…Where’d All The Good People Go?
Oktober 4, 2008 at 10:07 | In 2007, 2008, Bloghexe, Drumherum und anderswo, Free Burma, Geschichtsbuch, Hexen-Gedanken, Kalenderblätter, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, So Momente halt... | 1 CommentTags: Free Burma, Leben, Gesellschaft, Blogosphäre, Menschen, Erinnern, Solidarität, Politik, Oktober, Blogger
Heute vor einem Jahr – do you remember?
Wisst ihr noch?
Heute auf den Tag genau vor einem Jahr gab es neben vielen Real-Life-Bekundungen auch in der internationalen Blogosphäre einen großen und herzwarmen Akt der Solidarität für ein kleines gebeuteltes Volk, von dem viele damals vielleicht zum ersten Mal ergoogelten, wo dieses Land überhaupt liegt.
Dem Aufruf “One blogpost for Burma” folgten damals in einer konzertierten Aktion tausende Blogger über Ländergrenzen und Ozeane hinweg.
Erinnert ihr Euch? Die Regierung und das Militär von Myanmar (Burma, Birma) erstickten damals die friedlichen Proteste der Mönche in den Safrankutten und verzweifelter Menschen in diesem Vielvölkerstaat gegen Hunger und Repressionen und für ein freies Burma mit Terror und Blut. Und der Bloggertag der moralischen Unterstützung, dessen stringente Organisation über engagierte Aktivisten und deren Netzwerke mich schwer beeindruckte, stieß allerorten auf offene Augen und Ohren. – Wenn man mal von den paar nörgelnden kritischen Stimmen absieht, die den Organisatoren und dem solidarisch geeinten Bloggervolk Aktionismus, Einäugigkeit hinsichtlich des Elends der Welt und was weiß ich noch vorwarfen…
Es ist still geworden um die Ereignisse und die Situation in Burma. Nicht z u still? Gar totenstill?
Oh, falls es einer nicht weiß, es hat sich nicht viel geändert dort, nachdem der Widerstand und Protest der Septembertage von 2007 durch die Diktatoren gebrochen wurden. Schon gar nicht zum Besseren, nachdem zu allem Überfluss der Zyklon Nargis auch Myanmar heimgesucht und verheerende Zerstörungen hinterlassen hat. (Hand aufs Herz, wer hat bei Deutschland hilft mitgemacht und für die Opfer gespendet?) Das Land ist weitgehend nach außen abgeschirmt, auch der Zugang zum www. Viele der damals Verhafteten sitzen immer noch in den Gefängnissen, viele Mönche und Dissidenten sind verschwunden, getötet, hinter die Grenzen der Nachbarstaaten oder weit weg geflohen oder untergetaucht. Der Hunger, Zwangsarbeit und Repressionen – es gibt sie immer noch. Mit dem unter Einschüchterung und Druck abgehaltenen Referendum über eine Verfassung – von deren Ausarbeitung die Opposition ausgeschlossen war – hat die Militärdiktatur im Mai 2008 ihre Macht festklopfen lassen. Scheinheilige ‘Schönheitskorrekturen’ der Machthaber sollen die Weltöffentlichkeit täuschen…
Um an diese Informationen zu kommen, muss man heuer schon ein bisschen im Netz kramen. Man stößt auf Burma-Seiten, auf denen man hin- und her gerissen zwischen Besorgnis und Enttäuschung, ja, sogar eigenem schlechten Gewissen, seit Herbst 2007 keine Aktivitäten mehr verzeichnet. Ja, es ist still geworden…(Das letzte deutliche Lebenszeichen der Free-Burma-Initiative vom vorigen Jahr habe ich als Umfrage zur Aktion vom 4. Oktober 2007 in Erinnerung. Und die Free-Burma-Banner sind von den meisten Blogs mit der Zeit wieder verschwunden.)
Totenstill? Nein, ganz so ist es nicht. Es gibt – auch in Deutschland – viele Aktivisten, die sich unermüdlich für die Menschen in Burma einsetzen, zum Beispiel hier oder hier oder hier. Ein Schweizer Journalist hört nicht auf, über die Situation dort zu berichten, ebenso das zweisprachige (Englisch und Burmesisch) Online-Magazin BURMA DIGEST.
Das aus den USA agierende web-Projekt Avaaz.org unter der Leitung des kanadischen Weltbürgers Ricken Patel mobilisiert via www erfolgreich eine internationale Community. (Danke an stefan888 für den erhellenden Blog-Beitrag.)
Und trotzdem beschleicht mich immer wieder das Gefühl, als hätten die Kritiker und Skeptiker der Bloggeraktion “Free Burma” von vor einem Jahr irgendwie Recht behalten – was meint i h r? Bauen die Menschen dort – und überall in der Welt – nicht weiter und immer wieder auf uns? Müssen wir nicht mehr tun?
Ach ja, und verdächtigt jetzt wen ihr wollt des Gutmenschentums. Ich jedenfalls bin ins Grübeln geraten – und sollte ein besserer werden, glaube ich. Und wäre ich es dann einmal, empfände ich diesen Verdacht als eine Ehre…
Glittering Saffron
(by NAY YU, via BURMA DIGEST)Where are those voices of ‘Metta’?
While the Evils still in power
Where are those Saffron power?
Glittering in the sky
Deep in our mind
Though Evils rule our land
With their bloody hands.
Where are those ‘Sons of Buddha’?
While the guns still pointing our hearts
Where are those ‘Peaceful Walks’?
Glittering beyond the horizon
Still shining for the by-gone
Though Evils rule our land
With thier bloody hands.
Quellen: Bild „Free Burma“ – StuCkCaRBoy; Videos via Youtube (1, 2 und 3: Song von Jack Johnson: „Where’d All The Good People Go“.)
Haus Vater, Heine und – Heino?
Dezember 13, 2007 at 6:04 | In 2007, BildungsLückenbauten, Fest-Platte, Kalenderblätter, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches, So Momente halt... | 7 CommentsTags: Bücher, Dichter, Kultur, Literatur, Robert Gernhardt
Oder: So Tage zum KinderDichterkriegen
Heute vor zehn Jahren, am letzten runden Geburtstag, den er erleben durfte,
führte er ein Gespräch mit seinem Schöpfer:
„Schier sechzig Jahr auf deiner Welt -
bekomme ich jetzt Schmerzensgeld?“
„Mein Kind, mir geht dein Wunsch zu Herzen:
Geld hab ich keines. Doch kriegst du Schmerzen!“
Mussten ausgerechnet diesmal dessen Versprechungen in Erfüllung gehen – wo ER es sonst nicht immer gerad’ so genau damit nimmt?
Doch ein Geburtstag soll kein Tag zum Trauern sein, das hätt’ er nicht gewollt, der Robert Gernhardt, nicht er. Wenigstens auf einem lachenden Auge hätte er bestanden. Und er war stolz, dass er diesen Tag mit einem teilte, der auch für seine Kunst nicht ohne Folgen blieb. Und einem Preis seinen Namen lieh, mit dem er im Jahre 2004 bekränzt wurde – Heinrich Heine hätte heute auf seinen höchstpersönlichen 210. bechern können.
Obwohl… Heines Geburtsdatum ist ja immer noch umstritten. Nicht so für Robert Gernhardt. Auf eine diesbezügliche Frage in einem Interview mit dem WDR über seinen großen Kollegen anlässlich dessen 150. Todestages 2006 antwortete er:
Da habe ich mich drauf eingestellt, und daran gewöhnt, dass wir am selben Tag Geburtstag haben. Mein Geburtsdatum ist klar, das ist der 13.12. Wäre Heines nicht klar, wär’s sehr schade, denn Heino hat auch am 13.12. Geburtstag. Und wenn Heine und Heino nicht am selben Tag Geburtstag haben, dann geht ein Treppenwitz der deutschen Kulturgeschichte den Bach runter und das wäre nicht zu wünschen…
Er hat bis zuletzt dafür gesorgt, dass wir ihn nicht vergessen – was wir eh nicht hätten können. Hinterließ noch schnell neben allem anderen zwei Bücher: sein „Später Spagat“ (wird im Juni 2008 neu aufgelegt) – in Versen und dem auf Gernhardtsche Art verbrämten Wissen um das, was kommt – wird uns ‘Hinterbliebenen’ von einseitig.info eindringlich ans Herz gelegt, das letzte Stückchen Prosa nicht weniger innig von Uwe Wittstock auf Welt Online. Die Kurzbeschreibung zu „Denken wir uns“ bei amazon beglückt Gernhardt-Fans nochmal anrührend damit, wie sehr er bei ihnen war. Er
…lädt den Leser noch einmal in die von ihm ver- und bedichtete Welt ein: in den verschatteten Lesesaal einer toskanischen Abtei nahe Montaio, ans Weltgericht, vor dem Norbert Gamsbart Rede und Antwort stehen muss, in Jan Vermeers Atelier nach Delft und immer wieder in die Mainmetropole, in die Runde dreier Freunde, die sich mit „Geschichtsrosinen aus dem Lebenskuchen“ zu überbieten versuchen. Vor allem aber ist dieser Band eine letzte Hommage des Dichters an seine Leser: „Denken wir uns euch, das Salz der Erde nicht nur, sondern den Dünger jedweder Kunst. An wen wollten wir uns denn wenden, wenn es euch nicht gäbe?“
Und ich, ich würde sonstwas darum geben, wenn sich mir die Gelegenheit zum „Tod-Lachen“ böte. Nana, keine Panik – so titelt die FR-online zur Ausstellung „Robert Gernhardt – die letzten Bilder“, die heute passend zu diesem Tag im Historischen Museum in Frankfurt eröffnet wird und dort bis zum 2. März 2008 zu sehen ist. Dieses Date mit seinen Zeichnungen und Versen – ich bin sicher, es wird für viele ein Lachen unter Tränen sein:
Im Schatten der von mir gepflanzten Pinien
will ich den letzten Gast, den Tod, erwarten:
„Komm, tritt getrost in den besagten Garten
ich kann es nur begrüßen, daß die Linien
sich unser beider Wege endlich scheiden.
Das Leben spielte mit gezinkten Karten.
Ein solcher Gegner lehrte selbst die Harten:
Erleben, das meint eigentlich Erleiden.“Da sprach der Tod: „Ich wollt’ mich grad entfernen.
Du schienst so glücklich unter deinen Bäumen,
daß ich mir dachte: Laß ihn weiterleben.
Sonst nehm ich nur. Dem will ich etwas geben.
Dein Jammer riß mich jäh aus meinen Träumen.
Nun sollst du das Ersterben kennenlernen.“
Heute wäre Robert Gernhardt 70 Jahre alt geworden…
Bilder: Robert Gernhardt: Selbstporträt via Christian Y. Schmidt, Riesenmaschine; R. Gernhardt: Heine? – Das weiß Gott alleine! via wdr.de; R. Gernhardt: Grafik zu J. Ringelnatz’ Abendgebet einer erkälteten Negerin, Creative Commons.
Licht an, Licht aus oder was?
Dezember 8, 2007 at 7:45 | In 2007, Alles platti, Hexen-Gedanken, Hexentanz, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Politisches, Uncategorized | 3 CommentsTags: Blogosphäre, Gesellschaft, Leben, Sex, Umwelt
Ich hatte mich schon gewundert, warum heut plötzlich die Zugriffe auf meinen schon etwas angestaubten „Licht-aus!“-Blog in für meine Verhältnisse schwindelerregende Höhen schießen. Vorher taten sie das nur gelegentlich exzessiv – bevorzugt nachts – wegen eines leicht anzüglichen Comic-Bildchens sexuellen Inhalts, das dort leihweise Verwendung fand.
Die stromlose Erleuchtung fiel mir wie ein Betrunkener im Dunkeln vor die Füße: Ich bin Hellseherin, Vordenkerin!! – was auch immer. Meine private und einsame Initiative zum Energiesparen zielte seinerzeit zwar eher gegen Strompreiswucherer sowie auf die Verbesserung der zwischenmenschlichen Kontakte und gute Nachbarschaft. Und sämtliche erhellenden Gedanken dazu waren fern von eventuellen Folgen für länderumspannende Stromnetze – lassen sie die Leut’ doch problemlos auch dezentral für einen guten Zweck enger aneinander rücken.
Doch die Idee dahinter ist, wie man sieht, auch auf die den Menschen, Zwischenmenschen und Nachbarn verbindende Sorge um unsere Umwelt transformierbar.
Was die heutige 5-Minuten-Licht-aus-Aktion angeht, bin ich allerdings etwas verwirrt. Und nicht nur ich, dem Frederic zum Bleistift geht es ähnlich. Denn augenscheinlich gibt’s zum Plan auch einen Gegenplan… und Rufer in der Wüste Warner und Spötter und so. Und mit dem eigenen Halbwissen über zu erwartende Effekte – über das anderer maßt man sich ja kein Urteil an – weiß unsereins nicht so recht, was tun, und neigt dann vielleicht doch mehr zum… Vermeiden und Abwarten?
Samanta hingegen weiß ganz genau, was sie will, egal, obs dunkel oder hell ist:

Jawollja, es lebe die Energie des Zwischenmenschlichen!
Bild: (sicherheitshalber) Creative commons
Rennpappe die Zweite. Heute: Trabi-Online-Klau
November 7, 2007 at 11:05 | In 2007, BlogMist, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Hexentanz, Real-Politisches, Uncategorized | 9 Comments…und dann noch der 90. Geburtstag einer älteren Dame
enn du morgens noch im Halbschlaf deinen Computer anwirfst,
wenn du in der Zeit, die er zum Hochfahren braucht, in die Küche tappst,
wenn du dort erst mal ‘nen Wachmacher durch die Kaffeemaschine jagst,
wenn du – immer noch dösend – mit dem Kaffeepott in der Hand barfuß zurück zum Monitor wankst,
wenn du nur noch mal schnell deine Emails checken willst,
wenn du weißt, dass es Zeit wird, sich warm angezogen und beschuht in die Tageshatz und den Berufsverkehr zu stürzen,
wenn du dann auf der Startseite im Aktuellen die Überschrift (okay, die halbe) und Sätze deiner eigenen einst geposteten Trabi-Laudatio liest,
dann fragst du dich doch:
Träum ich noch?
Klaut da wer?
Dürfen die das?
So geschehen heute morgen – mir.
Ich hab (soviel Zeit muss sein!) zwecks Beweissicherung extra einen Screenshot gemacht – auch wenn ich erstmal suchen musste, wie das geht.
Meine Version war die hier. Und wohooow, heute zum echten trabantenen Geburtstag kamen vielevieleviele Trabifreunde gucken. Danke.
***
Dass der Trabant am 7. November 1957, zum 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution, das Licht dieser Welt erblickte, war übrigens damals kein Zufall, sondern mit voller Absicht von entscheidungstragendem Platze so hingedreht. Dieselbe hat somit heute per Addition und nach Adam Ries ihr 90. Jubiläum. Nur, damit es keiner vergisst und für den Fall, dass es jemand begehen, begießen oder gebührend würdigen mag.


Bilder: Creative Commons.
Marina reloaded: Verse auf Tapeten
Oktober 14, 2007 at 7:20 | In 2007, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Kalenderblätter, Kultur, Real-Poetisches | 6 CommentsTags: Kultur, Gedichte, Poetry, Niederlande, Russland
Ein Update zu: Wenn ich nicht liebe… – aus leicht verschlafenem aktuellen Anlass
Leiden, die alte Universitätsstadt der Niederländer, ist ein Ort der wahren und Realen Poesie. Das verdankt sie nicht nur dem glücklichen Umstand, dass Rembrandt in ihren Mauern geboren ist, auch nicht alleine den idyllischen Kanälen und den vielen kleinen Schiffen mit den in den Himmel ragenden Masten. Nein, Leiden ist die Stadt der sprechenden Mauern.
Das ist ja nun erstmal nichts Besonderes und gleich gar nicht einmalig: Reklameposter, wahlweise Graffiti, Spontanschmierereien oder (ggf. einschlägige!) Verbotsschilder finden sich schließlich in jedem Kaff an jeder nur irgendwie zugänglichen freien Mauerfläche. Nicht so in Leiden.
Es begann 1992. Und seit nunmehr gut fünfzehn Jahren läuft die internationale Lyrik dort und
nur dort der plakatierten Werbung den Rang ab: eine ganze Stadt ist vollgeschrieben mit – Gedichten. Ihre Häuserwände zieren in Originalsprache Verse von Shakespeare, Rimbaud, Rilke, Blok, Neruda, Bachmann und wie sie alle heißen, gelegentlich auch mit Übersetzungen ins Englische oder Niederländische. (Möchte man eigentlich wissen, wie das Gros der Häuslebauer im Lande der Dichter und Denker zu derartiger Außengestaltung seiner Eigenimmobilie stünde?) Es ist ein stummes aber grandioses Festival der Dichter der Welt. Die Einer – so er denn mag und die entsprechende Traute hat – direktemang von den Fassaden herab deklamieren kann. Über hundert große Poeten wurden inzwischen an den Giebeln und Mauern von Leiden verewigt…
Die erste, der 1992 diese Ehre zuteil wurde, war aus welchen erstaunlichen Gründen auch immer Marina Zwetajewa. Das Haus Nieuwsteeg 1 reichte ihr die Wand und trägt seitdem ihr Gedicht „Моим стихам, написанным так рано…“ (Mojim sticham, napisannym tak rano…). In einer deutschen Version könnte es so klingen:
Meinen Versen, die ich früh geschrieben,
Als ich noch nicht wusste, dass ich Dichter bin,
Die wie Spritzer aus Fontänen sprühten,
Funkenflug, der aus Raketen springt,Die wie kleine Teufel eingedrungen,
Wo der Weihrauch träumt, ins Heiligtum,
Versen, ob vom Tod, ob von der Jugend,
– Versen, die noch ungelesen ruhn!Verstreut sind sie im Staub der Bücherläden,
Wo niemand sie gekauft hat, kaufen wird,
Meinen Versen wird, wie teuren Reben,
In der Zukunft einst ein Platz gebührn.
Beinahe kommt es einem so vor, als hätten die Initiatoren der Häusergedichte von Leiden gewusst, dass es passt – Marinas Poesie hat sich schon immer gut mit Wänden vertragen. Die Zwetajewa hatte die Angewohnheit, die Tapeten ihres trauten Heims als Notizbuch zu benutzen und ihre Eingebungen dort mit schneller Hand hinzukritzeln. In der ersten Moskauer Wohnung der jungen Familie Efron-Zwetajewa, die heute als Museum eingerichtet ist, kann der Besucher die vollgeschriebenen Wandverkleidungen sehen. Die Schrift ist nicht von ihrer Hand, sondern nachgestaltet, denn das Domizil hat seit 1922, als Marina mit den Kindern ihrem Mann in die Emigration folgte, nachvollziehbar oft den Besitzer und auch die Tapeten gewechselt.
Und dann ist da noch eine ’sprechende’ Mauer, auch sie mit dem Namen Marina Zwetajewa verbunden. Sie gehört zu einem Haus in Berlin-Wilmersdorf – der ersten Wohnung ihres rastlosen Exils. Allerdings ist diese Mauer traurigerweise seit einem Jahr verstummt, hat aufgehört, vom Leben einer großen Dichterin zu erzählen. Denn die Gedenktafel, die sich dort befand, ist nach einer Fassadensanierung 2006 nicht mehr angebracht worden.
Nun, was soll’s. Was braucht Poesie, wie sie realer und herzwärmender kaum sein kann, schwere marmorne Tafeln, wie sie (offenbar) künstlicher und kühler nicht sein können…
Andere machen stattdessen Lieder daraus. Eins singt Alla Pugatschowa, erfolgreiche Musikdiva mit viel Stimme, die mir allerdings fast am besten so wie hier gefällt – zu schlichter Gitarrenbegleitung, nicht ins Schlagerträllern oder woandershin abgleitend. Mag die kleine Melodie ein nachträgliches Geburtstagsständchen für Marina zu ihren eigenen Versen sein (russischer Text und deutsche Fassungen hier oder da).
Am letzten Montag wäre sie 115 Jahre alt geworden.
Free Burma!
Oktober 4, 2007 at 12:02 | In 2007, Drumherum und anderswo, Real-Politisches, Uncategorized | 2 CommentsTags: Free Burma
Free Burma

Grafik: napoji
Über die aktuellen Entwicklungen: der Burma-Ticker beim Spiegelfechter.
Uns bleiben „Neue Leiden“ und eine Legende
August 9, 2007 at 11:10 | In 2007, Berlin, Kultur, So Momente halt... | 4 Comments
Im Osten müssen noch heute viele seinen Namen nicht googeln noch nachschlagen. Denn wer kannte ihn nicht: den ‘Vater’ von Edgar Wibeau, mit dessen „Neuen Leiden des jungen W.“ er auch im Westen berühmt wurde. Den Autor der Legende vom Glück ohne Ende – der Film um Paul und Paula ist immer noch und schon wieder bekannt und geliebt. Und als ich ihn vor ein paar Wochen anlässlich eines nach mir geworfenen Filmstöckchens besungen habe, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass dies so schnell den Hauch eines Nachrufs bekommen würde…
Ulrich Plenzdorf ist heute im Alter von 72 Jahren gestorben.
Lasst uns ihm ein Abschiedslied singen – mit den Puhdys, der Band, die zusammen mit Paul und Paula Kult wurde. Den Text dafür hat Plenzdorf (sich) selbst geschrieben: „Wenn ein Mensch lebt“.
Haut rein, Jungs!
Sexy, kultig, unkaputtbar: GO Trabi, GO!
Juli 17, 2007 at 12:38 | In 2007, Alles platti, BildungsLückenbauten, Drumherum und anderswo, Fest-Platte, Kultur, Mitmensch - unbekanntes Wesen, Real-Poetisches | 3 Comments
Leicht verwirrt stehe ich neulich Im Einkaufs-Center meiner Wahl. Die Passage hat plötzlich und unerwartet sowas von Parkdeck – oder Autohaus. Und was für einem! So eins gibt es bestimmt nirgends nicht in echt, jedenfalls nicht, was die Marke angeht: Trabanten allüberall – frisch gewienert und trutzig vor sich hin glotzend, stolz und fachkundig von ihren Besitzern präsentiert. Der Anlass ist ein staunens- und denkwürdiger, denn:
Die Rennpappe wird 50!

Bild: http://www.james.de/26PS/index1.htm
Kaum zu glauben!
Im November 1957 liefen die ersten DDR-Volkswägele vom Band der Sachsenring-Werke Zwickau und avancierten fortan nicht nur zu einer unerschöpfliche Quelle von Trabi-Witzen, sondern vor allem zum liebevoll gepflegten Objekt der Begierde. Für das in den Zeiten größter Nachfrage die Wartezeit (in Jahren!) sogar zweistellig war. Was den Insider heute über der Frage brüten lassen mag, für wen denn eigentlich die knalligen Werbespots für das Zweitakterle produziert wurden. Für den zu Disziplin und Geduld erzogenen Inländer wohl eher nicht…
Robust war er ja, der Kleine, dochdoch. Mit dieser Gebrauchseigenschaft fuhr er schließlich vor über anderthalb Jahrzehnten gar durch eine Mauer. Das muss auch die Zeit gewesen sein, in der der Trabi-Kult geboren wurde. Denn eigentlich gehört der Trabant seit 16 Jahren zu den Untoten: als nach der Wende der Run auf die früher unerreichbaren Pferdestärken auf vier Rädern begann, versuchten die Sachsenring-Werker noch eine Weile vergeblich, ihn zu verkaufen, am Ende gar zu verschleudern. Doch am 30. April 1991 verließ der unwiderruflich letzte Trabi das Fließband in Zwickau. Es war der 3.096.099ste… Und die frischgebackenen Neufünfländler stießen zu tausenden ihre getreuen Gefährte(n) ab.
Hach, da werden Erinnerungen wach…
Als Nachwende-Fahrschülerin habe ich Anfang der Neunziger ja aufm aktuellen Golf Diesel die Straßen von Berlin unsicher gemacht, ziemlich schnell sogar DEKRA-geprüft. Doch mein erstes Auto war ein Trabi, dezent mattgrau, von einem Freund für 1 (EINE!) symbolische D-Mark erworben. Die Umstellung auf die Lenkradschaltung machte mir kurzzeitig ein wenig zu schaffen – ich habe ein paar Tage lang im Morgendämmer heimlich auf menschenleeren Straßen geübt. Aber dann: alles paletti.
Öhm… nicht ganz. Mit einigen speziellen Tücken des Objekts haderte ich etwas länger. Schon mal Trabi gefahren? Einschlägig Vorbestrafte Alte Trabipiloten wissen jetzt, dass man vor dem Start den Benzinhahn manuell öffnen muss – Hattu vergessen? Bleibt sich Auto nach etlichen hundert Metern stehn. Der größere – und folgenschwerere – Fehler: zum Starten musst du den Choke ziehen. – Hattu vergessen, den wieder reinzuschieben? Dann hattu einsfixdrei verölte Kerzen und nix geht mehr. Oh, ich hatte oft verölte Kerzen – und seitdem immer Ersatz zum Wechseln und Werkzeuch dabei. Damals verlor ich auch die Angst vor dem Innenleben meiner Asphaltblase.
Wider Erwarten war der Trabant nicht untot zu kriegen. Nicht erst seit „Go Trabi, go“ hat er Millionen Fans in aller Welt, die sich in Trabantfahrer-Clubs, auf Ralleys, Trabi-Safaris und alljährlichen Treffen tummeln. Im Net gibts ungezählte Foren, Online-Ersatzteilhändler und Profi-Ratgeber, sogar extra Online-Magazine – ich hab mich fast totgegoogelt, und es nahm kein Ende. Bei den Berliner Trabigören fand ich eine interessante Notiz:
„1995 entdeckte man im Zollhafen von Mersin, in der Türkei, 444 1.1er der letzten Bauserie, die nicht zugelassen wurden, weil der Importeur in Konkurs ging. Sachsenring holte die etwas mitgenommenen Trabanten nach Zwickau, möbelte sie wieder auf und verkaufte sie für 19.444 Märker als ‘The Last Edition’.“
Und über die Vorzüge des virtuellen „Trabant 2000″ kann man sich auf amüsante Weise hier informieren. Kleine Kostprobe gefällig?
„Asymmetrische Klappergeräusche erleichtern die Fehlersuche. Durch ein ausgeklügeltes System von Rohrleitungen wurde es mit ingenieurtechnischem Feeling möglich, die Heizleistung stets geschwindigkeitsproportional zu gestalten. Den Schritt zur ungeschüzten Scheibenbremse haben wir wohlweislich unterlassen. Wir verfolgen das bewährte Prinzip der gut gekapselten Trommelbremse.
Depressionen, die durch großzügige Innenraumgestaltung entstehen könnten, werden durch den ab Modell 1987 hellblau gespritzten Himmel weitestgehend abgebaut. Durch die vorn weit herabgezogene Dachkante werden Blendwirkungen vermieden. Dazu trägt auch der speziell entwickelte Mattlack bei. Die neue Farbe „Gletscherblau“ assoziiert eine direkte Verbindung zur Heizleistung des Wagens. Wo andere Fahrzeuge eine verwirrende Instrumententafel besitzen, haben wir uns für ein schlichtes und übersichtliches Armaturenbrett entschieden….“
Zurück ins Einkaufs-Center meiner Wahl. Mit großen staunenden Kulleraugen und zahlreichen abgelenkten Wochenendeinkäufern entdecke ich, was aus der guten alten Rennpappe so geworden ist – liebevoll (um)gebaut oder getunt ohne Ende: neben dem schlichten Alltagsmodell (Natur, matt) räkeln sich das schnittige Cabrio (Rubinrot, hochglanz), der unverwüstliche tarnfarbene Kübelwagen und die mondäne Stretchlimou mit allen Schikanen und Sachsenring-“Stern“. Bescheiden am Rande kuscheln Polizei- und Feuerwehrtrabi…
Noch Fragen? TRABI IST KULT! Philosophie… eine Lebenseinstellung. ![]()

Trabi ist unkaputtbar!

Trabi ist – immer noch für irgendwas zu gebrauchen!

Bild: http://industrieform-ddr.de/
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