Der Kyrill und sein Method
Januar 21, 2007 at 3:30 | In Drumherum und anderswo, Fremd-Worte, Hexen-Gedanken, Kultur | 6 CommentsÜber Wetterkapriolen und eine kulturelle Sturmböe
Wie man jüngstens durch freundliche Erklärung wieder erinnert wurde, ist es nirgendwo schöner als zu Hause. Und nachdem sich in meinen kuscheligen vier Wänden ganz oben unterm Dach der tobende und heulende “Kyrill” wie ein ganz normales Unwetter angefühlt und an mir keine bleibenden Schäden hinterlassen hat, kann ich das nur unterstreichen.
Davon, dass er an unserem neuen milliardenschweren Hauptbahnhof mit tonnenschweren Stahlträgern und in meiner dienstlichen Behausung mit Scherben aus Fensterglas warf, erfuhr ich erst am nächsten Tag.
Wer zum Teufel gibt diesen zerstörerischen Naturereignissen nur ihre Namen, frag ich mich. Und verleiht ihnen unter genüsslich exzessiver Verwendung derselben geradezu bösartig menschliche Wesenszüge? Zumindest war das für mich der seltsame Beigeschmack so mancher einschlägigen Berichterstattung. Der Gipfel sprachlicher Skurrilität und Ahnungslosigkeit(?): cyrillos, aus dem Griechischen stammend, heißt: der Herrliche. Na toll!
Der Kyrill, an den i c h bei dieser Orkantaufe sofort denken musste (schau an! – ahnte man bis dato doch gar nicht, was von der eigenen verblassten Studentengelehrsamkeit noch so alles hängengeblieben ist), hat in weiten Landstrichen durchaus segensreiche Wirkungen hinterlassen. Und zwar über tausend Jahre vor
seinem wetternden Namensvetter, gemeinsam mit seinem Bruder Methodij.
Die zwei Heiligen Brüder Kyrill und Method, wie sie auch genannt werden, zogen seinerzeit als Missionare durch die Lande der Slawen und halfen, diese zum byzantinischen Christentum zu bekehren. Und da die neuen Schäflein in der Herde des Griechischen unkundig waren, erfanden sie ihnen für ihre Kirchenbücher eine eigene Schriftsprache, das kirchenslawische Alphabet. Einen Teil der Buchstaben wandelten sie dabei aus dem griechischen Alphabet ab. Für Laute, die im Griechischen nicht vorkamen, wurden Zeichen aus der altslawischen – schon früher von Kyrill entwickelten – Glagoliza zugrunde gelegt. Jaha, gleich ein ganzes neues Alphabet, da kann sich sogar der olle Luther noch ‘ne Scheibe abschneiden.
Wir kennen es heute – mit all den Vereinfachungen und sonstigen Reformierungen, die es im Laufe der Jahrhunderte, so z.B. unter Peter I., erfahren hat – als das kyrillische Alphabet, benannt nach dem jüngeren der beiden Brüder. Wie man sieht, hatten größere Geschwister auch im neunten Jahrhundert schon unter Zurücksetzungen zu leiden.
Russische Sprachwissenschaftler und Hüter ihrer Schriftkultur haben herausgefunden, dass ein Drittel der wissenschaftlichen Literatur unserer heutigen Welt mit kyrillischen Buchstaben geschrieben ist. Und vereinigen sich in einer teils empörten, teils gelassen lächelnden Front gegen Bestrebungen in der gegenwärtigen russischen Staatsduma, das kyrillische Alphabet zwecks Annäherung an den Westen abzuschaffen. Wohlgemerkt, wir reden hier auch von der Schrift der Puschkin, Gogol, Tolstoi, Dostojewski und Tschechow…
Die verlinkten Schriftzeichendarstellungen der kirchenslawischen Kyrilliza und der Glagoliza sind ein kleines Fest für die Freunde der Kalligrafie, hoffe ich.
Und die Sturmtieftäufer sollen sich gefälligst beim nächsten Mal passendere Namen für ihre Orkane ausdenken. Sie können sich ja mal bei den neuesten Favoriten umschauen, mit denen die Briten derzeit ihren bedauernswerten Nachwuchs malträtieren. Oder… wie wärs mit: Iwan, der Schreckliche?

6 Kommentare »
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Hochhaushex'

Hallo Hochhaushexe!
Na da hättest Du Dir vielleicht doch lieber den Brocken als Wohnsitz ausgesucht, hm? Da hat der Kyrill zwar auch ordentlich reingehauen, aber immerhin wars quasi ebenerdig. Hat die Platte ordentlich geschwankt bei Dir? Und wenn schon! Plattenbau-Rodeo ist doch fast besser als die alte Nummer mit dem Besen… Grüße!
Kommentar von hormuthsfrederic — Januar 22, 2007 #
Wo doch der Wind als poetischer Topos geschriebene Sachen immer nur löscht, ganz bestimmt aber keine Alphabete erfindet…
Das wissenschaftliche Weltdrittel überrascht mich allerdings schon. Sollte ich je Urlaub haben, geh ich mal rausfinden, dass drei Viertel des Weltliedgutes in insularer Minuskel irischer Ausprägung geschrieben sind
Slainte, yeah!
Kommentar von Wolf — Januar 22, 2007 #
@frederic: Hab ich doch! *g* – ‘nen 1A Beton-Brocken sogar *g*. Mit mindestens 25 km Fernsicht bei gutem Wetter. Geschwankt hat hier nix. Prestigeschschädigende Architektursünden hin oder her, hier sind die Stahlträger fest IN die Wand gepappt. Aber Plattenbau-Rodeo klingt spannend, das nehm ich mal in meinen Wortschatz auf – zwecks gelegentlicher Weiterverwendung… wenn ich darf? ;o)
Zu dem passte aus dem Weltliedgut dann eher die gepflegte Country-Mucke. Oder, Wolf?
) Aber die irisch ausgeprägte Sammlung find ich auch gut – darf ich mitspielen? ;o) Wo wir das doch schon geübt haben…
Ah ja, wenn wir schon mal dabei sind, hier noch was abseitigeres Musikalisches – um den Späterben der kyrill(i)schen Erfindung die Ehre zu geben -, doch ein wohl gegossenes volksbardenes Blümelein unter denselbigen. Leider sind viele Lieder nicht in der ursprünglichen, gekonnten und viel schöneren schlichten Gitarren-Version.
Kommentar von hochhaushex — Januar 23, 2007 #
Ojoj – was man da alles erfährt:
Ist das so? Ich meine, muss das so…?
Kommentar von Wolf — Januar 24, 2007 #
Nein, Wolf, das muss nicht so. Und schon gar nicht ist es so. Und eigentlich ist die Geschichte der russischen Liedermacher und Volkssänger der Neuzeit ein eigenes, spannendes Thema. Hmm… vielleicht schreib ich ja hier gelegentlich mal was dazu.
Einstweilen zur obigen Rezension zu Vladimir Vissotski nur soviel: wer auch immer sie geschrieben hat, er/sie hat keine blasse Ahnung von dem, worüber er sich da auslässt. Der größte Lapsus ist, dass er hinsichtlich der Veröffentlichungen mehrere politische Perioden in einen Topf wirft. Natürlich war der Zugang seit der Perestroika ein anderer, und es stimmt auch, dass er kein Dissident im klassischen Sinne war. Aber über eine lange Zeit seit Anfang der sechziger Jahre verbreiteten sich seine Lieder (und nicht nur seine) vor allem über Tonbandaufnahmen im Land:
Das ist ein Zitat aus dem Nachwort eines im Jahr 2000 bei Reclam erschienen zweisprachigen Bändchens „Russische Liedermacher“, das ein herzwarmes Plätzchen in meinem Bücherregal hat. Geschrieben von der anerkannten und v.a. einschlägigen Literaturwissenschaftlerin Katja Lebedewa. Und die sollte es doch schließlich besser wissen.
(Auch hier bitte die Rezension von Perlentaucher.de nicht gar so wörtlich nehmen.)
Das mit der angeblichen Vinylknappheit, noch dazu in den 80er Jahren scheint mir absoluter Schwachfug zu sein. Ich habe dort eine Zeitlang gelebt und kann mich sowohl an die in Studentenkreisen kursierenden Insider-Aufnahmen unveröffentlichter Lieder als auch an den Überüberüberfluss vinylener Tonträger jedes nur existierenden Musikgenres noch deutlich erinnern. Bis hin zu den Highlights westlicher moderner Mucke, die z.B. in der DDR nicht zugänglich war.
Ein Zitatel noch, bevor mir der Kommentar vollends zu einem ganzen neuen Textbeitrag ausufert:
Zu finden ist es zusammen mit einer Biografie Wyssotskijs, vielen interessanten Informationen und Fotos zum Leben und Schaffen dieses großen Barden und Mimen (sogar in deutscher Sprache) auf:
http://www.vladimir-vysotsky.de
Viel Spaß beim Kramen!
P.S. Die unterschiedlichen Schreibweisen des Namens Wladimir Wyssotskij sind Absicht und haben mit den verschiedenen Transkriptionssystemen zu tun, die die einzelnen Autoren verwendeten – ich favorisiere die hier im PS.
Kommentar von hochhaushex — Januar 25, 2007 #
[...] hat ihr Schulrussisch nicht nach der letzten Schulaufgabe verdrängt, sondern zu Ende studiert. Darum weiß sie [...]
Pingback von Die Welt spricht Moby (und Moby spricht russisch) « Moby-Dick 2.0 — Juli 23, 2007 #