit einer geschlagenen Stunde mit allen Reglern auf rechts geschlagene Klampfe, geblasenes Blech und den verheerenden Ring-of-Fire-Ohrwurm durch die Zimmerdecke – also seine, die mein Fußboden ist. Rauf und runter, immer wieder von vorne. Himmel! Was macht der am Freitagabend – üben für ‘ne Karaoke-Show??

Ich überlege, ob ich ihn mit einem kräftigen Schlag gegen das Heizungsrohr an Paragraph 1 der HVO (=Hochhausverkehrsordnung) – der da lautet: Zimmerlautstärke und gegenseitige Rücksichtnahme – erinnern soll, und schalte, sozusagen als Fluchtversuch vor dieser ohrwürmelnden Boa Constrictor, das Radio ein.

Es laufen die Nachrichten… „Heute vor fünf Jahren starb der amerikanische Countrysänger Johnny Cash.“ —————-

Hmmm… wenn das nicht Grund und Alibi genug ist für was Legendäres (und Regler nach rechts):

… und diesen einmaligen Clip (sorry, die bessere Version lässt sich leider grad nicht embedden :( )… und ein bisschen sentimentale Wehmut – durfte der alte Man in Black sich mit der Stimme einfach so davonmachen? Aber wer weiß, wer sagt uns denn, dass nur ELVIS LEBT…? ;)

Jahaaa, da musst du jetzt a u c h durch, Herr Nachbar.

Ruhe weiter in Frieden, Johnny.
We’ll find a way…Machs gut, Man in Black!

Bild: via. Video: youtube.

Im Frühtau zu Basel… valeraaaa! (Teil 1)

Juli 8, 2008 at 1:15 | In 2008, Alles platti, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Globe-Trottel, Hexengeschichten, Hexenritte, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Wetter-Hexe | 6 Comments
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Ein Reisebericht

Hex\' beim AnflugDie Hex’ war auf Reisen. Vorletztes Wochenende. Statt wie gewohnt auf dem Besen zu reiten, leistete sie sich diesmal ausnahmsweise den ausschweifenden Luxus eines Billigfliegers. Schließlich ging es um die würdige Audienz bei einem kleinen benachbarten Bergvolk Und, wer haat’s erfundn? – Na, die Schweizer natürlich.

Oh ja, und los ging es wirklich lausig früh, mitten im besten Tiefschlaf quasi. Aber so ein Wochenend ist ja höllisch kurz, weswegen man es so weit wie möglich zu strecken sucht. Von Frühtau dagegen keine Spur – nur das blanke Morgengrauen und die letzten Schnaufer einer lauwarmen Sommernacht, die wieder einen bruzzelheißen Tag androhen. Die Jacke kann also schon mal ins Aufgabegepäck – da weiß man wenigstens, wofür man inzwischen stolze Siebenfuffzich abdrückt.

Über den Wolken...

Ha, und wer hat eigentlich das Timing verbrochen? Während traumatisierte Einheimische auf der Flucht vor dem Hype um eine aufgepumpte Lederblase ihrer Stadt den Rücken kehren, mache ausgerechnet ich mich auf gen Basel. Allerdings möchte ich dazu ausdrücklich angemerkt wissen, dass mitnichten und auf keinsten Fall dieses über den grünen Rasen kullernde Ding auch nur das Geringste mit Hexis Reiselust zu tun hat, sondern ein längst fälliges Familientreffen nach freudigem Ereignis. So!

...muss die Freiheit wohl...

Über das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer flugbereiter Großstädter zur Eincheckzeit schröbe man wieder mal ganze Bände. Wie von dieser penetranten Schickse im Papageien-Look vielleicht, die als Kunst- und Künstlerkennerin erkannt werden will. Und darob balzend und voll Selbstbefriedigungsdarstellungstrieb, vor allem aber mit Durchsagenlautstärke ihren Begleiter, einen sympathischen kleinen Italiener, pseudokompetent zutextet:

Schaurig schön“Also dieses Üvent war doch großartüg pörformt, fündest du nücht?
UnddieAusstrahlungdesAmbiente -einfachtoooollll. JaderBlablablaverstehtseinMötjöh. UnddieKollegenwarnjasoooechauffiert. UnddiesehüstorüschenMauern, haaaach! ——– üchmussmirmalsoeinArchütekturbuchkaufen, üchbringdieStüüleimmerdurcheinander… GotükundRomantükundBarockoko undso….”

Oder über die Spezies der aufgeregt durch die Halle flatternden Urlaubsmuttis. Beim Anblick ihres gigantischen Kosmetikarsenals im Handgepäck, mit dem sie zum Sicherheitscheck antreten, drängt sich hartnäckig die Frage auf, was denen wohl unterm frisch frisörgestylten Pony tickt. – Dass die Riesenschilder vor ihrer Nase für böse Terroristen da hängen? Oder packen die gerne all ihre Spraydöschen und Flakönchen und Tübchen in der Öffentlichkeit aus – und halten damit den ganzen Abfertigungsbetrieb auf? Und überhaupt, wieviel von dem Kram braucht frau unterwegs auf dem Hüpfer nach Palma De Malle?

Bitte Schwimmwesten anlegen!Endlich an Bord der A 319 denkt man noch an ‘ne kleine Mütze voll Schlaf, um den unchristlich frühen Aufbruch halbwegs zu kompensieren. Das ist sowieso das Beste, denn, zu meiner Schande sei’s gesagt, die Hex’ – gewiefte Besenpilotin hin oder her – ist nicht frei von Flugangst. Was liegt also näher, als das mulmige Gefühl in der Magengegend einfach wegzudösen. Das sich spätestens einstellt, als die Maschine mit einem unheilvollen Quietschen, Knarren und Stöhnen im Bauch losrollt. Ach nee, halt, nachm Start kommt ja noch die obligatorische Demonstration des Rettungsprozedere durch die Mädels von der Crew – wovon einem auch nicht grad wohler wird. Unverzichtbar daran ist vor allem die Instruktion zur Handhabung der Schwimmwesten. Weil man nämlich angesichts des aktuell zu überfliegenden Territoriums vorm inneren Auge gestochen scharf die wilden Wogen des mittel- und süddeutschen Ozeans an den Strand schwappen sieht. Aber höchstwahrscheinlich steuert der Pilot im Ernstfall mit traumwandlerischer Routine die Mitte des Rheins oder den Bodensee an. Und so gesehen sind denn auch die blauweißen Lederhösner und die Eidgenossen Seefahrernationen – oder wenigstens Küstenvölker, jawoll.

Der Minutenschlaf hat gut getan und ich klettere unternehmungslustig die Gangway hinunter. Auf gehts, Basel ich komme!

Naja, noch nicht ganz, denn vorher ist nochmal volle Konzentration gefragt, damit man nicht unversehens im falschen Land landet. Der Baaasler Flugchchafen ist nämlich, wenn mans ganz genau nimmt, nur die Hälfte von einem ganzen, ein weltweit wohl einmaliges Phänomen, worauf in gewisser Weise schon sein stolzer Name Basel-Mulhouse-Freiburg hindeutet. Bekanntlich liegt er mitten im Dreiländereck, putzigerweiser nicht mal auf schweizer, sondern auf französischem Boden. Und die Schweizer und die Franzosen betreiben ihn – in bestem europäischen Geist – gemeinsam. (Die deutsche ‘Ecke’ hingegen ist nur Anhängsel ohne Stimmrecht im trinationalen Beirat und Mitnutzer.) Nun heißt es nur noch den eidgenössischen Ausgang finden.

Airport Basel-Mulhouse-Freyburg
Das klappt hervorragend beim ersten Versuch. Das Empfangskommando hinter der Scheibe trippelt schon ungeduldig hin und her – ich werde abgeholt. Durch die stressfreie Gemächlichkeit an der Zollkontrolle auf die landestypische Mentalität vorbereitet sowie nach der bedingungslosen Kapitulation vor einem irreführend SchweizerDEUTSCH (okay, oder -dütsch) genannten Idiom folgt erstmal stürmisches Umarmen mit meinen schwiizer Ausländern.

Später dann im Auto, unterwegs in den Basler Speckgürtel und zum Domizil für die nächsten drei Tage, sehe ich beim ersten so herbeigefieberten Blick auf die Stadt – nichts.

Basel unter!Ehrlich – denn der Eindruck ist ein ziemlich unterirdischer, im wahrsten Sinne des Wortes. Wir düsen nämlich auf der Stadtautobahn zwecks Verkehrsentlastung durch ein wirr verschlungenes Tunnelsystem und als ich die Sonne endlich wiedersehe, sind wir schon wieder draußen aus der Stadt – links und rechts nur noch grüne Berge, drauf hier und da eine malerische Burgruine. Dafür treffen wir jetzt einen niedlichen kleinen Kreisverkehr nach dem andern, auf den meisten der Rondells wachsen ebenso niedlich kleine Birkenschulen. Und dann sind wir in Reinach, der zweitgrößten Gemeinde des Kantons Basel-Land (respektive Basel-Landschaft, wie es auf Einheimisch offiziell heißt). Gelegen laut einschlägiger Information “am Südfuss des Brruderchchcholz (Bruderholz) im Birstal”.

Hach, gibt es eigentlich eine noch hübscher und noch schweizerischer klingende Ortsbeschreibung!?

Dafür gibts auf Grund offensichtlich unheilbarer epischer Breite der Verfasserin die Basel-Bummel-Bilder erst in Teil 2.

Nicht nur der Ball ist rund von unbekanntP.S. Beim Titelsong – sorry, er war beim Schreiben so eine Art böser Ohrwurm und ich kann nix dafür! – denkt der Liebhaber des gepflegten Klamauks ja an die allseits beliebten Otto-Waalkes–Interpretationen. Allerdings fehlt bei d e m in schamloser Ignoranz das Schweizer Beispiel. Reichen wir also das einzige verfügbare nach. – Achtung! Schräge Blasmusik – mit einzwei… hm, oder drei Verbläsern… ;)

Heile, heile… Welt?

Juni 26, 2008 at 5:26 | In 2008, Alles platti, Berlin, Drumherum und anderswo, Hexen-Gedanken, Kultur, MarktLückenbauten, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, Real-Politisches, SchilderBilderbuch, Wetter-Hexe | 1 Comment
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Nach-Wort und -Bild zum Sonntag

Ich mag diese Wochenenden, an denen alle unter der Hitze stöhnen und die Sonne hemmungslos vom Himmel knallt. Sie sind wie für mich gemacht – ich bin ein Sommermädchen. Ja, so eins mit den immerzu kalten Füßen, solange die Temperaturen unter zwanzig Grad rumbibbern.

Ha, aber jetzt ist Barfußzeit! Und nach dem ganzen Wochenstress fühlt sich kaum was so gut an wie eine Wiese unterm Bauch, die Grasspitzen auf Augenhöhe, ein Buch vor der Nase, leises Windfächeln und Bienengesumm um die Ohren. Hm, und ist man zu träge, sich irgendwo hinzubewegen, tuts auch der Balkon. Doooch… die sonnenwarmen Sohlen

ohne Schuh’

und ohne Strümpf’

und ohne Hatz

auf die Brüstung gestemmt, lasse ich ein lecker-kühles Zitronensorbet zwischen den Lippen schmelzen und faulenze mit halbgeschlossenen Augen vor mich hin. Das Seniorenheim gegenüber hat einen Leierkastenmann angeheuert und altberliner Musike weht gedämpft zu mir herüber… Die Stimmung hat sowas von heiler Welt – jedenfalls, solange sich die Hoffnung hält, dass der mit der Drehorgel nur für eine Stunde gebucht ist.

Die einzige heile Welt übrigens, die ich höchstpersönlich kenne, döst ausgerechnet an meinem gelegentlichen Dienstweg vor sich hin. Wobei kennen ja eine maßlose Übertreibung ist.
Heile Welt in Schöneberg
Sie ist tagsüber nämlich immer geschlossen. Was zunächst nicht weiter tragisch anmutet, weil ich sowieso zur Tür nebenan rein muss. Treppe HartnackschuleDie Treppe hinter d e r gehört zu einer sehr sympathisch geführten Sprachschule und hallt üblicherweise von babylonischem Gezwitscher aus aller Herren Länder wider – außer wenn gerade Unterricht ist. Dann hat man auch mal Muße innezuhalten für stille kleine Details, die das schweifende Auge im sorgsam und liebevoll bewahrten Flair einer alten Berliner Großstadtvilla entdeckt. Hier scheint die Welt in Ordnung. Auch für Minderheiten. Was sich bekanntermaßen nicht unbedingt in die Breite verallgemeinern lässt. D a s wiederum lässt einen solche Ideen wie die geplante Schließung des kleinen aber feinen Radio multikulti (dem ich selber schon die Ehre hatte, ein Interview zu geben) durch die hauptstädtische Mutteranstalt weniger als Greifen nach dem Rettungsanker denn als einen Griff ins Klo sehen. (Zur einschlägigen Un-Willensbekundung gehts zet Be hier lang.)

Allerdings (und weil wir eh grad bei Minderheiten sind) würde man ja auch gern mal einen Blick hinter die Rolläden der “Heilen Welt” riskieren, die sich als Cafe-Bar outet und nach einschlägiger Information eine von den stylüschen, für Hinz UND Hetero sehr gastlichen, City-Schwulenkneipen – sogar mit Kuschelfell an den Wänden – ist. Verbirgt sich hinter dem Namen nun ein Orakel, eine Vision… ein Konzept… oder die pure Ironie einer um_weltgebeutelten Zielgruppe. Letzters liegt nahe, seitdem jüngstens in der Eingangstür öffentlich eine heileweltfremde Reglementierung ausgeschildert ward:

Doch es zählt ja der gute Wille. Schließlich gibt es – gleichfalls an Hexis Dienstweg – weitaus guerillierndere und unheiligererere WeltKonzepte:

Extrem günstig!

***

Wenn man so oft wie die Hex’ andauernd dort in der Gegend um die Bülowstraße rumscharwenzelt, muss einem zum weitläufigen Thema so unversehens wie zwangsläufig ein welt-weiser Blaublüter aus altem meckpommschen Ritteradel einfallen, der hochverehrte Freiherre Loriot nämlich. Schließlich gilt er als unermüdlicher Erfinder seiner eignen der heilen Welt (u.a. mit leckerer Postkartenabteilung). Außerdem als exzellenter Kenner all ihrer unheiligen Irrungen und Wirrungen (äh nee, letztere warn schon vom Herrn Nachbarn, aber der hat se uns vererbt. Holla, und der Ritter von Bülow wird heuer demnächst auch schon fümfunachzich – Kinder, wie die Zeit vergeht!) Die Suche nach der- und denselbigen ist beim Loriot, genauso wie ihr kicherndes Beklagen, ‘ne Berufskrankheit. Die ihn bis in die eigene und fremde Badewanne hinein verfolgt. Eine schmunzelnde und kultige Wiederentdeckung, die es wert ist geteilt zu werden:


ABER DIE ENTE BLEIBT DRAUSSEN! ;)

*

H i e r draußen, vor Fenster und Balkon, entlädt sich inzwischen ein donnerdrummelnder Wolkenbruch und heilt die dürstende Welt.

Setzt die Segel!

Bilder: Selbereigene. Loriot auf der heilen Welt und der Hundskerl: aus Loriots heiler Welt.

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